WÜRZBURG

Bofinger: "Ein griechischer Präzedenzfall droht"

Peter Bofinger       -  Peter Bofinger: Der Wirtschaftsweise aus Würzburg sieht keine Grundlage mehr für Verhandlungen mit Griechenland.
Der Wirtschaftsweise aus Würzburg sieht keine Grundlage mehr für Verhandlungen mit Griechenland. Foto: Thomas Obermeier

In der Volksbefragung am Sonntag erteilten die Griechen den Reformen, die ihre internationalen Gläubiger fordern, eine Absage. So, wie es die Regierung in Athen gewollt hat. Der Würzburger Wirtschaftsweise Professor Peter Bofinger sieht nun keine Grundlage für weitere Verhandlungen über ein weiteres Hilfsprogramm für das verschuldete Land. Doch dass die amtierende Regierung die Chancen, die ein Grexit bieten würde, nutzt, bezweifelt er.

Frage: Die Griechen haben im Referendum gegen die Sparvorgaben ihrer Geldgeber gestimmt. Wer ist jetzt am Zug? Athen oder Europa?

Peter Bofinger: Im Prinzip gibt es jetzt keinen Spielraum für Verhandlungen mehr. Wenn die europäische Seite jetzt ein Angebot macht, das nicht wesentlich günstiger für Griechenland ist, als das, was schon vorlag, kann das Athen wegen des „Nein“ im Referendum nicht annehmen. Und wenn ein besseres Angebot vorgelegt wird, widersprechen sich die Geldgeber selbst und schaffen einen Präzedenzfall: Dann würde jedes Land, das Probleme hat, Referenden abhalten, bis das Angebot aus seiner Sicht stimmt.

Also bleibt nur der Grexit – der Ausstieg Griechenlands aus dem Euro?

Bofinger: Ich weiß nicht, was den Politikern noch einfällt. Aber für mich ist es sehr schwer vorzustellen, wie ein Grexit jetzt noch abzuwenden ist.


Unter Wirtschaftsexperten gibt es zwei Lager: Die einen sagen, ein Grexit wäre verkraftbar und langfristig sogar gut. Die anderen warnen vor einem Flächenbrand und unabsehbaren Folgen für alle.

Bofinger: Auf den Rest Europas würde ein Grexit unmittelbar wohl keine größeren Auswirkungen haben. Aber der Charakter der Währungsunion würde sich radikal verändern. Bisher basierte das System immer auf der Maxime: „Was auch immer dafür notwendig ist: Die Währungsunion bleibt zusammen.“ Wenn jetzt Griechenland ausscheidet, heißt das, dass die Mitgliedschaft eines Landes nicht in Stein gemeißelt ist.

Mit welchen Konsequenzen?

Bofinger: Wenn jemals in einem anderen Land größere Probleme auftreten, würde man sich an den Grexit erinnern und das würde dort Spekulationen darüber hervorrufen, dass das jeweilige Land ausscheidet. Die Leute würden dann ihr Geld aus den Banken abziehen und es aus dem Land bringen. Die Zinsen für Staatsanleihen gingen nach oben. Man würde in einem Teufelskreis enden, der es einem Land dann umso schwerer machen würde, im Euro zu bleiben.

Und welche Folgen hätte ein Grexit für den Präzedenzfall Griechenland?

Bofinger: Aus griechischer Perspektive ist ein Grexit gemischt zu bewerten. Wenn Griechenland die nächsten Jahre so weitermacht wie bisher – nämlich dass das Land immer wieder jedes Vierteljahr erneut am Abgrund steht und die Katastrophe droht – dann ist das schwierig. Mit einem Grexit hätte Athen die Chance, reinen Tisch zu machen. Man hätte die Chance, über die Abwertung der dann eigenen Währung wettbewerbsfähiger zu werden.

Also würde Griechenland profitieren.

Bofinger: Ich war noch nicht fertig: In einer solchen Situation würden sich die Importe schlagartig massiv verteuern, ohne dass die Exporte genauso schnell steigen. Kurzfristig bekommt das Land also enorme Finanzierungsprobleme, weil Nahrungsmittel, Energie oder medizinische Produkte ins Land kommen müssen. Das zieht riesige humanitäre Probleme nach sich, die etwas kosten. Hier wären dann auch wieder die Europäer gefragt, zu helfen. Das zweite Problem: Wenn eine Regierung an der Macht ist, die sehr populistisch ist, droht eine Steigerung der Staatsausgaben. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass eine Partei wie die Syriza die Situation nach einem Grexit zum Anlass nimmt, höhere Renten zu bezahlen und höhere Löhne bei den Staatsbediensteten und mehr Leute einstellt. Das würde zu einer Hyperinflation führen und dann steht man vor einem noch größeren Scherbenhaufen. Dann sind die Ersparnisse der Mittelschicht betroffen und dann ist das Land endgültig kaputt und die Wettbewerbsfähigkeit verbessert sich auch nicht. Die Abwertung funktioniert nur dann, wenn die Regierung die Staatsausgaben unter Kontrolle hält. Insgesamt sollte man im Sinne der Stabilität des Systems versuchen, die Währungsunion wie sie ist, zusammenzuhalten. Obwohl ich nicht weiß, wie das jetzt noch geht.

Sie haben die griechische Regierung angesprochen. Warum tritt Finanzminister Varoufakis jetzt zurück, nach dem vermeintlichen Erfolg im Referendum?

Bofinger: Die griechische Regierung hat erkannt, dass sie sich verrannt hat und versucht nun ein positives Signal zu senden . . .

. . . Varoufakis war also das Problem?

Bofinger: Er hat jedenfalls nicht dazu beigetragen, Probleme des Landes zu lösen. Er hat kein Programm für einen Weg aus der Krise vorgelegt. Kein konstruktives Maßnahmenpaket und damit auch keinen Gegenentwurf zu den Vorstellungen der Troika.


Peter Bofinger (60) ist seit 2003 Mitglied des Sachverständigenrats der Bundesregierung und damit einer der fünf Wirtschaftsweisen. Der VWL-Professor ist Lehrstuhlinhaber an der Universität Würzburg.

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