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Bundespräsident Gauck seit einem Jahr im Amt

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In die Ferne zieht es ihn nicht. Joachim Gauck hat Europa seit seiner Wahl nur zweimal verlassen: für den obligatorischen Besuch in Israel und für einen vorweihnachtlichen Abstecher zu den Soldaten der Bundeswehr in Afghanistan. Umso erstaunlicher ist es, wo der Präsident sein erstes Jahr im Amt am Montag abschließt: in Äthiopien. Wie ein rüstiger Jubilar, der seinen Geburtstag ohne großes Brimborium verbringen will und deshalb für ein paar Tage das Weite sucht, fliegt Gauck am Wochenende zu einer Konferenz der Afrikanischen Union nach Addis Abeba. Zu Hause, das weiß er, ist schließlich alles in bester Ordnung. 77 Prozent der Deutschen sind nach einer neuen Umfrage des Forsa-Institutes mit ihrem Staatsoberhaupt zufrieden, 58 Prozent halten ihn für besser als Wulff. Auf solche Werte kommen nur Günther Jauch, Franz Beckenbauer, Richard von Weizsäcker und Helmut Schmidt.

Gauck selbst sagt zwar bescheiden, er übe noch. Nach den spektakulären Rücktritten seiner beiden Vorgänger allerdings ist das schwer schlingernde Amt unter ihm erstaunlich schnell zurück in ruhigeres Wasser gekommen – zumindest nach außen hin. Intern ging der Wechsel nicht ohne Schmerzen ab: Von Amtschef David Gill über den persönlichen Referenten und den Planungschef bis zur neuen Pressechefin Ferdos Feroudastan hat der von Liberalen und Konservativen ins Amt getragene Gauck seine Leute fast ausnahmslos aus dem rot-grünen Milieu rekrutiert. Dabei sind freie Dienstposten, wie der Personalrat ihm daraufhin schroff schrieb, auch in Schloss Bellevue „grundsätzlich auszuschreiben“.

Von alledem bekommen die Menschen, die Joachim Gauck bei seinen Reisen durch die Republik trifft, nichts mit. Sie erleben einen Präsidenten, der noch immer ein wenig mit der neuen Rolle kokettiert, die ihm da zugefallen ist. Der aufmerksam zuhört, die protokollarische Distanz zwischen dem ersten Mann im Staate und seinem Volk gerne mit kleinen Scherzen überwindet und ganz beiläufig über die Zwänge redet, die ihm nun auferlegt sind: „Früher konnte ich jederzeit offen meine Meinung sagen und damit auch mal ordentlich anecken. Heute vertrete ich meine Standpunkte zurückhaltender, denn ich bin hier nicht privat.“

Das erste Köhlersche Prinzip, der kalkulierte Konflikt mit der Politik, verträgt sich nicht mit seinem Amtsverständnis. Auch ein Satz wie der von Richard von Weizsäcker, der Minister und Abgeordnete in seinem Groll einst als „machtversessen und machtvergessen“ beschrieb, käme ihm nie über die Lippen. Ungerecht und billig findet Gauck diese Kritik und auf den flüchtigen Beifall aus. Der Verdruss über die Politik, sagt er, „ist zu groß, als dass ich ihn noch fördern möchte“. Das Deutschland, von dem er träumt, ist eines, in dem die Menschen sich wieder engagieren, einen neuen Gemeinsinn entwickeln und die Parteien nicht mehr als lästiges Übel begreifen, sondern als unverzichtbaren Teil einer funktionierenden Demokratie: „Ohne sie wären wir nicht da, wo wir heute sind.“

Gauck, der Pastor, ist ein Mann des Wortes – und musste doch lernen, seine Worte sorgsamer zu wägen. Was ein schnell dahingesagter Satz in der aufgeregten Berliner Medienwelt alles auslösen kann, hat er nicht nur nach seinem Sommerinterview im ZDF bemerkt, in dem er Angela Merkel freundlich, aber bestimmt empfahl, ihre Europapolitik den Menschen doch etwas besser zu erklären. Als Gauck dann auch noch hinzufügte, er sei schließlich keine Ersatzregierung, wurde ihm das endgültig als Retourkutsche in Richtung der Kanzlerin ausgelegt, von der jeder weiß, dass sie nach Wulffs Abschied gerne einen anderen im Präsidialamt gesehen hätte.

