240 Sekunden für den Lebenstraum

Start-ups: Sie kommen mit nichts außer einer Idee. In ihre Vision investieren sie viel, oft vergebens. In Berlin können Jungunternehmer in einem Camp für sich werben. Sebastian Gluschak und Armin Eichhorn suchen hier nach dem Funken Hoffnung – für sich und für Kirgistan.
Kirgisische Kunst: Die Jungunternehmer Sebastian Gluschak (links) und Armin Eichhorn zeigen in ihrem Berliner Büro die b... Foto: meike rost

Vier Minuten Zeit, ihren Traum zu verwirklichen. Vier Minuten, um zu begeistern und zu überzeugen. Vier Minuten für Berlin und Kirgistan. Vier Minuten für 270 000 Euro. 240 Sekunden ab jetzt. „Hallo, wir sind Sebastian und Armin von Kancha.“ Lächeln, locker bleiben und doch kompetent wirken. Eine Folie nach der nächsten wird an die Wand geworfen. Immer wieder zielt der Blick von der Bühne hinunter in den dunklen Saal. Denn dort, im Untergeschoss der Hochschule für Wirtschaft und Recht in Berlin, sitzen sie: die Investoren. Blättern in ihren Unterlagen und machen sich Notizen. Die Luft ist stickig, jeder Stuhl ist besetzt. 26 Start-ups wollen mit ihrer Vision Geld machen. Alles was sie dafür bekommen sind ein Mikrofon, ein Beamer und vier Minuten Zeit.

Drei Tage zuvor weht ein kühler Wind über den Mehringdamm. Herabgefallene Blätter wirbeln über die Straße, und in den warmen Lokalen drängt sich ein Gast an den anderen. Genau hier, zwischen arabischen Falafel-Läden, vietnamesischen Restaurants, türkischen Teestuben und libanesischen Imbissen, liegt es, das kirgisische Nest Kreuzbergs. „Kancha Design“ klebt provisorisch auf der Klingel eines cremefarbenen Altbaus. Vier Stockwerke geht es spiralförmig nach oben, dann liegt es vor einem, das Land der schneebedeckten Berge, der Seen und Steppen. Zumindest auf dem Filz.

„Das Muster spiegelt die Landschaft Kirgistans wider“, erklärt Sebastian Gluschak und zeigt auf die Smartphonehüllen. Mit dunkelblauen Fäden wurden Wellen und Berge auf den schwarzen Filz gestickt. Der 29-Jährige ist begeistert von dem geheimnisvollen Land, erzählt von der faszinierenden Landschaft und den Menschen. Der Staat in Zentralasien hat gerade einmal 5,5 Millionen Einwohner, dafür im Deutschen gleich drei Namen: Kirgisien, Kirgisistan oder eben Kirgistan. „Die Liebe war schuld“, erklärt der Jungunternehmer die Verbindung zu dem ehemaligen Gebietsteil der Sowjetunion. Sein Freund Tobias Gerhard verliebte sich während des Studiums in eine Kirgisin, zog anschließend mit ihr in ihre Heimat. „Wir wollten uns schon immer entwicklungspolitisch engagieren“, sagt Gluschak. Als Gerhard von den Strukturschwächen Kirgistans berichtete, fiel der Entschluss, Entwicklungsarbeit und Unternehmertum zu verbinden. Die Geburtsstunde des Start-ups Kancha. Start-ups, das sind nach der englischen Bezeichnung kürzlich gegründete Wirtschaftsunternehmen, die ganz am Anfang ihrer Karriere stehen. Den meisten mangelt es dabei nicht an originellen Ideen, sondern an finanziellen Ressourcen. So auch bei Kancha.

Die Vision stand schnell fest: Das Traditionelle mit dem Modernen verbinden, das Innehalten mit dem Rastlosen, Ökologisches mit modischem Bewusstsein. „Wir designen für urbane Nomaden“, erklärt Gluschak. Das sind meist junge Menschen, die viel durch die Gegend reisen und dabei immer erreichbar sind – über Smartphone, I-Pad oder Laptop. Die Hüllen sollen nützlich, nachhaltig und schick zugleich sein. Am Puls der Zeit ohne ein schlechtes Gewissen. Nach einer Crowdfunding-Kampagne im Internet, bei der sie 15 000 Euro von privaten Investoren gesammelt hatten, erweiterte sich nach und nach das Team. Zwei Näherinnen, ein Ledermacher, ein Designer und selbstbetitelte „Büroakrobaten“.

Einer von diesen ist Armin Eichhorn. Der groß gewachsene Lockenkopf hat bereits mehrere Jahre erfolgreich als Projektmanager bei dem Spielzeugunternehmen Lego gearbeitet, als er beschloss, wieder bei null anzufangen. „Ich wollte mehr Unsicherheiten und Spannung“, erklärt er. Eichhorn rückt seine tiefschwarze Brille zurecht, hält kurz inne. Einer der wenigen nachdenklichen Momente. Momentan lebe er von Ersparnissen. Doch er möchte nicht mehr zurück, zu sehr brennt er für die Start-up-Szene, die Möglichkeit, etwas zu kreieren. Über das Internet kam er zu Kancha – und zog für seinen Traum nach Berlin. „Hier ist die Trefferquote am höchsten“, sagt der 27-Jährige. Man stoße überall auf Gründer und Investoren – in Cafés, bei Workshops oder auf großen Events.

