Kommentar: Stirbt die Wahrheit im Krieg um Informationen?

Regieren mit Twitter und Fakenews?  Foto: Folker Quack

"Die Wahrheit, so schlimm sie auch sein mag, kann nie so gefährlich werden, wie eine Lüge." Dies sagte vor vielen Jahren der legendäre Chefredakteur der Washington Post, Ben Bradlee. In Zeiten von Fake-News, alternativen Fakten und Lügenpresse-Vorwürfen klingen seine Worte so aktuell wie nie. Nicht nur in der US-Hauptstadt, auch in Berlin, München oder Würzburg.

Heute vor 70 Jahren trat unser Grundgesetz in Kraft. Es sortiert die Meinungs- und Pressefreiheit sehr bewusst unter die Grundrechte ein. Presse -und Meinungsfreiheit sind ein unveräußerliches Menschenrecht. Sie gehören untrennbar zusammen. Ohne sie ist eine demokratische Gesellschaft nicht möglich.

In Gefahr waren sie schon immer.  Weil Menschen bereit sind für Macht und Pfründe die Wahrheit zu opfern. Weil Populisten mit Halbwahrheiten um Zustimmung buhlen. Wenn sich Herrscher im generellen Besitz der Wahrheit wähnen. Wenn materielle Werte höher als die Wahrheit eingeschätzt werden.             

Wenn das Smartphone zur Waffe wird

"Das erste Opfer des Krieges ist die Wahrheit." Dieses Zitat ist schon bei den alten Griechen nachzuweisen. Und doch haben wir es heute mit einer neuen Dimension zu tun. "Wir leben im Informationskrieg", sagt der BR-Journalist Richard Gutjahr und beschreibt den Kampf um die Deutung der Wahrheit. Er hat Recht. Doch die Fronten verlaufen nicht mehr zwischen Staaten oder Volksgruppen. Kriegsparteien brauchen keine Geheimdienstarmeen mehr. Die wichtigste Waffe in diesem Krieg haben wir fast alle in der Tasche: das Smartphone.     

Im Internet, über soziale Medien, Portale und Apps lassen sich in Sekundenschnelle Nachrichten Meinungen, Fälschungen verbreiten. Kleine Programme, sogenannte Bots, verstärken Einzelmeinungen zu angeblichen Massenphänomenen. Viele Autoren sind Kunstfiguren, die mit ganz bestimmten Absichten programmiert wurden. Die Algorithmen von Google, Facebook und Co. tun ihr übriges. So geraten Menschen schnell in eine virtuelle Filterblase, in der sie nur noch Informationen und Meinungen finden, die der ihren entsprechen oder ganz nahe kommen. Die tauschen sie dann wieder untereinander aus, und es entsteht ein virtuelles Wahrheitsgefühl, das für die echte Wahrheit gehalten und gegen andere Meinungen verteidigt wird.  Journalisten, die in diese Filterblasen stechen, die Recherche und widersprüchliche Meinungen recherchieren und in ihren Medien auch zulassen, werden dann auch noch als "Lügenpresse" verunglimpft.    

Hass und Verleugnung keine Chance geben

Gerade das digitale Zeitalter braucht unabhängigen Journalismus, freie Medien und professionell arbeitende Redaktionen, um die grundgesetzlich verbriefte Meinungsfreiheit zu erhalten. Nach wie vor orientieren sich viele Deutschen hierbei an den gedruckten und digitalen Angeboten der Zeitungshäuser. Mehrere Quellen, beide Seiten hören, Unabhängigkeit und Unbestechlichkeit, ethische Gesichtspunkte wahren. Das sind die Grundlagen, auf denen professionelle Redaktionen arbeiten. Und wenn doch mal ein Fehler unterläuft, muss er eingestanden und berichtigt werden. Das unterscheidet Qualitätsjournalismus von den digitalen Angeboten, die ohne journalistische Redaktion auskommen. Bei denen Klickraten, kommerzielle oder politische Interessen den unabhängigen Journalismus ersetzen.        

Niemand muss mit allen Journalisten einer Meinung sein. Aber für die Meinungsfreiheit ist ihre Arbeit unersetzlich. Darum werden sie von vielen Herrschenden gefürchtet, verunglimpft oder gar verfolgt, von wahren Freunden der Demokratie aber wertgeschätzt. 

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