Es ist aber genau diese direkte, unverstellte, gelegentlich etwas eigensinnige Art, die Gauck so populär macht und die die Wochenzeitung „Zeit“ vor kurzem mit „leutseliger Intellektualität“ beschrieben hat. Wirkten Wuff und Köhler bei ihren Auftritten immer ein wenig spröde und ungelenk, so formuliert ihr Nachfolger präzise und plakativ. Gauck spricht, wenn man so will, in Bildern. Wenn es sein muss, kann der 73-Jährige allerdings auch Klartext. „Euer Hass ist unser Ansporn“, schleuderte er den Rechtsextremen schon in seiner ersten Rede als Bundespräsident entgegen, diesen „Verrätern der Demokratie“. Auch den bekanntesten Satz seines Vorgängers Christian Wulff, der Islam gehöre zu Deutschland, hat Gauck schnell relativiert: Nicht der Islam, findet er, sei ein Teil der Bundesrepublik, wohl aber die Muslime, die hier leben. Zuletzt irritierte er viele Frauen, als er den öffentlichen Umgang mit FDP-Fraktionschef Rainer Brüderle und dessen Chauvi-Sprüchen an einer Hotelbar im Spiegel als „Tugendfuror“ kritisierte.

Das Diplomatische, das Gestanzte und die strengen Vorgaben des Protokolls sind seine Sache eben nicht. Er brauche, sagt Joachim Gauck, seine eigenen Worte. Die Redenschreiber des Präsidenten haben es deshalb schwerer als die seiner Vorgänger – zumal vor wichtigen Reden auch seine Lebensgefährtin Daniela Schadt, eine Journalistin, noch ihren ganz eigenen Blick auf die Texte wirft. Dennoch war das Echo auf seine erste große programmatische Rede im Februar eher verhalten, als Gauck sich mit der europäischen Krise und den Ohnmachtsgefühlen der Menschen beschäftigte und dabei auch seine ganz persönlichen Zweifel beschrieb: „Wir ringen nicht nur um unsere Währung“, sagte er da. „Wir ringen auch mit uns selbst.“ Europa soll in den nächsten vier Jahren ein großes Thema seiner Präsidentschaft sein – aber nicht das einzige. Freiheit, Verantwortung, die Menschenwürde und die Menschenrechte: Anders als Wulff, der selbst ernannte Integrationspräsident, sucht Gauck nicht gezielt nach der Lücke, in der er sich profilieren kann. Auch an die verändernde Kraft großer Reden scheint der neue Präsident, obschon selbst ein ausgezeichneter Redner, in der Zeit der flüchtigen digitalen Kommunikation nicht mehr so recht zu glauben.

Seiner Analyse der europäischen Befindlichkeit vor 200 Gästen will er deshalb noch eine Diskussion mit Schülern und Studenten über die nachlassende Anziehungskraft Europas und die Perspektiven der EU folgen lassen. Da ist Gauck, der Präsident, noch ganz der Pastor: Er überzeugt vor allem im Gespräch.

Joachim Gauck

Geboren wurde Joachim Gauck am 24. Januar 1940 in Rostock. Er studierte Theologie und arbeitete bis 1990 als Pastor. Gauck ist noch immer mit seiner Frau Gerhild verheiratet, seit zwölf Jahren jedoch mit der Journalistin Daniela Schadt liiert. Er war einer der Initiatoren des Widerstandes gegen die SED-Diktatur. Von 1990 bis 2000 war Gauck Bundesbeauftragter für die Unterlagen der früheren Staatssicherheit. Nach seinem Ausscheiden dort engagierte er sich unter anderem im Verein „Gegen Vergessen – für Demokratie“. Bei der Wahl des Bundespräsidenten 2010 kandidierte er für die Grünen und die SPD und unterlag dem späteren Präsidenten Christian Wulff erst im dritten Wahlgang. Nach dessen Rücktritt wurde er am 18. März 2012 zum elften Bundespräsidenten gewählt. FOTO: rwa

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