Armenien: Reichsregierung wusste von Massakern und schaute weg

Endlich: Nun hat auch Bundestagspräsident Norbert Lammert die Massaker an den Armeniern vor hundert Jahren im Ersten Weltkrieg in erfreulicher Eindeutigkeit als „Völkermord“ bezeichnet. Zum Auftakt einer Debatte im Bundestag am Freitag sagte der CDU-Politiker: „Das, was mitten im Osmanischen Reich stattgefunden hat, war ein Völkermord. Dass es ihn gab, den Völkermord, und dass es Zeit wird, ihn auch so zu nennen, daran hatte einen Tag zuvor Bundespräsident Joachim Gauck keinen Zweifel gelassen. Der 24. April gilt heute weltweit als Tag des Gedenkens an Vertreibung und Mord an 800 000 bis 1,5 Millionen Armeniern, die bis 1915 auf dem Boden der heutigen Türkei lebten.

Die Spitze des Staates hat es bisher an vergleichbar klaren Worten fehlen lassen, aus falsch verstandener Rücksicht auf die Türkei, den Nato-Partner am Bosporus. Beschämend, dass man sich in Berlin so lange an der historische Wahrheit vorbeigestohlen hat. Zu der gehört, dass auch Deutsche sich schuldig machten. Als Hunderttausende Armenier im zerfallenden Osmanischen Reich ausgeplündert, lebendig verbrannt oder zu Tode gehetzt wurden, ab dem Sommer 1915, war das der deutschen Reichsregierung bekannt. Aber sie schwieg und schaute weg.

Das Osmanische Reich und Deutschland waren schon damals Waffenbrüder, der deutsche Einfluss auf die Hohe Pforte, der Begriff ist Synonym für das osmanische Herrschaftszentrum, war immens. Generalstabschef der türkischen Streitkräfte war General Friedrich Bronsart von Schellendorf, Operationschef des türkischen Heeres war Otto von Feldmann. Der deutsche Marineattaché Hans Human war eng mit dem allmächtigen Kriegsminister und Deportationsbefürworter Enver Pascha befreundet und durchdrungen davon, ein gemeinsames deutsch-türkisches Projekt sei die Grundlage für Deutschlands Platz an der Sonne, schreibt der in Istanbul lebende Sachbuchautor Jürgen Gottschlich in „Beihilfe zum Völkermord“ über Deutschlands Rolle bei der Vernichtung der Armenier (Ch. Links Verlag, Berlin, 2015).

Zusammen mit den „Jungtürken“ – die nach der Pariser Zeitschrift „La Jeune Turquie“ benannte Bewegung wollte das Osmanische Reich durch Modernisierung nach westlichem Vorbild retten und kam 1908 an die Macht – könne Deutschland zur Weltmacht werden, habe Human gedacht. Für dieses Projekt habe Human gelebt – und war offenbar bereit, den Massenmord hinzunehmen. In einer zynischen Anmerkung zu einem Bericht eines deutschen Konsuls aus Mossul, der sich darüber aufgeregt hat, wie die Leichen den Tigris runterkamen, schrieb Human an den Rand: „Ja, ist hart, aber nützlich.“

Jürgen Gottschlich hat diese handschriftliche Notiz auf einem Dokument im deutschen Militärarchiv in Freiburg gefunden. Der Türkei-Korrespondent der Tageszeitung „taz“ hat dort unzählige Briefe, Dokumente und Depeschen deutscher Diplomaten und Militärs gesichtet, die vor 100 Jahren Dienst im Osmanischen Reich taten. Und fand heraus, dass die Deutschen voll im Bilde waren darüber, dass es die regierenden Jungtürken um Enver Pascha auf die Vernichtung der armenischen Rasse abgesehen hatten, wie es Hans Freiherr von Wangenheim, der deutsche Botschafter in Konstantinopel, bereits Anfang Juli 1915 in Briefen an das Auswärtige Amt in Berlin und den Reichskanzler formulierte. Hätte Berlin zu diesem Zeitpunkt interveniert, schreibt Gottschlich, dann hätten Hunderttausende armenische Leben gerettet werden können.

