BERLIN

Arme Kinder bei Schulstart oft im Nachteil

Gummistiefel in einer Kita: Eine Bertelsmann-Studie zeigt die Auswirkung von Armut auf Kinder im Kita-Alter. Foto: Rolf Vennenbernd, dpa

Wenn Kinder in Armut aufwachsen, hat das negative Auswirklungen auf ihre Entwicklung. Sie können schlechter sprechen und zählen als ihre Altersgenossen und haben Probleme mit der Körperkoordination. Das zeigt eine Studie der Bertelsmann-Stiftung. Ihre Autoren haben dafür knapp 5000 Schuleingangsuntersuchungen im nordrhein-westfälischen Mülheim ausgewertet.

Dabei zeigte sich, dass 43 Prozent der Kinder aus Hartz-IV-Familien nur mangelhaft Deutsch sprechen. Sie kennen den Plural vieler Wörter nicht oder haben Probleme mit den Präpositionen. Geht es den Familien dagegen finanziell besser, haben nur 14 Prozent diese Defizite.

Ähnlich sieht es bei der Konzentrationsfähigkeit (30 zu 18 Prozent), der Körperkoordination (24 zu 15 Prozent) und dem Umgang mit Zahlen (28 zu zwölf Prozent) aus.

Die Studie kommt auch zu dem Ergebnis, dass Kinderarmut kein Randphänomen ist. Vielmehr bekommt jedes sechste Kind in Deutschland Hartz-IV-Leistungen. „Diese Kinder sind in einem hohen Maße unterstützungsbedürftig, wenn sie nicht dauerhaft zurückgelassen werden sollen“, warnt die Studie.

Regina von Görtz, zuständige Projektmanagerin der Bertelsmann-Stiftung, erklärt: „Armut wirkt durch die mangelnden finanziellen Ressourcen.“ Die Familien könnten sich einen Besuch im Schwimmbad oder eine Mitgliedschaft im Sportverein nicht leisten. Stattdessen hätten die Kinder oft eine anregungsarme Freizeitgestaltung, bei der sie viel vor dem Fernseher säßen. Nicht einmal die Hälfte der Kinder aus armen Verhältnissen ist im Sportverein. Bei Familien, die keine Sozialleistungen bekommen, sind es dagegen über drei Viertel. Sport jedoch fördere nicht nur die Körperbeherrschung, sondern auch die kognitiven Fähigkeiten der Kinder.

Deshalb hält die Studie das Bildungs- und Teilhabepaket des Bundes grundsätzlich für eine gute Maßnahme. Kinder aus Hartz-IV-Familien können daraus einen monatlichen Zuschuss von zehn Euro für die Mitgliedschaft im Sportverein erhalten. Allerdings kritisiert von Görtz die große Bürokratie. Es sei kompliziert, das Geld zu beantragen. Auch der Paritätische Gesamtverband fordert seit längerem eine Reform. Nach der Veröffentlichung der Bertelsmann-Studie am Freitag erneuerte Hauptgeschäftsführer Ulrich Schneider diese Kritik: „Das Bildungs- und Teilhabepaket ist völlig vermurkst und wird entsprechend auch nur unzureichend abgerufen. Die Wege sind zu bürokratisch.“

Die Studie zeigt außerdem, dass es sinnvoll ist, seinen Nachwuchs frühzeitig in den Kindergarten zu schicken. Der frühe Kita-Besuch ist aber nicht automatisch ein Allheilmittel, warnt von Görtz. Der Kindergarten sollte am besten sozial durchmischt sein, damit die Kinder voneinander lernen könnten. Wenn es einer Kommune nicht gelingt, für eine sinnvolle soziale Durchmischung zu sorgen, müssen die Ressourcen anders verteilt werden, raten die Autoren der Studie.

Kitas in sozialen Brennpunkten brauchen dann mehr Geld, mehr Personal und mehr Förderangebote. Das sieht auch der AWO-Bundesvorsitzende Wolfgang Stadler so: „Gute Tageseinrichtungen können die Entwicklung von Kindern gerade in den ersten Lebensjahren umfassend und nachhaltig fördern – allerdings nur dann, wenn sie personell und räumlich entsprechend ausgestattet sind.“

Die AWO fordert daher ein Bundesqualitätsgesetz. Darin soll bundesweit ein einheitlicher Personalschlüssel für die Kindertagesstätten festgelegt werden. Die Bertelsmann-Studie hält die sogenannten Brennpunkt-Kitas für eine gute Lösung.

Rund 4000 Einrichtungen in sozialen Brennpunkten erhielten vom Bund Gelder für zusätzliche Fachkräfte, um das sprachliche Bildungsangebot zu verbessern. 2011 bis 2014 standen dafür 400 Millionen Euro und damit 25 000 Euro für jede Einrichtung zur Verfügung.

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