Sydney

Australien: Was das Feuer übrig lässt

Buschbrände in Australien

Bis vor wenigen Tagen galt Mallacoota im Südosten Australiens als Geheimtipp, selbst unter einheimischen Urlaubern. Ein Provinznest mit einer lang gezogenen Hauptstraße, an der sich Farmen, Einfamilienhäuser, eine Grundschule und eine Tankstelle aneinanderreihen. „Achtet auf unsere Koalas“ mahnt ein handgemaltes Schild im Mittelpunkt des zentralen Kreisverkehrs die Autofahrer. Die beliebten Beuteltiere sind allgegenwärtig: An Ladentüren weisen Aufkleber Mallacoota als „Ort der Koalas“ aus. Man sieht sie nur nicht. Die trägen Pflanzenfresser sitzen perfekt getarnt in Astgabeln in den Wipfeln der Eukalyptusbäume. Bei Gefahr laufen sie nicht weg, sondern sie klettern noch höher und krallen sich eisern fest.

Die gut 1000 Einwohner in Mallacoota leben überwiegend von Landwirtschaft und Handwerk – und einmal im Jahr vom Tourismus. „Bei uns ist nur zur Weihnachtszeit für ein paar Wochen richtig viel los“, sagt die Betreiberin des kleinen Souvenir- und Kleiderladens zu der Aushilfe, die sie gerade für die heißen Wochen des Jahres einarbeitet. Das Sortiment vom Strandkitsch bis zu Schafwollsocken und dicken Fleecejacken lässt darauf schließen, dass auch die kräftigen Jungs vom Straßenbau hier einkaufen, die abends im Pub des einzigen Hotels tellergroße Steaks mit reichlich Bier hinunterspülen.

Statt Kajaks legten Kriegsschiffe an der Küste an

Gegenüber von Pub und Souvenirgeschäft liegt der Mallacoota Foreshore Holiday Park, einer von drei Campingplätzen des Dorfes: über 700 Parzellen, die für die zweimonatigen Sommerferien, die Down Under kurz vor Weihnachten beginnen, ausgebucht sind. Die Australier drängen dann mit Zelten und Wohnwagen ans Meer. Smaragdblau schimmert der Pazifik – ein Paradies zum Schwimmen, Tauchen, Angeln, Bootfahren und Entspannen. In der liebevoll ausgestalteten Camp-Küche haben Besucher ihre Eindrücke handgeschrieben auf flachen Kieselsteinen hinterlassen. „Mallacoota 2019 – the place to be“ steht da: „... der Platz zum Bleiben“.

Nicht in dieser Saison, in der Mallacoota innerhalb weniger Tage weltweit bekannt wurde. Statt Kajaks legten Kriegsschiffe an der Küste an, wohin sich an Silvester 4000 Urlauber und Einheimische vor einer herannahenden Feuerwalze geflüchtet hatten. Wasser und Benzin waren ausverkauft, Atemmasken, die viele Australier schon seit Wochen tragen, wurden knapp. Erstmals in der Landesgeschichte mussten Menschen mit Marineschiffen und Armeehubschraubern versorgt und in Sicherheit gebracht werden.

Noch immer toben auf dem fünften Kontinent rund 300 Buschfeuer

Inzwischen sind viele Bewohner nach Mallacoota zurückgekehrt. Der Ortskern blieb unversehrt. Aber nahezu jeder kennt jemanden, der in der Umgebung sein Haus mit allem Hab und Gut in der Feuersbrunst verloren hat. Ein Schicksal, das nicht nur die Menschen im Provinznest Mallacoota getroffen hat. Entlang der Südostküste Australiens sind immer noch unzählige Menschen, Tiere und Siedlungen bedroht. Beliebte Urlaubsorte wie Eden und Merimbula mussten evakuiert werden. Noch immer toben auf dem fünften Kontinent rund 300 Buschfeuer, viele sind außer Kontrolle.

Bushfires, wie die Wald- und Buschbrände in Australien genannt werden, sind auf dem von Hitze und Trockenheit geplagten Kontinent nichts Außergewöhnliches. Im Gegenteil, sie gehören seit Jahrtausenden zum Ökosystem der dortigen Natur. Einige Arten der Eukalyptusbäume öffnen ihre Samenhülsen erst unter großer Hitze. Viele angepasste Pflanzenarten bilden schon bald nach den Feuern neue Triebe. Und so blühen ganze Landstriche, die nach schweren Buschbränden für immer verwüstet scheinen, nur wenige Monate später wieder im herrlichsten Grün, das Australiens mehrere Tausend Kilometer lange Küste zu bieten hat.

