Würzburg

Der Held - wir haben ihn gemacht, wir lassen ihn wieder fallen

Jan Ullrich
Der Sieger des härtesten Randrennens der Welt hat wenig Glück gehabt im Leben.

„Quäl dich, du Sau!“ – dieser Satz hat einst die Nation bewegt. Vor allem aber hat er einen den Berg hoch- und damit zum ersten deutschen Tour-de-France-Sieg getrieben: Jan Ullrich. Teamkollege Udo Bölts hat die inzwischen legendären Worte gerufen, als Jan Ullrich 1997 am Berg schwächelte.

Seither ist viel passiert. Der Sieger des härtesten Randrennens der Welt hat wenig Glück gehabt im Leben. Und/oder sehr viele Fehler gemacht. Offenbar fehlen Jan Ullrich die Möglichkeiten, mit exorbitanter Verehrung ebenso zurechtzukommen wie mit der zwangsläufigen Ernüchterung danach.

Absturz, Comeback, Doping, Absturz, Trennung, Polizeigewahrsam, Einweisung, Entzugsklinik– und immer dabei: „die Medien“. Die Medien, ohne die er niemals so berühmt geworden wäre. Ohne die er niemals so reich geworden wäre. Die Medien, die ihn gemacht haben und die er benutzt hat. Die ihn einst zum Übermenschen machten und die heute jedes Detail seines Scheiterns dokumentieren.

Die "Bild" als Informationsgeber

Ganz vorn dabei: „Bild“. „Bild“ liefert die wichtigen Informationen („Jan Ullrich schoss im Wahn auf seine Fernseher“) und stellt zentrale Fragen: „Flippte Ullrich aus, weil Prostituierte telefonierte?“ – „Ist Jan Ullrich kaputt, weil sein Vater getrunken hat?“ Offenbar spricht Jan Ullrich selbst immer wieder bereitwillig mit der Boulevard-Presse. Und wo er nicht greifbar ist, äußern sich Freunde, Vertraute, Insider. Und wo keine Vertrauten plaudern, wird spekuliert, psychologisiert, diagnostiziert, analysiert.

Ein Publikum gibt es dafür auf jeden Fall – nichts fasziniert die Menschen mehr als der Sturz eines Helden. Wir verehren auf Widerruf. Nur dank unserer Verehrung gibt es den Helden überhaupt. Wir können diese Verehrung jederzeit einstellen, wenn der Held nicht mehr funktioniert. Wenn er nicht mehr dem Bild entspricht, das wir von ihm geschaffen haben.

Tatsächlich braucht es nicht allzu viel, um sich die Verehrung der Massen zu verscherzen. Die Massen verlangen Gehorsam. Verweigert der Held den Gehorsam, sind die Folgen absehbar. Vielleicht deshalb kooperieren so viele gefallene und fallende Helden immer weiter mit den Boulevard-Medien, anstatt sich konsequent zurückzuziehen und ihre Angelegenheiten in Ordnung zu bringen. Es ist längst eine gegenseitige Abhängigkeit entstanden, die möglicherweise noch schwerer zu überwinden ist als eine klassische Drogensucht.

Recht auf Intimsphäre abgegeben

Und es scheint kein Zurück zu geben. Wer mit Hilfe der Massen eine bestimmte Flughöhe erreicht, der gibt damit unwiderruflich zentrale Rechte ab. Das Recht auf Intimsphäre etwa, zu der übrigens auch medizinische Informationen gehören. Der wird zum Eigentum dieser Massen – mit Haut und Haaren. Und mit seiner Seele. Dann hebeln die Wucht einstigen Ruhms einerseits und die Sucht der Ruhmreichen nach Fortdauer des Ruhms andererseits alle Schranken der Scham aus. Auf beiden Seiten.

Auch das ist ebenso schlüssig wie schrecklich: Wir, die Masse der Zuschauer, Leser, User, haben die Momente des Ruhms möglicherweise intensiver ausgekostet als die Helden selbst. Deshalb sind, wenn sie stürzen, nicht sie die Leidtragenden, sondern wir. Anders lässt sich folgender Satz aus Bild.de nicht interpretieren: „Es ist so traurig zu sehen, wie es ihnen jetzt – teilweise auch selbst verschuldet?– geht und dass sie uns so ein Stück weit verloren gegangen sind.“

Gemeint sind in diesem Fall Jan Ullrich, Boris Becker, Michael Schumacher und Franz Beckenbauer. Vier der größten Sportidole, die dieses Land je hatte. Sie waren unser Eigentum, und jetzt sind sie uns „ein Stück weit verloren gegangen“.

Schnappschuss in Handschellen bringt mehr

Wer aber kommt nun für den Schaden auf? Der Boulevard schon mal nicht, der schaltet von Verehrung auf Enthüllung und macht das Beste daraus. Also Auflage oder Klicks. Dass ein Schnappschuss in Handschellen mehr bringt als die Homestory im trauten Heim, das ist halt so. Das Publikum kann auch nicht in Regress genommen werden. Dem steht schließlich Trost zu für entgangene Verehrungsfreuden.

Bleibt nur der Held selbst. Wer sonst? Wir haben ihn gemacht, wir lassen ihn wieder fallen. Und wenn er uns beim Vorbeirauschen im freien Fall noch ein wohliges Schaudern beschert, dann taugt er zuletzt ja doch noch ein bisschen was.

Inzwischen wird unter Journalisten heftig diskutiert, ob und welche Grenzen der Berichterstattung es in diesen Fällen zu respektieren gibt. Es zeichnen sich zwei Grundhaltungen ab. Die eher offensive: „Nicht wir haben seine Schutzzone verletzt, sondern er selbst. Er hat nun nicht mehr das Privileg, sich rauszusuchen, wo über ihn gesprochen und geschrieben wird.“ Die eher fürsorgliche: „Jan Ullrich verdient Hilfe und Schutz, wie jeder Mensch, der Leid erfahren hat und/oder krank ist.“

Was tun, wenn jemand selbst seine Intimsphäre zur öffentlichen Sphäre macht? Verwirkt er damit sein Anrecht auf Schutz? Anton Sahlender, Leseranwalt dieser Redaktion, schreibt dazu:„Angesichts der Details aus dem Konflikt, die anscheinend alleine an ,Bild' geflossen sind, darf man vermuten, dass es fragwürdige Exklusivabsprachen gegeben haben könnte, solche, wie sie seriöse Medien nie abschließen sollten.“

Alles ein abgekartetes Spiel? Wer profitiert davon? Vieles deutet darauf hin, dass es nicht Jan Ullrich sein wird. Seine Urteilskraft scheint derzeit mindestens geschwächt. Das wiederum hieße, dass ihn jemand vor sich selbst schützen müsste. Die Freunde und Vertrauten vielleicht, die derzeit überall zu Wort kommen. Vielleicht aber auch wir, „die Medien“. Aber das wäre dann wohl doch zu viel verlangt.

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