München

IS-Prozess um verdurstetes Mädchen: „Ich wollte ihr helfen”

Angeklagte       -  Die angeklagte mutmaßliche IS-Rückkehrerin sitzt in München vor Gericht.
Foto: Peter Kneffel/dpa | Die angeklagte mutmaßliche IS-Rückkehrerin sitzt in München vor Gericht.

Fast zwei Jahre hat sie geschwiegen - jetzt hat die mutmaßliche IS-Terroristin Jennifer W. sich erstmals zu den grausigen Vorwürfen gegen sie geäußert.

In einer persönlichen Erklärung, die ihre Anwältin am Mittwoch vor dem Oberlandesgericht (OLG) München verlas, schilderte sie, wie ihr damaliger Ehemann die erst fünf Jahre alte Rania im Jahr 2015 mit einem Seil im Innenhof ihres Hauses im irakischen Falludscha festgebunden habe. „Ihre Hände waren vorne an den Handgelenken zusammengebunden”, sagte sie. „Ich wollte ihr natürlich auf der Stelle helfen, wusste aber nicht, wie.” Sie habe gemerkt, dass es immer heißer und die Sonne stärker wurde.

Darum habe sie versucht, ihren Mann dazu zu bewegen, das Kind wieder ins Haus zu holen. Er sei aber aggressiv geworden, habe gesagt, das Ganze gehe sie nichts an. Das Kind habe lernen sollen, „zu hören”. Immer wieder habe sie ihn gebeten, das Mädchen wieder reinzulassen. Sie habe währenddessen geputzt und mehrmals nach dem Kind geschaut. Sie sei „erschrocken, wie schnell sich ihr Zustand verschlechtert hatte”.

Erst als die Kleine zusammensackte, sei er zu ihr gelaufen und habe sie losgebunden. Weil sie leblos blieb, sei er mir ihr aus dem Haus gelaufen und zu einem Krankenhaus gefahren. „Ich war geschockt”, hieß es in der Erklärung der Angeklagten. Sie habe geweint und nicht schlafen können. Bei seiner Rückkehr habe ihr Mann nicht gesagt, dass Rania gestorben sei, hieß es in der Erklärung der Angeklagten. Kurz nach diesem Ereignis, das sie in ihrer Erklärung mit „Der Tag” überschrieb, sei das Paar aus dem Irak in die Türkei gereist. Von dort aus wurde Jennifer W. dann nach Deutschland abgeschoben, bei einem erneuten Ausreiseversuch Jahre später wurde sie dann festgenommen und schließlich angeklagt.

Die 29 Jahre alte Frau aus Lohne in Niedersachsen ist wegen Mordes durch Unterlassen angeklagt, weil sie tatenlos dabei zugesehen haben soll, wie das Kind verdurstete. Die Bundesanwaltschaft wirft ihr außerdem Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung im Ausland und Kriegsverbrechen vor. Bei dem Mädchen und seiner Mutter soll es sich laut Anklage um versklavte Jesiden handeln, die Angeklagte gibt aber an, sie für Muslime gehalten und gut behandelt zu haben. Die Jesiden werden von der Terrororganisation Islamischer Staat (IS) systematisch verfolgt. Der damalige Ehemann der Angeklagten ist ebenfalls wegen Mordes angeklagt und steht in einem separaten Verfahren in Frankfurt vor Gericht.

© dpa-infocom, dpa:210310-99-761542/4

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