Berlin

Das Phänomen Greta Thunberg

Ohne Greta Thunberg wären sie an diesem trüben Freitagmittag alle in der Schule. Jetzt fragen sie sich: Wird Greta auch kommen? Denn sie warten schon seit Stunden. Die schüchterne Grundschülerin, die einen kleinen Pinguin auf ein Schild gepinselt hat. Mit Sprechblase in der steht: „Hilf mir“. Der übermütige Junge, vielleicht 13 Jahre alt, der auf den Laternenpfahl am Brandenburger Tor geklettert ist. Und mit rotem Kopf sofort heruntersteigt, als die Bereitschaftspolizistin etwas strenger schaut. Die stark geschminkten Mädchen, die ein Selfie nach dem anderen schießen. Die coolen Teenager in den Kapuzenpullis, die etwas abseits auf dem Pflaster sitzen. Bierflasche in der Hand, Selbstgedrehte im Mundwinkel. Wie sie sind tausende von Schülern in vielen deutschen Städten am Freitag nicht zum Unterricht gegangen und haben statt dessen für mehr Klimaschutz demonstriert. Allein in Berlin haben nach Polizeiangaben 10 000 Menschen am Protestzug zum Brandenburger Tor und der anschließenden Kundgebung teilgenommen. Die Veranstalter sprechen sogar von 25 000 Teilnehmern an der inzwischen 15. Auflage der „Fridays for Future“, die inzwischen zu einer weltweiten Bewegung geworden sind.

Immer freitags wird der Unterricht geschwänzt – die jungen Teilnehmer reden lieber von Streik – um für eine klimafreundlichere Zukunft zu protestieren. Die Proteste für mehr Klimaschutz begannen am 20. August, als sich ein Mädchen mit blonden Zöpfen in Schwedens Hauptstadt Stockholm vor das Parlament stellte. Mit einem Pappschild mit der Aufschrift „Skolstrejk för Klimatet“. Seither zieht sie ihren Schulstreik für das Klima durch, ob bei Regen oder Eiseskälte. Notfalls trägt sie eben zwei dicke Wollmützen übereinander. Immer mehr Medien weltweit berichteten, im Internet wurde sie zur Ikone einer neuen Umweltbewegung. Spätestens nachdem das Mädchen, das viel jünger wirkt als 16 Jahre, eine Rede auf der UN-Klimakonferenz in Kattowitz hielt, kannte alle Welt ihren Namen: Greta Thunberg. Oder genauer: Greta Tintin Eleonora Ernmann Thunberg, ein Name, als hätte ihn Astrid Lindgren erdacht, deren Bücher oft von Kindern handeln, die keine Angst haben vor den Erwachsenen. Wie Pippi Langstrumpf. Den Erwachsenen die Meinung sagen, ihre vermeintliche Untätigkeit im Klimaschutz anzuprangern, darum geht es bei den Streik-Freitagen.

Protest vor dem Verkehrsministerium

Dass der Protest der Schüler am Morgen im Berliner Invalidenpark begonnen hat, ist deshalb kein Zufall. Die Grünfläche befindet sich genau zwischen dem Wirtschaftsministerium und Verkehrsministerium. Die jeweiligen Hausherren, Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) und Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU), sind, vorsichtig formuliert, Reizfiguren für die jungen Aktivisten. Altmeier machen sie für den aus ihrer Sicht viel zu zögerlichen Kohleausstieg verantwortlich, Scheuer werfen sie vor, die umweltfreundliche Verkehrswende zu verschleppen. „Wir sind hier, wir sind laut, weil Ihr uns die Zukunft klaut“, schallt es aus tausenden junger Kehlen. Aber auch Erwachsene demonstrieren mit, Mütter, Väter, Omas und Opas, die sich etwas im Hintergrund halten, kaputte Transparente reparieren, Taschentücher und Butterbrote bereithalten. Die meisten Berliner Schulen, so heißt es am Rande, tolerieren die Fehlzeiten für das Klima mehr oder weniger stillschweigend.

Schließlich zieht ein bunter Protestzug zum Brandenburger Tor. Auf einer Bühne in Sichtweite des Bundestags spielen Bands Protestlieder, junge Klimaaktivisten aus ganz Europa fordern, rhetorisch teils brillant, die Politiker dazu auf, sich an die Verpflichtungen des Pariser Klimaabkommens auch zu halten. Luisa Neubauer, deutsches Gesicht der Bewegung kündigt an, dass die Streiks so lange weitergehen werden, bis die Politik einen Kurs ändert. Es sei schon paradox, sagt die Studentin aus Göttingen: „Wir machen uns für die Wissenschaft stark, die seit Jahrzehnten auf den Klimawandel hinweist – ohne dass etwas passiert.“

Das berühmte Pappschild

Auch die Kinder und Jugendlichen vor dem Brandenburger Tor warten, dass endlich etwas passiert. Am frühen Nachmittag, die meisten Schulen haben n längst geschlossen, steht sie dann plötzlich auf der Bühne, die Galionsfigur der Bewegung. Greta Thunberg trägt einen lilafarbenen Anorak und ihr berühmtes Pappschild. „Die älteren Generationen haben versagt“, sagt sie, ganz ruhig. Und schon brandet frenetischer Applaus auf. Ihre Sätze sind kurz, sie spricht, wie viele Schweden ein perfektes Englisch mit minimalem skandinavischen Einschlag. Sehr kindlich wirkt sie und doch fast alterslos mit dem bleichen Gesicht und der hohen Stirn, lächelt nicht, die anderen Aktivisten überragen sie allesamt um mindestens einen Kopf. Doch die junge Schwedin mit den traurigen Augen wird gefeiert wie ein Popstar für ihre simplen Botschaften. „Die Erwachsenen tätscheln uns den Kopf und sagen, wir sollen uns keine Sorgen machen. Wir sollen uns aber Sorgen machen“, sagt sie. Und fügt an: „Wir sollen sogar in Panik verfallen.“

