ATHEN

„Blinde“ Griechen können plötzlich wieder sehen

Auf der griechischen Ägäisinsel Chios haben jetzt 245 erblindete Menschen quasi über Nacht ihre Sehkraft zurückgewonnen. Die erstaunliche Genesung ist nicht etwa einem Wunderheiler zu verdanken, sondern Inspekteuren der staatlichen Rentenkasse IKA.

Den Prüfern war aufgefallen, dass auf Chios weit mehr Menschen als im Landesdurchschnitt Blindenrenten beziehen – die meisten zu Unrecht, wie sich jetzt herausstellte: Von 422 Rentenbeziehern erwiesen sich bei einer amtsärztlichen Untersuchung nur 177 als tatsächlich blind. 245 dagegen hatten keine Sehbehinderung. Sie müssen jetzt die unberechtigt bezogenen Renten zurückzahlen und außerdem mit Strafverfahren wegen Betruges rechnen.

Millionen Euro erschwindelt

Seit etwa zwei Jahren machen die griechischen Behörden Jagd auf Rentenbetrüger. Nach einer Schätzung von IKA-Chef Rovertos Spyropoulos haben sie sich im vergangenen Jahrzehnt Renten in Höhe von rund acht Milliarden Euro erschwindelt. So stoppten die Pensionskassen Anfang dieses Jahres die Zahlungen an rund 63 500 „Phantom-Rentner“, die längst verstorben waren – Hinterbliebene kassierten dennoch die Ruhegelder weiter. Aber immer wieder werden neue, skandalöse Fälle bekannt. Besonders beliebt ist der Betrug mit den Blindenrenten, die dem Bezieher bis zu 760 Euro im Monat einbringen.

In der Vergangenheit war es ein Leichtes, mit einem Gefälligkeitsattest, für das manche Augenärzte rund 5000 Euro berechneten, eine solche Rente zu kassieren. Allein auf der Insel Zakynthos gab es fast 700 Bezieher solcher Blindenrenten. Als sie jetzt von der Rentenkasse zum Sehtest beordert wurden, unterzogen sich nur 180 der Untersuchung. In der Provinz Pieria stellten die Prüfer fest, dass 55 Personen Blindenrenten bezogen, gleichzeitig aber im Besitz eines Führerscheins waren. Im Athener Stadtteil Peristeri nahm die Polizei vor einer Woche einen 56-Jährigen fest, der seit 2007 angeblich völlig erblindet war und eine Invalidenrente der Landwirtschaftskasse OGA bezog. Die Fahnder trafen den „Blinden“ auf einem Wochenmarkt in Peristeri an, wo er einen Gemüsestand betrieb und gerade dabei war, Ware von seinem Kleinlaster abzuladen. Der Mann besaß neben einer Lkw-Fahrerlaubnis auch einen Motorradführerschein. Er soll sich Rentenzahlungen in Höhe von 70 794 Euro erschwindelt haben.

Im nordgriechischen Thessaloniki beschattete die Steuerfahndung mehrere Tage lang einen 60-Jährigen „Blinden“, der in den vergangenen viereinhalb Jahren Invalidenrenten von rund 26 000 Euro bezogen hatte. Als dem Mann gelungen war, sein knapp vier Meter langes Auto geschickt in eine nur 4,50 Meter große Parklücke zu manövrieren, schlugen die Fahnder vergangene Woche zu. Staatsanwalt Lambros Tsongas ermittelt jetzt gegen den Rentner sowie gegen einen Klinikarzt, der ihm seine Behinderung bescheinigt hatte.

IKA-Chef Spyropoulos will die Kontrollen fortsetzen. Er schätzt, dass trotz der Kontrollen und der zahlreichen bereits aufgedeckten Fälle immer noch Tausende Griechinnen und Griechen unberechtigt Renten kassieren.

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