Doch die seit der Entstehung des Kontinents zum Kreislauf der Natur gehörenden Feuer entfalten seit geraumer Zeit immer mehr zerstörerische Wucht. Wie 2009, als in sechs endlos scheinenden Wochen im Bundesstaat Victoria 173 Menschen ihr Leben verloren und fast 4000 Gebäude zerstört wurden. Australien litt wie noch nie. Dass es noch weitaus schlimmer kommen könnte, malten sich damals wohl nur die allergrößten Pessimisten aus. Sie sollten Recht behalten.

„Es war das Schrecklichte, was ich je gesehen habe.“

Sechs der insgesamt sieben Bundesstaaten werden derzeit von Bränden heimgesucht, wie sie das Land noch nicht gesehen hat. Von Queensland im Norden bis zur Insel Tasmanien weit im Süden sind inzwischen mehr als 10,6 Millionen Hektar Land verwüstet. Das ist etwas mehr als die Fläche Bayerns und Baden-Württembergs. 25 Menschen starben, mehr als 2000 Gebäude wurden zerstört.

„Ich kämpfe seit Jahrzehnten gegen Waldbrände. Aber so etwas habe ich noch nicht erlebt. Es war das Schrecklichste, was ich je gesehen habe“, beschreibt Jamie Zaia der Lokalzeitung „Argus“ die wenigen Minuten, in denen er bei einem Feuer nahe der Stadt Kempsey in New South Wales seine Farm mit allen Gebäuden verloren hat. „Der Wind war so stark, dass durch umherfliegende Funken sofort neue Brände entstanden. Und das Kilometer vor dem eigentlichen Feuer. Es war furchtbar.“

Die Gründe für das Inferno, das die Australier seit September des vergangenen Jahres erleiden, sind vielfältig. Monatelange Trockenheit, Temperaturen bis zu 45 Grad und extrem starke, ständig die Richtung wechselnde Winde bilden den perfekten Nährboden für gigantische Feuerwalzen, die alles vernichten. Ein Blitzeinschlag in einem schwer zugänglichen Gelände, unberechenbare Winde, Funkenflug – und das Unheil nimmt seinen Lauf. Ein Feuer entzündet das nächste. Häufig sind die Feuerwehrleute auf verlorenem Posten. An Brände, wie sie derzeit vor allem im Südosten des Landes toben, können sich selbst die Helden der Nation, katastrophengestählte Einsatzkräfte, nicht erinnern.

Die gepeinigten Menschen glauben ihrem Premierminister nicht mehr

Auch nicht daran, dass ein australischer Premierminister seine Landsleute in schweren Zeiten wie diesen im Stich ließ. „Es war ein Fehler, dass ich vor Weihnachten in den Urlaub nach Hawaii geflogen bin“, sagte Scott Morrison bei einem Treffen mit Feuerwehrleuten in Corbago im Bundesstaat New South Wales. Die Reaktion eines erschöpften Feuerwehrmannes, der seit Tagen im Einsatz war und sein Zuhause verloren hatte, ging als Video um die ganze Welt. Als Morrison ihm die Hand geben wollte, stand der Mann wortlos auf und ging.

Morrison ist nicht nur für die australischen Feuerwehren der Buhmann. Wo immer der Premierminister inzwischen erscheint, um schnelle und unbürokratische Hilfe zu versprechen, wird er öffentlich mit Worten und Gesten beleidigt. Die gepeinigten Menschen glauben dem Chef der regierenden Liberal Party of Australia nicht, zu groß war die Zahl seiner Fehltritte in den vergangenen Wochen.

Nach dem Urlaub auf Hawaii, den Morrison erst nach einem öffentlichen Aufschrei abgebrochen hatte, spielte er die Krise zunächst mit den Worten „solche Katastrophen habe es in Australien schon immer gegeben“ herunter. Während das Land gegen die Feuersbrunst kämpfte und Menschen vor Ort ihr Leben riskierten, empfing Morrison über Neujahr Cricketspieler. Wieder entschuldigte er sich – doch die Australier scheinen ihm nicht mehr zu verzeihen.

