BERLIN

Der BND beendet die Ära Pullach

Von Pullach in die Hauptstadt: Am 29. Juli 2013 demonstrierten Netzaktivisten bereits vor dem neuen Hauptquartier des Bundesnachrichtendienstes (BND) in Berlin. Foto: Afp

Keine Geheimniskrämerei, kein Versteckspiel, kein Tricksen, Tarnen und Täuschen. Die Spione ihrer Kanzlerin geben sich offen und transparent. Zumindest für einen Tag.

Mit einem Festakt eröffnen Kanzleramtsminister Peter Altmaier (CDU) und der Präsident des Bundesnachrichtendienstes (BND), Gerhard Schindler, am heutigen Montag die neue „Technik- und Logistikzentrale“ des Auslandsgeheimdienstes in Berlin-Mitte, die ersten 170 Mitarbeiter beziehen ihre Büros im neuen Hauptquartier in unmittelbarer Nähe des Regierungsviertels.

Sie sind nur die Vorhut. Und sie haben einen anspruchsvollen Job: Sie müssen den Umzug des Geheimdienstes von Bayern nach Berlin organisieren. Eine Mammutaufgabe. Bis 2016 sollen bei laufendem Betrieb 4000 „Schlapphüte“ ihre neuen Büros im neuen Hauptquartier im Herzen der Hauptstadt beziehen, mit ihnen muss auch die gesamte Technik der Großbehörde am neuen Dienstsitz zum Laufen gebracht werden.

Der Dienst, der jahrzehntelang sein Eigenleben weit weg vom Zentrum der Politik führte, wird künftig ganz nah am Geschehen sein. „Wir müssen täglich Bundesregierung und Ministerien über Krisengebiete, Entführungsfälle und Bedrohungen informieren“, sagt BND-Sprecher Martin Heinemann. „Es ist daher ein enormer Vorteil, wenn wir das zukünftig jederzeit kurzfristig innerhalb Berlins tun können.“

Nah am politischen Geschehen

So markiert der heutige Montag den Anfang vom Ende einer Ära. Denn Pullach und der Bundesnachrichtendienst – seit der Gründung der Bundesrepublik galten diese beiden Worte als Synonyme, auch wenn sich die Politik jahrzehntelang weigerte, die Existenz eines eigenen Auslandsgeheimdienstes überhaupt offiziell zuzugeben und erst recht den Standort nicht nennen wollte. Auch wenn es alle wussten.

Schon im Dezember 1947 zog der frühere Generalmajor der Wehrmacht und Sturmbannführer der SS, Heinrich Gehlen, im Zweiten Weltkrieg Chef des Spionagedienstes „Abteilung Fremde Heere Ost“, in die ehemalige „Rudolf-Heß-Siedlung“ im idyllischen Isartal bei München ein und baute dort mit Hilfe der amerikanischen Besatzungsmacht mit alten Wehrmachtskameraden den Vorläufer des Dienstes auf, der unverfänglich „Organisation Gehlen“ hieß.

Neun Jahre später, am 1. April 1956, wurde daraus der Bundesnachrichtendienst. Zur Tarnung erhielt die Zentrale in der Pullacher Heilmannstraße den Namen „Bundesvermögensverwaltung, Abteilung Sondervermögen, Außenstelle Pullach“.

Nach dem Umzug von Bundestag und Bundesregierung von Bonn nach Berlin 1999 wurde auch der Ruf nach einem Wechsel des Geheimdienstes in die neue Hauptstadt laut, 2005 kaufte der Bund für 48 Millionen Euro vom Land Berlin ein 100 000 Quadratmeter großes Grundstück in zentraler Lage an der Chausseestraße in Berlin-Mitte, um darauf die neue Zentrale für den BND zu errichten.

1500 der insgesamt rund 6500 Mitarbeiter bleiben im Freistaat Bayern, davon 1000 in Pullach, hauptsächlich die Abteilung „Technische Aufklärung“, die den weltweiten Datenverkehr filtert, Telefonate abhört und E-Mails mitliest. 4000 Mitarbeiter werden künftig in der Hauptstadt ihren Dienstsitz haben. 2011 schon sollte nach den ursprünglichen Plänen der Dienst eigentlich in Berlin seine Arbeit aufnehmen, nun dauert es bis 2016.

Denn der Neubau der Zentrale, das größte Bauprojekt des Bundes seit dem Zweiten Weltkrieg, zog sich in die Länge, es ging nicht ohne Pleiten, Pech und Pannen ab. Mal verschwanden Baupläne, mal gab es Probleme mit den Fluchtwegen und Feuerwehrzufahrten und 2011 musste das komplette Belüftungssystem wegen Hygienemängeln ausgebaut werden, weswegen der gesamte Gebäudekomplex über keine Klimaanlage verfügt. Gleichzeitig kletterten die Kosten in die Höhe – von 730 auf 912,4 Millionen Euro, insgesamt wird der Umzug des Dienstes mit allen Nebenkosten rund 1,3 Milliarden Euro verschlingen.

Umziehen unter Geheimhaltung

Wo sich in DDR-Zeiten nahe der Mauer das Ost-Berliner „Stadion der Weltjugend“ befand, ist eine hermetisch abgeriegelte und von außen nicht einsehbare Stadt in der Stadt entstanden, von den Berlinern bereits als „Neu-Pullach“ oder „Schlapphut-City“ verspottet – ein riesiger Gebäudekomplex mit einer Bruttogeschossfläche von 260 000 Quadratmetern, was 35 Fußballfeldern entspricht. Zum Vergleich: Das Kanzleramt hat „nur“ 64 000 Quadratmeter.

Verbaut wurden 135 000 Kubikmeter Beton und 20 000 Tonnen Stahl, in den rund 5200 Räumen wurden 14 000 Fenster und 12 000 Türen eingesetzt, verlegt wurden 20 000 Kilometer Glasfaser- und 10 000 Kilometer Kupferkabel. 58 000 Möbelstücke müssen von Pullach nach Berlin transportiert werden, 100 000 Umzugskartons werden gefüllt. Und das alles unter höchster Geheimhaltung.

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