BRÜSSEL

Afrikas Flüchtlinge brechen auf

Gerettet: Die italienische Marine hat erneut Flüchtlinge im Mittelmeer aufgegriffen und in Sicherheit gebracht. Die Menschen stammen den Angaben der Behörden zufolge aus Eritrea, Nigeria, Somalia, Pakistan, Sambia und Mali. Foto: Dpa/Italian Navy Press Office

Mussie Yohannis hat Wochen gebraucht, ehe er darüber sprechen konnte. Stundenlang trieb er im Mittelmeer, umgeben von Leichen. Ein Fischer holte ihn schließlich am Morgen des 3. Oktober aus dem Wasser vor Lampedusa. 366 andere waren ertrunken. Darunter viele Kinder. Doch die Hölle hatte schon vor dem Untergang des maroden Bootes begonnen. „Sie haben jede Frau, wirklich jede, egal wie alt, vergewaltigt“, berichtete der 26-Jährige aus Eritrea schließlich. Einer der Beamten, dem er im Flüchtlingslager diese Geschichte erzählt, wird später sagen: „Ich habe noch nie so etwas Grausames gehört.“

Was Yohannis widerfuhr, ist kein Einzelfall. Seit Donnerstag müssen sich die Beamten der italienischen und griechischen Marine und Küstenwache wieder ähnliche Erlebnisse anhören. 233 Menschen holte ein römischer Zerstörer am Mittwochabend aus dem Wasser, 85 Flüchtlinge gabelten griechische Grenzschützer in der Ägäis auf. „Früher ließ der Flüchtlingsstrom in den Wintermonaten nach“, berichtete am Freitag ein EU-Beamter vor Ort. „Inzwischen gibt es keine Pause mehr.“

3,9 Millionen auf der Flucht

Nach Angaben der UN-Flüchtlingsorganisation UNHCR befinden sich in Afrika rund 3,9 Millionen Menschen auf der Flucht. UN-Mitarbeiter sprechen offen von einem „Tsunami“, der an die Bollwerke der EU schwappt. Die bemüht sich mit allen Mitteln, die Grenzen dicht zu halten. Erst im Dezember startete man das Projekt „Eurosur“. Informationen über Standorte von Flüchtlingsbooten sollen schneller ausgetauscht, Hilfsmaßnahmen in Fällen von Seenot besser koordiniert werden. Die Staats- und Regierungschefs äußerten bei ihrem Gipfeltreffen wenige Tage vor Weihnachten zwar „tiefes Bedauern über die Vorgänge vor Lampedusa“. An ihrer Asylpolitik ändern wollen sie aber nichts.

Am 1. Januar 2014 trat eine Reform der umstrittenen Dublin-II-Verordnung in Kraft. Dadurch werden zwar die Lebensbedingungen der anerkannten Asylanten verbessert. Auch künftig entscheidet aber der Staat, den der Flüchtling zuerst betritt, über dessen Schicksal. An ein Quotensystem zur besseren Verteilung der Zuwanderer samt Erhöhung der Quoten ist nicht zu denken. Vor wenigen Tagen legte der Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration Berechnungen vor, wie ein neuer Verteilungsschlüssel aussehen könnte. Damit sind die Ungerechtigkeiten innerhalb der EU erstmals belegt. Folgt man diesen Berechnungen, müsste Deutschland insgesamt knapp 16 Prozent aller Flüchtlinge aufnehmen – das wären nur knapp 5000 mehr als derzeit. 20 Mitgliedstaaten aber hätten deutlich mehr Asylbewerber zu verkraften als heute – darunter mit Malta und Zypern auch zwei Länder, die schon jetzt ständig jammern, überlastet zu sein. Italien und Griechenland würden jedoch entlastet.

Der Druck im Kessel steigt

„Lampedusa ist Symptom einer Krankheit, die in den schlecht regierten Staaten Afrikas wurzelt“, analysiert der deutsche Afrika-Experte und frühere Botschafter Volker Seitz. Wenn Europa den Flüchtlingsstrom eindämmen wolle, müsse man den Druck auf die korrupten Regierungen des schwarzen Kontinents erhöhen. „Niemand kann heute sagen, wie der Kontinent mit seinen derzeit fast 1,2 Milliarden Einwohnern im Jahre 2050 rund doppelt so viele Menschen ernähren will.“

Wie sehr der Druck im Kessel steigt, bekamen die spanischen Grenzschützer im Dezember zu spüren. Spät in der Nacht hatten sich da über 1000 unbewaffnete afrikanische Flüchtlinge aufgemacht, den sechs Meter hohen Grenzzaun zur spanischen Enklave Melilla in Marokko zu überwinden, um dort sicheren Boden zu erreichen. „Die Wucht wird größer, mit der Flüchtlinge nach Europa drängen“, beschrieb anschließend ein hoher deutscher Beamter der EU-Grenzschutzagentur Frontex die Situation. 2013 machten sich schon drei Mal so viele Menschen wie im Jahr davor auf die Reise.

In Brüssel ahnt man inzwischen, dass die Flüchtlings- und Asylpolitik zu einer der großen Herausforderungen des neuen Jahres werden könnte. Doch Initiativen oder weitgehende Konzepte gibt es bisher nicht. „Das Asylrecht bleibt, wie es ist“, heißt es aus der Europäischen Kommission. Ob dies allerdings reicht, um zu verhindern, dass sich ein ganzer Kontinent aufmacht, um Elend, Not und Tod zu entfliehen?

Schlagworte

  • Evangelischer Pressedienst
  • Boote
  • Ertrinken
  • Europäische Agentur für die operative Zusammenarbeit an den Außengrenzen
  • Europäische Kommission
  • Flüchtlingscamps
  • Flüchtlingsströme
  • Lampedusa
  • Leichen
Lädt

Schlagwort zu
„Meine Themen“

hinzufügen

Sie haben bereits
/ 15 Themen gewählt

bearbeiten

Sie folgen diesem Thema bereits

entfernen

Um "Meine Themen" nutzen zu können müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen

zustimmen
1 1
Kommentar schreiben

Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!