Kinder wie Eltern jubeln. Wie es das unscheinbare, blasse Mädchen schafft, dass ihm weltweit die Herzen zufliegen, darüber wurde in den vergangenen Monaten viel diskutiert. Sicher ist: Greta Thunberg kommt aus einer Familie, der die große Bühne nicht fremd ist. Mutter Malena Ernmann ist eine weltweit gefeierte Opernsängerin. Vater Svante Thunberg ein in Schweden bekannter Schauspieler. Er begleitet seine Tochter bei ihren Auftritten, zu denen sie meist per Zug anreist. Ist das Phänomen Greta das Produkt ehrgeiziger Eltern? Es sei genau umgekehrt, so hat es etwa ihr Vater geschildert. Greta habe mit acht Jahren in der Schule von der vom Menschen gemachten Erderwärmung erfahren. Und dann beschlossen, das Leben der Familie umzukrempeln. Indem sie die Beleuchtung ausschaltete, Eltern und Schwester überzeugte, sich vegan zu ernähren, auf Flugreisen zu verzichten. Die Mutter lehnt heute Opern-Engagements ab, zu denen sie fliegen müsste.

Es gibt auch Argwohn 

Weltweit hat Greta Thunberg auch viel Argwohn auf sich gezogen. Manche Beobachter unterstellten, dass hinter ihren Auftritten handfeste kommerzielle Interessen stehen. So warb der Umweltaktivist und Unternehmer Ingmar Rentzhog mit Greta Thunberg für Aktien seiner Firma. Inzwischen hat Greta nach Angaben ihres Vaters ihre Verbindungen zu dem Unternehmen abgebrochen. Greta wolle ganz frei sein – auch auf väterlichen Rat höre sie meist nicht.

Dass sie sich allerdings mit Experten bespricht, etwa mit dem britischen Klimaforscher Kevin Andersen, daraus macht Greta Thunberg keinen Hehl. Doch gegen den Vorwurf, eine Marionette zu sein, oder durch eine gezielte Werbemaßnahmen zu ihrem Ruhm gelangt zu sein, wehrt sie sich energisch.

Der Publizistik- und Medienwissenschaftler Joachim Trebbe von der Freien Universität Berlin glaubt nicht, dass die riesige Popularität der jungen Klimaaktivistin auf einer von lange Hand geplanten Kampagne aufbaut. „Nach meiner Kenntnis kann man so was nicht professionell erzeugen, da ist zu viel Zufall und Glück im Spiel. Die Politik wäre dankbar, wenn man auf so eine Art und Weise einen Wahlsieger lancieren könnte.“ Doch sei eine bestimmte Schwelle der Medienöffentlichkeit einmal übersprungen, könne so eine „Ikone“ zum Selbstläufer werden.

Begeisterungspotenzial für Ikonen

Der Medienforscher verweist zudem auf das „vergleichsweise große Begeisterungspotenzial der ganz jungen Leute für ihre Ikonen“, das sich etwa in der Verehrung für Pop- oder Internet-Stars äußere. Dass Greta Thunberg nicht nur die Jugend anspreche, sondern auch die Erwachsenen fasziniere, liege an der besonderen Mischung ihrer Persönlichkeitsmerkmale. „Ihre Jugend, ihre Weiblichkeit beziehungsweise ihr Feminismus, die Aura der gesellschaftlichen Außenseiterin mit dem distanzierten Auftreten, der gewandten und rationalen Sprache), die Andeutung ihres besonderen Blickes auf die Welt durch die Asperger-Brille – all das macht sie attraktiv für die Medien“, sagt Trebbe.

Über ihre Aperger-Erkrankung, eine Form des Autismus, spricht Greta Thunberg sehr offen. „Ich sehe die Welt aus einer anderen Perspektive – Schwarz und Weiß“, sagte sie in einem Interview. Ihr Gewissen lasse es nicht zu, nicht zu handeln. Entschlossen und konsequent wirkt sie auch bei ihrer Rede in Berlin, die nur wenige Minuten dauert. Der nächste Termin wartet schließlich schon, im Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. Thunberg trifft sie sich dort mit den Forschern Ottmar Edenhofer und Johan Rockström. Und am Samstag soll sie die Goldene Kamera erhalten für ihr Klimaschutz, das ZDF überträgt live ab 20.15 Uhr.

Geht es nach Lisa Badum, dann ist der Fernsehpreis nur ein Zwischenschritt zu allerhöchsten Weihen. Die Grünen-Bundestagsabgeordnete aus Forchheim hat die junge Aktivistin für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen. „Greta hat das Anliegen des Klimaschutzes vom schwedischen Parlament in fast alle Länder der Erde getragen und damit zur Verbrüderung der Völker beigetragen“, sagt sie. Der Zusammenhang zwischen Frieden und Klimaschutz liege auf der Hand.

Am Brandenburger Tor sagt Greta Thunberg noch: „Wir wollen eine Zukunft. Ist das zu viel verlangt?“ Dann muss sie los, sie hat noch viel zu tun.



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