BERLIN

Altmaier und der Weltrettungsmodus

Hat keine Angst davor, zerrieben zu werden: Umweltminister Peter Altmaier (CDU). Foto: rtr

Es gibt schlechtere Startrampen für eine Karriere. Angela Merkel war Umweltministerin und wurde später Bundeskanzlerin. Sigmar Gabriel war Umweltminister und ist heute SPD-Chef. Jürgen Trittin war Umweltminister und hat sich nicht zuletzt deshalb einen Ruf als graue Eminenz der Grünen erarbeitet.

So besehen sitzt Peter Altmaier, der neue Bundesminister für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit, jetzt in einem vielversprechenden Amt – wenn da nicht dieser kleine Schönheitsfehler seine erste Pressekonferenz als Minister stören würde. Bei der Würdigung seiner diversen Vorgänger hat der 53-Jährige ausgerechnet Norbert Röttgen vergessen. Ein Mann wie Altmaier jedoch, der Twitter-König der deutschen Politik, korrigiert ein solches Versäumnis in Echtzeit.

Er habe, sagt er, gerade kurz auf sein Handy geschaut und wolle deshalb eines noch einmal betonen: „Ich sehe mich ausdrücklich in Kontinuität zu Norbert Röttgen.“ Während die Netzgemeinde bereits zu spekulieren beginnt, ob er seinen direkten Vorgänger bewusst verschwiegen hat, entschuldigt Altmaier den Lapsus nach einem Blick auf die neuesten Twitter-Texte mit der „Hitze des Gefechtes“. Selbstverständlich habe auch Röttgens Name auf seinem Sprechzettel gestanden.

Asse als „offene Wunde“

Die Unterschiede aber sind auch so offensichtlich. Röttgen wäre vermutlich nicht im Traum auf die Idee gekommen, seine beiden Staatssekretärinnen mit zu einer Pressekonferenz zu nehmen – bei dem deutlich uneitleren Altmaier dagegen sitzen sie wie selbstverständlich mit am Tisch. Und während sein Vorgänger bei solchen Gelegenheiten wortreich die Welt zu erklären versuchte, konzentriert der Nachfolger sich auf das Machbare. Bis zur Sommerpause, sagt Altmaier, werde er einen Katalog an Maßnahmen vorlegen, die realistischerweise in dieser Wahlperiode noch zu schaffen sind. Die nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima eingeleitete Energiewende hält zwar auch er für unumkehrbar – anders als Röttgen aber hat er so seine Zweifel, was deren Tempo angeht. Deutschland, ahnt Altmaier, werde noch sehr lange auf konventionelle Energien wie Kohle und Gas angewiesen sein.

Heute besucht er das marode Atomlager Asse – ein ehemaliges Salzbergwerk in der Nähe von Wolfenbüttel. Dass sich das Bergen der mehr als 100 000 Fässer und das Sanieren der Deponie immer weiter verzögern, ärgert ihn erkennbar. Eine „offene Wunde in der Natur“ sei die Asse, klagt Altmaier. Wie weit er den Bürgerinitiativen in Niedersachsen entgegenkommen kann, will er allerdings noch nicht verraten. Nur so viel vielleicht: Die Prognose des Bundesamtes für Strahlenschutz (BfS), nach der der Atommüll erst 2036 aus der einsturzgefährdeten Anlage geborgen werden kann, halte er für beunruhigend. Im Umkehrschluss heißt das: Der neue Minister erhöht den Druck.

Altmaier macht nicht den Eindruck, als benötige er eine längere Einarbeitungszeit. Und die Sorge, er könnte in seinem Amt zwischen den widerstreitenden Interessen von Wirtschaft, Naturschutz und Politik zerrieben werden, mögen vielleicht andere haben – Altmaier selbst hat sie nicht. Schon aufgrund seiner Konstitution, schmunzelt der korpulente Saarländer, seien solche Befürchtungen eher unwahrscheinlich.

Uneitel und bodenständig

Mit den Vorsitzenden der wichtigsten Umweltverbände hat er bereits telefoniert, in der nächsten Woche wird er sich mit seinen Kollegen aus den anderen EU-Ländern in Brüssel treffen und Mitte des Monats dann mit Entwicklungsminister Dirk Niebel zum Klimagipfel nach Rio fliegen – ein Termin, so bedeutungsschwanger und staatstragend als wäre er eigens für Norbert Röttgen gemacht worden. Nachfolger Altmaier hat es lieber etwas bodenständiger. „Ich werde“, sagt er, „nicht jeden Tag im Weltrettungsmodus sein.“

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