Als die Angst alltäglich wurde

In einem kleinen Café in Würzburg. Paula García erzählt von den Grauen des chilenischen 11. Septembers. Sie erzählt von dem Tag im Jahr 1973, an dem das Militär unter General Augusto Pinochet die sozialistische Regierung von Salvador Allende stürzte. Die Chilenin García war damals elf Monate alt.

An besagtem Tag ahnte niemand etwas von dem geplanten Putsch, berichtet sie aus Erzählungen von Eltern, Verwandten und Freunden. Ihre 14-jährige Schwester fuhr wie immer von dem Santiaguiner Wohnviertel Patronato mit dem Bus zur Schule. Ihr Vater arbeitete, die Mutter kümmerte sich um den Haushalt. „Noch am Vormittag hörte meine Mutter, wie Militärjets im Tiefflug in Richtung des Regierungspalastes La Moneda unterwegs waren“, so García. Die Putschisten übernahmen die Macht und besetzten die Radiostationen. „Es gab erst mal keine gesicherte Information mehr.“ Zuvor schon hatte sich Präsident Allende in einer Radioansprache von seinen Landsleuten verabschiedet: „Ich werde meinen Posten nicht verlassen. Ich werde mit meinem Leben das Amt verteidigen, das mir das Volk gegeben hat.“ Er starb in den Ruinen der bombardierten Moneda – wie man heute weiß, setzte er seinem Leben selbst ein Ende.

García, die in Chile Journalismus studierte und seit 1995 in Würzburg lebt, beschreibt den Putsch als einen gut vorbereiteten Boykott, bei dem vor allem die USA (CIA) im Hintergrund die Fäden zogen. „Es gab plötzlich kaum mehr Lebensmittel zu kaufen, vor den Läden bildeten sich lange Schlangen. Beim Volk wuchs die Unzufriedenheit über Allendes Regierung“, sagt sie.

Die Mutter der heute 40-Jährigen hörte noch am Tag des Putsches von der Verhaftung einiger Bekannter. „Als sie durch die Stadt lief, um zu sehen, was passiert war, sah sie, wie Militärs tote Menschen im Fluss Mapocho 'entsorgten'“, erzählt Paula García. Sofort ordnete das Militärregime den „Toque de queda“ an: „Ab fünf Uhr nachmittags durfte keiner mehr das Haus verlassen.“

An jenem Dienstag begann eine Hexenjagd auf alle, die verdächtig waren, sozialistisches oder marxistisches Gedankengut zu verbreiten. Bekannte Konzentrationslager waren das Fußballstadion „Estadio Nacional“, die Villa Grimaldi und das Lager Tres Alamos in Santiago de Chile. Auf das Gelände der deutschen Sekte Colonia Dignidad im Süden Chiles wurden politische Gefangene verschleppt. Besonders brutal waren auch die Foltermethoden des Sondereinsatzkommandos „Caravana de muerte“ (Todeskarawane) im Norden des Landes. „Dort wurde mein Onkel am 27. September wegen Gefährdung der Inneren Sicherheit des Staates zu fünf Jahren Haft verurteilt“, erzählt die Chilenin. Am 16. Oktober des gleichen Jahres wurde er hingerichtet, wie sie später erfuhr. Das Perfide: Am 26. Juni 1975 minderte man seine Strafe von fünf Jahren auf 549 Tage. Garcías Jugend war von Unsicherheit geprägt. „Ich las heimlich die Gedichte von Pablo Neruda und hörte verbotene Musik“, so García. „Die Angst wurde Normalität.“

Ähnliches erzählt die in Tauberbischofsheim lebende Cecilia Monsalve, die zur Zeit des Putsches acht Jahre alt war und etwa 80 Kilometer von Santiago entfernt wohnte. „Wir waren als Kinder immer auf der Hut, es existierte keine Ausgelassenheit.“ Bewegt erzählt die heute 47-Jährige von den ersten großen Protesten gegen Pinochets Regime 1983, von der politischen Bewegung der Opposition während ihres Studiums, den geheimen Treffen und Erzählungen von Freunden, die Opfer zu beklagen hatten.

„Die Gesellschaft war gespalten. Die einen litten unter der fast 17 Jahre andauernden Diktatur, die anderen begrüßten und huldigten das Regime Pinochet und den wirtschaftlichen Aufschwung des Landes“, sagt García. Sie selbst sieht sich als Opfer der Diktatur: „Sie hat mir meine Kindheit geraubt.“ 1988 verlor Pinochet die von ihm zum Schein einberufene Volksabstimmung. García war zuvor in den Armenvierteln der Hauptstadt mit Stimmzetteln unterwegs, um die Menschen aufzuklären. „Chile la alegría ya viene“ (Chile, hier kommt die Freude) war der Slogan, mit dem die Opposition ihre Wähler aufrief. „Das erste Mal seit langer Zeit kam für mich die Sonne hervor“, so García. Als „Glückstag“ bezeichnet sie den 10. Dezember 2006 – den Tag, an dem der Diktator starb. Während seine Befürworter am Militärkrankenhaus in Santiago de Chile um ihr „Idol“ trauerten, feierten und jubelten seine Gegner im Zentrum Santiagos.

Was bleibt, ist ein zerrissenes Chile, das bis heute keine Versöhnung findet. „Die Menschen werden ihren Schmerz mit ins Grab nehmen“, so Cecilia Monsalve. Eine wirkliche Gerechtigkeit habe es nicht gegeben, da Pinochet für seine Taten nie juristisch zur Verantwortung gezogen wurde.

Bezeichnend auch das Duell der Kandidatinnen für die Präsidentschaftswahl im November. Auf der einen Seite steht die 61-jährige Michelle Bachelet (Präsidentin von 2006 bis 2010) für die Mitte-Links-Koalition der Neuen Mehrheit (Nueva Mayoria). Ihr Vater, der Allende-treue General Alberto Bachelet, wurde 1974 zu Tode gefoltert. Auf der anderen Seite die 59-jährige Evelyn Matthei, deren Vater Fernando Matthei – ebenfalls General der Luftwaffe – in Pinochets Militärjunta in höhere Position aufrückte. Sie tritt für den Mitte-Rechts-Pakt Allianza por Chile an. Ironie des Schicksals: Die beiden Frauen waren in der Kindheit Spielkameraden, da die Väter am selben Luftwaffenstützpunkt im Norden des Landes stationiert waren. „Es ist ein spannender Wahlkampf, für mich repräsentieren die Kandidatinnen in gewisser Weise die Lager der Täter und Opfer“, sagt García.

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