„1200 Euro pro Kind“

Kapital statt Kinder sei die Leitlinie der aktuellen Politik, sagt Kostas Petropulos, der Leiter des Heidelberger Büros für Familienfragen und Soziale Sicherheit. Am Samstag referiert er auf der Benediktushöhe in Retzbach (Lkr. Main-Spessart) zum Thema Erziehungsgehalt. Im Interview spricht Petropulos über seine Ideen.

Frage: Sie möchten, dass Eltern für die Kindererziehung ordentlich vom Staat bezahlt werden.

Kostas Petropulos: Ich plädiere für ein Erziehungsgehalt, das Eltern finanziell absichert. Der Grundgedanke ist: Eltern sollen selbst entscheiden können, wie sie die Kinderbetreuung organisieren wollen. Entweder sie leisten zu Hause selbst Erziehungsarbeit, delegieren sie oder wollen eine Kombination aus beidem. Das bedeutet, ein Erziehungsgehalt und staatlich organisierte Betreuungsangebote gehören zusammen. Das ist übrigens nicht nur eine Idee von uns, sondern Verfassungsauftrag. Beim Kinderbetreuungsurteil 1998 entschied das Bundesverfassungsgericht erstmals, dass Zeit für die Kindererziehung die gleiche Bedeutung hat wie Sachleistungen. Der Gesetzgeber bekam den Auftrag, die Wahlfreiheit der Eltern in ihren tatsächlichen Voraussetzungen zu organisieren.

Wie viel Gehalt sollten Eltern bekommen?

Petropulos: 1200 Euro pro Kind, vielleicht begrenzt bis zum vierten Kind. Eine nachvollziehbare Größe zur Berechnung ist der Zuschuss in eben dieser Höhe, den der Staat pro Krippenplatz zahlt. Das Geld gäbe es unabhängig vom Familieneinkommen.

Wie lange?

Petropulos: Mindestens bis zur Grundschulzeit, eventuell länger, aber reduziert. Weniger Zeit für die Erwerbsarbeit haben meistens die Mütter bis weit in die Schulzeit hinein. Sie arbeiten öfter Teilzeit und verdienen weniger als Kinderlose – ganz zu schweigen von dem erhöhten Stress, den Studien vor allem vollzeitarbeitenden Müttern attestieren.

Gegen das Erziehungsgehalt könnte man einwenden, dass Frauen, die sich ja hauptsächlich um die Kinder und die pflegebedürftigen Angehörigen kümmern, zugunsten der Männer beruflich eine Reihe zurücktreten könnten.

Petropulos: Das ist schon heute der Fall. Nur dass sie keine Hilfen bekommen. Das ist aber kein allein deutsches Phänomen. In ganz Europa wird Erziehungsarbeit vor allem von Frauen geleistet – selbst in dem als Vorbild gepriesenen Skandinavien. Ein Großteil der Mütter arbeitet dort für Erziehung und Bildung, aber eben nicht zu Hause, sondern in Einrichtungen unter staatlicher Kontrolle.

Die Linie der Politik ist im Moment, dass vor allem professionelle Erziehung Kinder auf das Leben in unserer Wissensgesellschaft vorbereiten kann. Sehen Sie trotzdem Kinder an Mamas Schürzenband besser aufgehoben?

Petropulos: Bildung ist ohne Bindung nicht möglich. Die politische Vorstellung, man könnte durch Bildung von klein auf den wissenschaftlichen Nachwuchs heranziehen, die nötige Kreativität organisieren und kontrollieren, ist kompletter Unsinn. Erst mit emotionaler Sicherheit und Stabilität können Kinder Neugier entwickeln und sich so Wissensfelder selbst erschließen. Dazu brauchen sie kreative Freiheit. Nur so entsteht echtes Wissen. Das brauchen wir und nicht von Experten ausgewähltes und dann methodisch ausgefeilt in die Kinderköpfe transferiertes Wissen.

