Berlin

Schweben Politiker in einer Blase über den Wolken?

Laut einer Studie glauben mehr als 80 Prozent: Politikern ist es egal, was ihre Wähler denken. Daher sehen sich viele Befragten als Bürger zweiter Klasse.
Eine aktuelle Studie sagt: Etwa ein Drittel der befragten Menschen findet im aktuellen gesellschaftlichen System keinen Halt.  Foto: Martin Gerten, dpa

Wenn von der großen Politik gesprochen wird, dann ist oft von der Blase die Rede, in der sich Bundestagsabgeordnete beispielsweise mit Journalisten und Lobbyisten tummeln. In der Tat ist gerade während der Sitzungswochen des Parlaments zu beobachten, dass sich die genannten Akteure gerne um sich selbst versammeln und den Rest der Republik von oben betrachten. Nicht alle Politiker sind so, viele nehmen den Auftrag ihrer Wählerinnen und Wähler sehr ernst. Der Gesamteindruck in der Bevölkerung allerdings ist eindeutig: Vier von fünf Befragten halten Politiker einer neuen Umfrage zufolge für abgehoben und sind der Meinung, die Volksvertreter würden sich nicht dafür interessieren, was sie denken. Und 51 Prozent der Befragten halten sich für „Bürger zweiter Klasse“.

Herausgefunden hat das das Meinungsforschungsinstitut Kantar Public (vormals TNS Infratest), das den Angaben zufolge 4001 nach repräsentativen Kriterien ausgewählte Personen befragte. Das Material wiederum wurde von More in Common aufbereitet - eine Organisation, die dem Thema „Gesellschaftlicher Zusammenhalt“ auf der Spur ist und dabei unter anderem von der Robert Bosch Stiftung unterstützt wird.

Anleitung zur Stärkung des gesellschaftlichen Zusammenhalts

Auch der Umgang mit der deutschen NS-Vergangenheit war Thema der Studie. Das Mahnmal "Gleis 17" im Berliner Stadtteil Grunewald erinnert an Deportationen von Berliner Juden in den Osten.  Foto: Carsten Koall, dpa

More in Common hat sich in der Studie, die seit Donnerstag öffentlich ist, nicht nur mit der Politik(er)verdrossenheit befasst, es geht auch um Themen wie die deutsche NS-Vergangenheit oder die angebliche Spaltung von Ost und West. Das umfangreiche Werk soll und kann Anleitung sein für Parteien, Ministerien und Stiftungen, über ganz konkrete Projekte zur Stärkung des gesellschaftlichen Zusammenhalts nachzudenken und in Zeiten der Digitalisierung eingefahrene analoge Strukturen zu verlassen. „Uns geht es dabei auch um die Frage, was heute eigentlich in der Ansprache von Menschen noch funktioniert“, sagt die Geschäftsführerin von More in Common Deutschland, Laura-Kristine Krause, die neben Projektmanager Jérémie Gagné als Autorin für die Studie verantwortlich zeichnet.

Die Studie hat sechs Typen der deutschen Gesellschaft identifiziert, die sich gegenseitig abgrenzen: Die Involvierten und die Etablierten mit einem Anteil von jeweils 17 Prozent, die Pragmatischen und die Offenen (je 16 Prozent), die Enttäuschten (14 Prozent) und die Wütenden (19 Prozent). Bemerkenswert ist dabei erstens, dass nahezu alle sechs Typen gleichmäßig auf das Land verteilt sind, die oft vermutete Ost-West-Teilung in den Wertevorstellungen gibt es demnach nicht.

Menschen finden im System derzeit keinen Halt

Zweitens kommt die Untersuchung zu dem Schluss, dass ein Drittel der deutschen Gesellschaft, bestehend aus den Pragmatischen und den Enttäuschten, im aktuellen System keinen Halt findet und damit praktisch „unsichtbar“ ist. Diese Menschen sind sozial und politisch außen vor, es seien „oft die Jüngeren, die sich einsam fühlen“, sagt Co-Autor Gagné. Mehr als die Hälfte der Nichtwähler ist im „unsichtbaren Drittel“ zu finden. „Wenn Politik und Zivilgesellschaft keinen Weg finden, diese Gruppe anzusprechen, dann könnte jemand anderes in dieses Vakuum vorstoßen“, sagt Laura-Kristine Krause mit Blick auf die Studie: Wenn die Unsichtbaren wählen gehen, dann demnach gerne die AfD.

In diesem Zusammenhang lohnt auch der Blick auf das Studien-Kapitel „Deutsche Identität in Bewegung“. Demnach haben sich die Deutschen mehrheitlich von alten ethnisch fundierten Zugehörigkeitskriterien (beispielsweise in Deutschland geboren zu sein) verabschiedet und sich anderen Maßstäben zugewendet, die erfüllbar sind: Die Achtung der Gesetze und das Erlernen der deutschen Sprache etwa. Gleichzeitig fordern 60 Prozent, „unter die Verbrechen der deutschen Vergangenheit sollte endlich ein Schlussstrich gezogen werden“.

Das Ziel von More in Common scheint vor diesem Hintergrund so hehr wie notwendig. „Wir hoffen, dass die Studie die Grundlage ist und den Anstoß dafür bietet zu schauen, wie wir zwischen gesellschaftlichen Gruppen kommunizieren“, sagt Krause. Die Aussichten auf Besserung sind so schlecht nicht. Die meisten Wähler sind mit der Politik zwar nicht zufrieden. Sie haben der Studie zufolge aber ein großes Interessen und die Experten fassen die Stimmung im Volk so zusammen: „Man hat durchaus Hoffnung, erwartet aber dringend entschiedenes Handeln.“

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