Doch Berlin reagierte nicht. Man hatte Angst, einen wichtigen Verbündeten zu verlieren. Man führte in Europa einen Zweifrontenkrieg und brauchte die Front im Nahen Osten zur eigenen Entlastung. Ein Ausscheren des Osmanischen Reiches wäre ein schlimmer Schlag für die deutschen Kriegsziele gewesen. Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg schrieb auf eine Eingabe von Paul Graf Wolff Metternich, der nach von Wangenheims Tod im Herbst 1915 deutscher Botschafter in Konstantinopel geworden war: „Unser einziges Ziel ist, die Türkei bis zum Ende des Kriegs an unserer Seite zu halten, gleichgültig, ob darüber Armenier zugrunde gehen oder nicht.“

Zu den rund 800 Offizieren, die im osmanischen Militär hohe und höchste Positionen einnahmen, gehörte Eberhard Graf Wolffskeel von Reichenberg, 1875 in Uettingen (Lkr. Würzburg) geboren und 1954 in Würzburg gestorben. Der Mann aus Franken diente einem türkischen Pascha, Ende März 1915 befand er sich im südöstlichen Anatolien. „Da liegt im Norden meines Bezirks ein Nest namens Zeitun, der Hauptsitz der in der Gegend hausenden Armenier“, hielt Wolffskeel in einem Brief an seinen Vater fest. Die Armenier brächten nur „mangelhaftes Verständnis“ für das „freundliche Angebot“ der türkischen Regierung auf, „sie anderweitig anzusiedeln“.

Graf Wolffskeel zerstörte mit deutscher Artillerie ein Kloster in Zeitun (heute: Süleymanli) und das Armenierviertel von Urfa und schrieb seiner Frau Sofie-Henriette Gräfin Wolffskeel von Reichenberg mit einem im Bundesarchiv verwahrten Brief vom 16. Oktober 1915: „Der Kampf ist beendet. Urfa ist genommen. Es ging schließlich viel rascher, als ich erwartet hatte. (. . .) Soweit war die Sache ja ganz interessant und hübsch. Jetzt beginnt jedenfalls wieder der unerfreuliche Teil. Der Abtransport der Bevölkerung und die Kriegsgerichte. Mit beidem brauch' ich mich ja Gott sei Dank nicht zu befassen, das sind innertürkische Angelegenheiten, die mich nichts angehen, aber man kann schließlich nicht vermeiden, es zu sehen, und das ist schon nicht angenehm.“

Insgesamt dienten mehrere tausend deutsche Soldaten in den osmanischen Streitkräften. „Insbesondere im Bereich der Logistik und des Eisenbahnwesens waren Deutsche auch unmittelbar an den Maßnahmen zur Deportation beteiligt“, so lautet eine „Hintergrundinformation“ des Bundesarchivs, die dem Brief des Grafen Wolffskeel an seine Frau folgt.

Nein, die deutsche Regierung hatte die Deportationen und Massaker weder veranlasst noch diesen in irgendeiner Form zugestimmt. Allerdings unterblieb jeglicher Versuch, den Verbündeten von seinem Tun abzuhalten, ihn auch nur zu kritisieren. Und die Soldaten der kaiserlichen deutschen Armee sahen zu, wussten von den Grausamkeiten und äußerten sich in privaten Korrespondenzen in einem Plauderton, den man nur unerträglich nennen kann. Noch einmal Graf Wolffskeel, der Major aus Mainfranken, an seine Frau Henriette: „Hier haben wir nun dieser Tage die genommene Stadt (Urfa) gründlich nach versteckten, aufständischen Armeniern und Waffen durchsucht. Manchmal wehrt sich noch ein besonders Fanatischer. Die meisten ergeben sich aber ohne Widerstand, wenn sie entdeckt sind.“

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