Als Alternative zum Familiengehalt wird bei der Fachtagung der KAB am Samstag im Bildungshaus Benediktushöhe das bedingungslose Grundeinkommen für alle diskutiert.

Petropulos: Das Grundeinkommen halte ich für verfrüht. Wir haben noch einen sehr eingeengten Arbeitsbegriff. Wir glauben, die Produktion von Waren und Dienstleistungen hält die Gesellschaft zusammen. Das ist falsch. Für diese Produktion gibt es ökologische Grenzen und es gibt einen anderen Bedarf in der Gesellschaft, etwa an ehrenamtlichem Engagement. Wir müssen unseren Arbeitsbegriff erweitern. Das Erziehungsgehalt wäre ein grundlegender Schritt in diese Richtung.

Und haben Sie nicht Angst, dass dann kaum noch jemand in die Betriebe geht?

Petropulos: Es ist ein zutiefst menschliches Bedürfnis, erworbenes Wissen einzusetzen. Abgesehen davon wäre es in Ordnung, wenn die Produktion unnützer oder gar schädlicher Leistungen und Waren zurückginge und wir uns stattdessen beispielsweise mehr um unsere Nachbarn kümmern oder in Vereinen engagieren. Das ist die Art der persönlichen und gesellschaftlichen Bereicherung, die unsere materiell übersättigten Wohlstandökonomien im Westen tatsächlich brauchen. Das Erziehungsgehalt wäre überdies eine Art Mindestlohn, der die Arbeitgeber unter Druck setzt. Nur wenn die Arbeit angemessen bezahlt wird, wird sie auch gemacht.

Ob Familiengehalt oder Grundeinkommen – wer soll das bezahlen?

Petropulos: Das ist die einfachste Frage. Da kann ich nur auf die deutsche Einheit verweisen. Wenn wir ein gesellschaftliches Ziel definieren und wichtig finden, dann mobilisieren wir auch das nötige Geld.

Diskutiert und geforscht wird zum Familiengehalt und zum bedingungslosen Grundeinkommen seit Jahrzehnten. Ist die Zeit jetzt reif für den Mentalitätswandel, der dafür notwendig ist?

Petropulos: Die Zeit ist noch nicht reif. Noch leben wir in der Illusion, dass der schwindende Nachwuchs und seine Nöte uns nicht wirklich beunruhigen müssen. Schließlich gibt es ja gegen alles eine Versicherung. So glauben wir allen Ernstes, Kinder durch Anhäufen von Geld etwa über die Riester-Rente einfach ersetzen zu können. Doch Geld ist kein Wert an sich, sondern nur ein Versprechen auf die Möglichkeit, künftig Arbeitsleistung einzukaufen. Ist niemand da, der Arbeit leisten kann, gibt es eine Inflation.

Kostas Petropulos

Der Leiter des Heidelberger Büros für Familienfragen und Soziale Sicherheit, Kostas Petropulos (Jahrgang 1960, zwei Kinder), studierte Lehramt, arbeitete als Wissenschaftsjournalist und traf 1992 bei einer Tagung Sozialrichter Jürgen Borchert, der sich für ein familiengerechtes Rentensystem einsetzt. Petropulos gründete 1995 mit Borchert und dem Deutschen Arbeitskreis für Familienhilfe das Heidelberger Büro. Im Internet: wwww.heidelberger-familienbuero.de www.bundestag.de/bundestag/gremien/enquete/wachstum Die Fachtagung der Katholischen Arbeitnehmer Bewegung (KAB) Würzburg am Samstag auf der Benediktushöhe in Retzbach (Lkr. Main-Spessart) beginnt um 9.30 Uhr und dauert bis 16.30 Uhr. Unter dem Titel „Unbezahlbar, aber umsonst?“ geht es um die Möglichkeiten, wie Familienarbeit honoriert werden könnte. Informationen und Anmeldung unter Tel. (09 31) 38 66 53 30 oder per E-Mail: kab@bistum-wuerzburg.de

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