London

Kritik an Prinz Andrew im Missbrauchsskandal nimmt zu

Die BBC hat in der Sex-Affäre um  Täter Jeffrey Epstein ein Interview mit einem mutmaßlichen Opfer  ausgestrahlt. Virginia Giuffre sagt, sie sei zum Sex gezwungen worden.
Virginia Roberts Giuffre spricht im Fall Epstein mit Journalisten vor einem Gericht in Manhattan. Die US-Amerikanerin Giuffre wiederholte jetzt in einem BBC-Interview den Vorwurf, sie sei als 17-Jährige  dreimal zu Sex mit Prinz Andrew gezwungen worden.
Virginia Roberts Giuffre spricht im Fall Epstein mit Journalisten vor einem Gericht in Manhattan. Die US-Amerikanerin Giuffre wiederholte jetzt in einem BBC-Interview den Vorwurf, sie sei als 17-Jährige  dreimal zu Sex mit Prinz Andrew gezwungen worden. Foto: ArchivBebeto Matthews, dpa

"Dies ist keine schmutzige Sexgeschichte. Dies ist eine Geschichte von Menschenhandel, von Missbrauch und dies ist eine Geschichte, die von euren Royals handelt.“ Es ist jene von Prinz Andrew und Virginia Roberts Giuffre, nun erstmals ausführlich erzählt von der 35-jährigen US-Amerikanerin. Sie ist eines der Opfer des mittlerweile toten US-Geschäftsmanns Jeffrey Epstein und hat in einem Interview ihre schweren Vorwürfe gegen Prinz Andrew erneuert. Drei Mal sei sie im Alter von 17 Jahren zum Sex mit dem zweiten Sohn von Königin Elizabeth II. gezwungen worden.

Guiffre, die früher Roberts hieß, wandte sich zudem direkt an die britische Öffentlichkeit, „das nicht als Okay zu akzeptieren“ und ihr zu helfen, diesen Kampf zu kämpfen. Das Interview war Teil einer einstündigen Sendung des BBC-Reportageformats „Panorama“. Damit gerät Prinz Andrew noch tiefer in den Strudel des Skandals. Auch wenn der Lieblingssohn der Queen seine öffentlichen Aufgaben für das Königshaus bis auf Weiteres bereits abgab, werde der Epstein-Skandal für Andrew zu einer „endlosen Horror-Show“, wie ein Kommentator meinte. Der können auch die übrigen Royals kaum noch entkommen. Im Gegenteil: Beobachter sprechen von der größten Krise des Königshauses seit dem Tod von Prinzessin Diana.

Wer sagt die Wahrheit?

Es geht vor allem um die Frage: Wer sagt die Wahrheit? Vor knapp zwei Wochen schilderte Prinz Andrew seine Sicht der Dinge. Das Interview sollte der Befreiungsschlag werden, doch es entwickelte sich zum PR-Desaster für den 59-Jährigen. Es löste so viel Empörung und vernichtende Kritik aus, dass Andrew am Ende seine Repräsentantenrolle für das Königshaus auf Druck von Thronfolger Prinz Charles aufgeben musste. Der plant schon länger, die royalen Strukturen zu verschlanken und die Zahl der für „die Firma“ arbeitenden Mitglieder der Königsfamilie auf ein Minimum zu reduzieren.

Und es war der künftige König, der seine Mutter dazu gedrängt hat, den Herzog von York von seinen Pflichten – und Vorrechten – zu entbinden. Regelmäßig wird auf der Insel Kritik laut angesichts der Ausgaben von weniger zentralen Royals, die vom britischen Steuerzahler finanziert werden. Die Krise um seinen Bruder, die zunehmend auf den Palast abfärbt, dürfte Charles in seinem Modernisierungsvorhaben bestärken. Aber wird ein striktes Vorgehen und der De-Facto-Ausschluss von Prinz Andrew aus dem engsten Kreis des Palasts genügen, um die Monarchie vor allzu großem Schaden zu bewahren? Königin Elizabeth II. zeigte sich in den vergangenen Wochen zwei Mal demonstrativ mit Sohn Andrew. Bislang nehmen ihr die Briten die offensichtliche Unterstützung im Privaten nicht krumm. Doch die Stimmung im Volk, das weiß niemand besser als die Monarchin selbst, kann jederzeit kippen.

"Ich konnte einfach nicht verstehen, wie mächtige Menschen auf der höchsten Ebene der Regierung das zulassen konnten."
Virginia Roberts Giuffre

Der Herzog von York war jahrelang mit dem US-Multimillionär befreundet und übernachtete mehrere Male in verschiedenen Anwesen des verurteilten Sexualstraftäters, der sich im August 2019 in Untersuchungshaft das Leben nahm. Ihm wurde vorgeworfen, Dutzende Minderjährige missbraucht und zur Prostitution gezwungen zu haben. Andrew hatte, selbst nach einem ersten Gefängnisaufenthalt Epsteins, den Kontakt zu ihm nicht aufgegeben. Was er inzwischen öffentlich bedauert hat. Gleichzeitig stellte der Prinz in Aussicht, mit den Behörden zusammen zu arbeiten. Er muss der BBC zufolge bei Reisen in die USA künftig damit rechnen, zur Zeugenaussage vorgeladen zu werden.

Andrews Auftreten während seines Interviews und das am Montag veröffentlichte der emotionalen Giuffre hätten unterschiedlicher kaum sein können. Hier der privilegierte, von der Realität entrückte und arrogant erscheinende Herzog von York vor der Kulisse des Buckingham-Palasts, der sich weder an eine Begegnung mit der blonden Frau noch an das mittlerweile berühmte Foto von ihm und der damals 17-Jährigen erinnern kann und mit äußerst bemerkenswerten Erklärungen aufwartet.

"Es war ekelhaft"

Dort die emotionale Giuffre, der bei der Erinnerung an damals immer wieder die Stimme stockt, einmal die Tränen über die Wangen laufen. Deren Stimme zittert, wenn sie sie davon erzählt, wie sie zum Sex mit dem Prinzen gezwungen wurde. „Es dauerte nicht sehr lange, die ganze Prozedur. Es war ekelhaft.“ Um dann ungläubig und noch immer fassungslos unter Schluchzen zu resümieren: „Ich konnte einfach nicht verstehen, wie mächtige Menschen auf der höchsten Ebene der Regierung das zulassen konnten. Es nicht nur zugelassen haben, sondern auch noch daran teilgenommen haben.“

Immerhin, die BBC präsentierte Beweise für einen E-Mail-Verkehr zwischen Andrew und Epsteins damaliger Freundin Ghislaine Maxwell aus dem Jahr 2015. Der Prinz schreibt darin, er habe „einige spezifische Fragen bezüglich Virginia Roberts“. Virginia Roberts, heute Giuffre - jene Frau also, an die sich Andrew vor zwei Wochen partout nicht mehr erinnern konnte.

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