Das kann Jan Pörksen, Geschäftsführer der Existenzgründung und Unternehmensförderung bei der IHK Berlin, nur bestätigen: „Start-ups sind mittlerweile ein bedeutender Wirtschaftsfaktor für Berlin.“ Die rund 2500 Unternehmen beschäftigten derzeit einige zehntausend Fachkräfte aus der ganzen Welt. Doch in einer Branche, in der man schnell aufsteigen kann, gibt es auch Verlierer. Bei vielen Start-ups klaffen Euphorie und Wirklichkeit weit auseinander und nach dem ersten Aufschwung kommt das schnelle Aus – meist aus finanziellen Gründen. Dennoch blickt Pörksen positiv in die Zukunft: „Bis 2020 wird sich Berlin als Europas Start-up-Metropole etablieren.“ Die jungen Berliner Betriebe, die es mit ihrer Idee geschafft haben, sich auf dem Markt zu etablieren, seien ein großer Innovationsmotor für internationale Konzerne wie Google, Microsoft oder Telekom.

Ein solcher Motor wollen auch die urbanen Nomaden von Kancha werden. Die jungen Männer sind ambitioniert, sprechen in ihrem Büro – einer kleinen Wohnung, die sie sich mit Journalisten teilen – von sozialer Verantwortung und dem Schutz der Menschenrechte. In der vollgestellten Küche, die gleichzeitig Duschraum und Esszimmer ist, stapeln sich die handgemachten Hüllen aus Wollfilz und Leder, die beiden traditionellen Materialien Kirgistans. „Wir lassen alles vor Ort fertigen“, erklären sie. Das Soziale im Zentrum, das ist Kanchas Devise. Man gebe den Arbeitern fast das Doppelte des dort üblichen Gehalts – auch in Krankheitsfällen. „Kancha bedeutet auf kirgisisch 'wie viel‘ und ist Ausdruck dafür, dass wir faire Löhne zahlen“, erklärt Eichhorn. Eine faire Laptophülle kostet um die 70 Euro, 30 Euro die fürs Handy. Das Geschäft läuft gut: rund 1500 Stück haben sie bisher produziert, knapp zwei Drittel schon verkauft. Auf Onlineportalen, Flohmärkten oder in Computerfachgeschäften. Nebenher rühren die beiden stetig die Werbetrommel.

Wie beim Start-up-Camp in Berlin, das einmal im Jahr organisiert wird. Neben Infoständen und Vorträgen von erfolgreichen Unternehmern wie Carsten Maschmeyer gibt es den „pitch marathon“, bei dem im Vierminutentakt Ideen von motivierten Mittzwanzigern vorgestellt werden. „Wir glauben daran, dass“ oder „Wir sind überzeugt, dass“ – wer sich nicht verkaufen kann, hat hier verloren. Die Redner halten ihren Vortrag auf Englisch, mit italienischem, spanischem oder auch rumänischem Akzent. Applikationen für Jogger, Mütter, Studenten, Filmfans, Musiker. Der Großteil will sich im Internet etablieren. „Wir haben als einzige ein Produkt, das man anfassen kann“, stellt Eichhorn belustigt fest. Muss ja nicht schlecht sein. Im linierten Hemd und heller Hose spricht er auf der Bühne von der sozialen Komponente und wirft die gewünschte Summe von 270 000 Euro in den Raum. Geld, das man zum Ausbau der Marketingabteilung nutzen möchte. „Das ist nicht ganz realistisch, die werden mehr brauchen“, sagt Christian Seehusen. Er trägt einen dunklen Anzug, auf seinem Tisch liegen eine Mappe und Visitenkarten. Seehusen arbeitet für „Interim Invest“, einem „Präsenzinkubator“ für Start-ups. „Es ist unsere Aufgabe, gute Ideen zu finden“, sagt er. Neben Geld biete seine Firma auch die Weitergabe von Kompetenzen und das passende Personal an. An Potenzial mangele es der Stadt nicht: „Wir sind richtig hier in Berlin, die Nachfrage ist groß.“

Für Armin Eichhorn und Sebastian Gluschak war der Vortrag mehr Übung als Mittel zum Zweck. Nur zwei Investoren haben Interesse an Kancha gezeigt, fest ausgemacht wurde nichts. Doch die beiden wären falsch in ihrem Metier, würden sie nicht weiterhin positiv in die Zukunft schauen. Eine neue Lieferung wartet bereits am Flughafen auf ihre Abholung und die Internetseite soll weiter verschönt werde. „Es ist immer was zu tun“, resümiert Gluschak. Dafür nehmen sich die Jungunternehmer jetzt Zeit. Mehr als vier Minuten.

Das netzwerk nordbayern unterstützt mit dem Businessplan-Wettbewerb Nordbayern seit 1998 innovative Gründer und wachstumsorientierte Unternehmer aller Branchen bei der Entwicklung eines Businessplans. Zu gewinnen gibt es Preisgelder in Höhe von 40 000 Euro. Infos: www.netzwerk-nordbayern.de/businessplan.

Wettbewerb für unterfränkische Start-ups

Das netzwerk nordbayern unterstützt mit dem Businessplan-Wettbewerb Nordbayern (BPWN) seit 1998 innovative Gründer und wachstumsorientierte Unternehmer bei der Entwicklung eines vollständigen Businessplans. dazu gehört ein individuelles Coaching und ein Weiterbildungsprogramm.

Teilnehmen können Gründer- und Unternehmerteams aller Branchen aus Franken und der Oberpfalz.

In drei Phasen wird der Businessplan entwickelt. Zuerst wird die Geschäftsidee geschildert, dann die Markt- und Wettbewerbsanalyse sowie die Marketing- und Vertriebsstrategie bewertet. In der dritten Phase muss dann ein kompletter Businessplan inklusive Finanzierungsstrategie vorgelegt werden.

Zu gewinnen gibt es Preisgelder in Höhe von 40 000 Euro.

Internet: www.netzwerk-nordbayern.de/businessplan

(huGO-ID: 25038474) Sebastian Gluschak (links) und Armin Eichhorn in ihrem Büro in Berlin. FOTO Meike Rost

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