DÜSSELDORF/BERLIN

Das Ende der Heimlichkeit

Heide Rosendahl 1972 in München: Die deutsche Leichtathletin und Doppel-Olympiasiegerin wusste nach eigenen Angaben zu ihrer Zeit nichts von Doping im Westen. In einem Interview sagte sie, sie habe erst später von systematischem Doping gehört. Foto: Imago

Die Geheimniskrämerei um die lange unter Verschluss gehaltene Studie zum Doping in der Bundesrepublik Deutschland hat ein Ende. Auf Druck der Öffentlichkeit ist am Montagnachmittag der brisante Abschlussbericht publiziert worden.

„Die vielfach formulierte These, das Dopingproblem in der Bundesrepublik sei erst mit dem Konsum von Anabolika in den 1960er Jahre offen zutage getreten, lässt sich jedenfalls eindrucksvoll widerlegen“, heißt es in dem 117-seitigen Abschlussbericht der Berliner Humboldt-Universität. Die Geschichte des Dopings in der Bundesrepublik beginne nicht erst 1970, sondern 1949. Bis 1960 seien im deutschen Sport Amphetamine „systematisch zum Einsatz gekommen“. Auch die Elite des deutschen Fußballs hätte aufputschende Amphetamine genommen.

Meistens ohne klare Namensnennung wird auch die Mitwisserschaft von damaligen Verantwortlichen im Sport angeprangert. „Es stellt sich mithin die Frage, wie ernsthaft Verantwortliche in der deutschen Sportlandschaft den Kampf gegen das Doping tatsächlich betrieben haben und mit welcher Ausdauer sie die (zum Teil sich selbst gesetzten) Grundsätze und Ziele in dieser Hinsicht verfolgt haben“, hieß es. „Nach den Projektergebnissen zu urteilen, erscheint dies zweifelhaft.“

So sei zum Beispiel der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) in der Anabolika-Frage in mindestens zwei Lager zerfallen. Während Sportmediziner (Steinbach, Mellerowicz) sich gegen den Anabolika-Einsatz aussprachen, hatte DLV-Präsident Max Danz, ebenfalls ein Mediziner, gegen die Anwendung nichts einzuwenden. Unterstützung habe Danz durch den bekanntesten und einflussreichsten deutschen Trainer, Karl Adam, erfahren. „Es tobte hinsichtlich der Anwendung der anabolen Steroide nicht nur ein Kampf zwischen den Athleten, wie unser Projekt für die Phase um 1970 herausgearbeitet hat, sondern auch unter den Funktionären in der Leichtathletik“, schreiben die Forscher um Projektleiter Giselher Spitzer.

Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) als Initiator des Projektes und das BISp hatten eine Verzögerung der Veröffentlichung des Abschlussberichts wegen Datenschutzbedenken begründet. „Es ist erschütternd, wie damals um Gold gekämpft wurde! Diese abstrakten Hybridwesen und deren Leistungen, haben für mich keine Bedeutung! Wichtig ist, dass es heute – nicht nur durch mich – möglich ist, annähernd die alten Leistungen zu bezwingen . . . sauber!“, sagte Diskus-Olympiasieger Robert Harting.

Fast zeitgleich zu den Enthüllungen der dunklen Doping-Vergangenheit in der Bundesrepublik haben sich frühere DDR-Doping-Opfer für die Gründung eines Fonds für geschädigte Athleten aus dem Westen ausgesprochen. „Wenn es Geschädigte im Westen gibt, muss man Ost und West zusammendenken“, sagte Ines Geipel, Vorsitzende des Dopingopfer Hilfevereins (DOH).

Die 53-Jährige hatte zur Einrichtung eines Fonds für DDR-Dopinggeschädigte beigetragen. Geipel ist „heilfroh“, dass die Dopingstudie vorliegt. „Endlich werden die Fragen an den Sport erneuert“, meinte sie. „Einen solchen Fonds für den Westen könnte ich mir gut vorstellen. Allerdings müssten wir erst einmal wissen, wie groß der Handlungsbedarf ist“, sagte DOH-Vorstandsmitglied Uwe Trömer – selbst ein anerkanntes DDR-Doping-Opfer. Er appellierte an die Sportler, deren Gesundheit wegen Dopingmissbrauchs Schaden genommen hat: „Meldet euch bei uns! Geht an die Öffentlichkeit.“ Zudem forderte er ehemalige Westsportler auf, „reinen Tisch“ zu machen. Nach der Veröffentlichung über die Doping-Praktiken in der Bundesrepublik „muss die Sportgeschichte Ost und West neu geschrieben werden.“

Dazu müsste laut Geipel die Vergangenheit lückenlos aufgearbeitet werden. „Wenn so viele Leute involviert waren, stellt sich die Frage: Um welche Sportler und Funktionäre handelt es sich“, gab die Buchautorin zu bedenken und hinterfragte auch die Rolle des IOC-Präsidentschaftskandidaten Bach: „Inwieweit ist zum Beispiel auch Thomas Bach involviert? Wenn keine Namen genannt werden, bleibt alles anonym.“

Auch der ehemalige DDR-Weltklassehochspringer Rolf Beilschmidt forderte mehr Transparenz in der Doping-Aufarbeitung. „Unter uns DDR-Athleten war bekannt, dass auch im Westen gedopt wurde“, bemerkte der heutige Hauptgeschäftsführer des Landessportbundes Thüringen (LSB). „In der Aufarbeitung wurde nach der Wende lange mit zweierlei Maß gemessen.“ Die Doppel-Olympiasiegerin im Eisschnelllaufen, Daniela Anschütz-Thoms, empfand die Unterscheidung zwischen Ost und West ebenfalls als „unfair“. Man müsse schon sehr naiv sein, um überrascht zu reagieren: „Was, im Westen wurde ähnlich verfahren wie im Osten?“

Dagegen ist für Heide Ecker-Rosendahl, Doppel-Olympiasiegerin von 1972, die Doping-Enthüllung tatsächlich überraschend. „Ich habe nie von systematischem Doping in meiner Zeit gehört“, sagte sie in einem Interview. „Man hat munkeln gehört, dass es irgendetwas gibt – da gab es die Skandale schon damals um die Radfahrer – aber wenn man etwas nicht weiß, heißt es ja nicht, dass es das nicht gegeben hat.“

Die heute 66-jährige Leverkusenerin hatte nach ihrem Doppelerfolg von München im Weitsprung und Fünfkampf ihre Laufbahn beendet. „Ich habe 1972 aufgehört, und danach hat man sich häufiger gefragt, ob die irgendetwas mit Mitteln machen, die nicht erlaubt sind“, sagte Ecker-Rosendahl. „Aber ich kann nicht sagen, dass da systematisch ausprobiert wurde, um vielleicht Aufbaumittel wie Steroide einzusetzen. Das habe ich aus späteren Zeiten gehört, aber nie zu dieser Zeit.“

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