Scott Morrison, der das Land in einer rechtskonservativen Koalition mit der National Party of Australia regiert, gilt als Klimaskeptiker und lehnte bisher Änderungen an den Klimazielen Australiens ab. Mit den Bränden, die derzeit das Land überziehen, gerät Morrison allerdings immer stärker unter Druck. Zunehmend führen Bürger, Wissenschaftler und Wetterexperten die aktuelle Katastrophe auch auf den Klimawandel zurück. Die wohl noch Monate andauernden Brände könnten einen Gesinnungs- und Politikwandel auslösen. Unter den nicht gerade für ihr Umweltbewusstsein bekannten Australiern werden die Stimmen lauter, die die weltweit führende Rolle des Landes beim Steinkohle-Export anprangern.

Tourismus und Landwirtschaft leiden

Noch aber ist Kohle ein enorm wichtiger Wirtschaftsfaktor. Der Wohlstand im sechstgrößten Land der Erde basiert überwiegend auf dem Export von Eisenerz, Kohle, Flüssiggas, Gold und Erdöl. Tourismus und Landwirtschaft sind weitere Pfeiler des finanziellen Erfolges. Zwei Branchen, die unter der starken Erwärmung und Trockenheit auf dem Kontinent massiv leiden. Im Großen, wenn Farmer im ausgezehrten Landesinneren aufgrund von Wassermangel ihre Rinder erschießen müssen. Und im Kleinen, wenn Restaurantbetreiber wie Robby Robertson in idyllischen Ferienorten wie Merimbula nach den Feuern und dem Ausbleiben der Touristen vor dem Ruin stehen. „Zunächst hatten wir weniger Besucher, weil die Farmer litten und so kein Geld mehr in ihren Gemeinden ausgaben. Jetzt und in den nächsten Wochen kommen aufgrund der Brände wohl kaum noch Touristen. Es sind harte Zeiten“, sagt Robertson im Gespräch mit dieser Redaktion.

Elton John will eine Million Dollar zur Verfügung stellen

Während die Regierung noch über Art und Umfang konkreter Hilfsmaßnahmen diskutiert, spenden Prominente große Summen. Elton John kündigte bei einem Konzert in Sydney an, er werde eine Million Dollar zur Verfügung stellen. Den gleichen Betrag versprach der australische Schauspieler Chris Hemsworth. Der australische Superstar Nicole Kidmann und ihr Ehemann Keith Urban haben bereits eine halbe Million Dollar beigesteuert, ebenso wie die Sängerin und Schauspielerin Pink. Eine weitere Spendenaktion des Comedians Celeste Barber brachte innerhalb von wenigen Tagen 35 Millionen Dollar.

Das Lebensgefühl der Australier definiert sich aber nicht nur über materielle Werte. Die naturverbundenen Menschen lieben vor allem die einzigartige Tierwelt dieses Kontinents – eine Tierwelt, die momentan leidet und stirbt. Wissenschaftler schätzen, dass hunderte Millionen Tiere in den Buschfeuern umgekommen sind. Kängurus und Vögel versuchen den Flammen zu entfliehen. Der pummelige Wombat hat Glück, wenn die Feuersbrunst einfach über sein Höhlenlabyrinth hinwegrast.

Die verbrannte Erde gibt kein Futter mehr her

Keine Chance auf Entrinnen bietet sich dagegen der Australier liebstem Beuteltier: 10 000 Koalas sollen in den Baumwipfeln gestorben sein. Nur wenige klettern herab. Wie der kleine Ellenborough Lewis, dessen Schicksal vor einigen Wochen nicht nur die australische Nation bewegte. Das Video ging um die Welt. Es zeigt, wie die Australierin Toni Doherty sich ihr T-Shirt vom Leib reißt, um den jämmerlich schreienden Koala darin eingewickelt aus dem brennenden Wald zu tragen. Wenige Tage später starb Lewis im Koala-Krankenhaus von Port Macquarie.

Doch selbst wenn die Wildtiere überleben, drohen ihnen harte Zeiten: Die verbrannte Erde gibt kein Futter mehr her, vom Wassermangel ganz zu schweigen. Deshalb stellen Freiwillige nun in ehemaligen Waldgebieten, in denen Baumstämme wie verkohlte Streichhölzer aus der Asche ragen, Futterstationen und Tränken auf. Ganz wie es das handgemalte Schild im Zentrum Mallacootas nach wie vor fordert: „Achtet auf unsere Koalas.“ Mit Eigeninitiative und Zusammenhalt demonstrieren die Menschen auf dem Dorf wie auf dem gesamten Kontinent, dass das Leben weitergehen muss – nicht nur für die Koalas.

 

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