Berlin

Özdemir scheitert beim Sprung an die Fraktionsspitze

Cem Özdemir hat sein Comeback in einer Führungsposition der Grünen verpasst.  Foto: JOHN MACDOUGALL, afp

Cem Özdemir hat den Sprung an die Spitze der Bundestags-Grünen und damit das Comeback verpasst. Zusammen mit seiner Mit-Kandidatin Kirsten Kappert Gonther unterlag er am frühen Dienstagabend klar den Amtsinhabern Katrin Göring-Eckardt und Toni Hofreiter.

Der 53-Jährige Özdemir war im Frühjahr 2018 als Parteichef zurückgetreten. Zuvor durfte er sich bei den Gesprächen über eine Regierungskoalition seiner Grünen mit Union und FDP kurzzeitig als künftiger Bundesaußenminister fühlen. Doch nachdem die FDP die Reißleine zog, blieb Özdemir nur ein Trostpreis: Das Amt des Vorsitzenden des Verkehrsausschusses des Bundestags.

Dass sich der ehrgeizige Schwabe mit anatolischen Wurzeln damit begnügen würde, glaubte niemand. Viele in Fraktion und Partei rechneten allerdings damit, dass er versuchen würde, Winfried Kretschmann als Ministerpräsident von Baden-Württemberg zu beerben. Doch nachdem Kretschmann (71) kürzlich verkündete, noch einmal anzutreten, schloss sich dieses Fenster. Özdemir wagte die Kampfkandidatur. Weil die Grünen laut Satzung eine Doppelspitze mit mindestens einer Frau wählen und zudem traditionell die beiden Parteiflügel berücksichtigen, brauchte er eine Co-Kandidatin.

Özdemir gehört dem gemäßigten Lager an, gilt sogar als „Ober-Realo“. So musste die Partnerin aus dem linken Fundi-Flügel kommen. Doch prominente Fundi-Frauen ließen Özdemir abblitzen. So trat er schließlich mit Kirsten Kappert-Gonther (52) an. Die Bremerin ist neu im Bundestag, noch kaum vernetzt, im Fundi-Lager hat sie kaum Rückhalt. Trotzdem sorgte Özdemirs Versuch der Revolte für höchste Aufregung.

Schon am frühen Dienstagnachmittag ist die Anspannung in den Reihen der Fraktion groß. Unzählige Gespräche, so berichten Abgeordnete, gab es in den vergangenen Tagen, beide Lager versuchten demnach bis zur letzten Minute, vermeintlich Unentschlossene zu für sich einzunehmen. Doch kurz vor Beginn der Sitzung rechnen sowohl Realos als auch Fundis damit, dass alles beim Alten bleibt. Wie es heißt, steht das Fundi-Lager geschlossen hinter seinem Vertreter Toni Hofreiter (49). Auch mit der pragmatischen Realo-Frau Katrin Göring-Eckardt (53) können viele gut leben. Kirsten Kappert-Gonther, die Fundi-Frau an Özdemirs Seite, hat dagegen im eigenen Lager kaum Unterstützung.

Bei den Realos, zahlenmäßig eigentlich die größere Gruppe, ist das Bild dagegen uneinheitlich. Längst nicht alle stehen hinter Özdemir. Der hat mit seiner so selbst- wie machtbewussten Art als Parteivorsitzender auch bei vielen Realos Verletzungen und Wunden hinterlassen. Manche fürchten, im Schatten eines allzu dominanten Fraktionschefs an Bedeutung zu verlieren.

Quer durch die Fraktion ist zudem in den Tagen vor der Wahl die Furcht gewachsen, dass es mit der grünen Harmonie der vergangenen Wochen und Monate schlagartig vorbei sein würde, wenn mit Özdemir ein starker Gegenpol zur populären Parteispitze mit Annalena Baerbock und Robert Habeck entstünde.

Gegen 15 Uhr schließen sich auf der Fraktionsebene des Bundestags die Türen hinter den Grünen-Abgeordneten. Gut zwei Stunden wird diskutiert, ruhig und sachlich, berichten Teilnehmer. Dann wird zunächst der weibliche Teil der Fraktionsspitze gewählt. Katrin Göring-Eckardt landet mit 41 zu 19 Stimmen deutlich vor Kirsten Kappert-Gonther. Eine Vorentscheidung. Nur theoretisch könnte jetzt bei den Männern noch Özdemir vor Hofreiter landen. Dann wären zwei Realos Fraktionschef, der übliche Grünen-Proporz wäre verletzt. Die Sensation bleibt aus. Hofreiter erhält 39 Stimmen. Der Bayer bleibt Fraktionschef. Özdemir bleibt mit 27 Stimmen die zweite Reihe.

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