NÜRBURG

Der Nürburgring auf Schlingerkurs

Pleite einer Legende: Der Nürburgring ist ein Mythos. Davon konnten die Menschen in der Eifel bislang gut leben. Nach der Insolvenz ist das Areal an einen Privatinvestor verkauft worden. Beginnen die Probleme damit erst richtig?
Legendäre Strecke: Im vergangenen Jahr fand das bislang letzte Formel-1-Rennen auf dem Nürburgring statt.
Legendäre Strecke: Im vergangenen Jahr fand das bislang letzte Formel-1-Rennen auf dem Nürburgring statt. Foto: Imago

Es ist ein riesiges Gebäude. So groß, dass Fahrsimulatoren, ein Kino, ein Restaurant, alte Rennwagen und die Schienen einer Achterbahn hineinpassen. Hunderte Menschen könnten das alles benutzen. An diesem sonnigen Nachmittag in den Ferien verlieren sich gerade ein paar Dutzend Besucher im Ringwerk, die meisten davon ältere Herren. Dabei sollte die Halle eine Attraktion des neuen Nürburgrings sein. Sollte. Nachdem das Land Hunderte Millionen Steuer-Euro in eine Erlebniswelt mit Hotels gesteckt hatte und verpachtete, schlingerte der Ring in die Insolvenz.

Dabei hätte alles so schön sein können: Wenn auf der Rennstrecke einmal nichts los ist, sollten sich die Menschen rund ums Jahr vergnügen können – und Geld ausgeben. Das aber kann nicht klappen, warnten die Bürger. Denn nur wer wie an diesem Nachmittag auf der legendären Nordschleife seine Runden dreht, anderen zusieht oder zu einer Veranstaltung wie dem Musikfestival „Rock am Ring“ kommt, verirrt sich in die Gegend. Und höchstens im Sommer. In der Eifel aber gilt die Faustregel: Die Hälfte des Jahres ist Winter.

Nun sind viele sauer, weil das Areal nach der Insolvenz an private Unternehmen verkauft wurde – was einige Bürger vor dem Maifeiertag Ministerpräsidentin Malu Dreyer bei deren Besuch am Ring zeigen wollten. Dass es so weit kommen musste, regt auch noch viele auf. So steht vor allem das Ringwerk für die Probleme des Umbaus. Bei der Eröffnung der Erlebniswelt vor fünf Jahren, als der damalige Ministerpräsident Kurt Beck (SPD) noch mit Ringbotschafter und Tennistrainer Boris Becker für Fotos posierte, war es nicht fertig. Die Achterbahn, beworben als die weltweit schnellste, fuhr nur im Probebetrieb unter anderem mit Formel-1-Rekordweltmeister Michael Schumacher. Nach mehreren Unfällen ließ die endgültige Genehmigung bis zum vergangenen Jahr auf sich warten. Da war der Temporekord des Ringracers überholt. Jetzt ist der Betrieb komplett eingestellt, „da die Wirtschaftlichkeit nicht gewährleistet ist“, wie auf einem Zettel am Eingang steht.

Auch im Restaurant wird heute niemand mehr bewirtet. Eine virtuelle Fahrt durch die Eifel in einem der Säle findet nicht statt. In einem anderen Raum können die Besucher bei einem Motorsportquiz ihr Wissen testen. In einer Mini-Bahn lassen sich mit Zapfpistolen Lichtstrahlen verschießen. Vor ein paar Rennsimulatoren sitzen Väter mit ihren Kindern. Gerüche und Geräusche, also die Atmosphäre des Rennsports, fehlen. Alles wirkt steril. Die Bemerkung beim Hinausgehen, dass für den Eintritt von 16,90 Euro nicht viel geboten wird, quittiert die Frau an der Kasse mit Schweigen. Zeit für eine Erklärung wäre da. Es steht kein Besucher am Eingang. Vor der Tür sieht es nicht anders aus. Auch am riesigen Boulevard, geplant als Bummelmeile mit teuren Geschäften etwa für die Autobranche, herrscht Leere. Die Türen zu den Tribünen sind versperrt. Für die Veranstaltungshalle sind keine Termine notiert. Zumindest vor einer Würstchenbude warten ein paar Leute, und im Kiosk von Hans-Joachim Retterath kaufen Engländer Kaffee, Bier und Zigaretten.

Der Mann mit dem breiten Eifeler Dialekt, der „ch“ zu „sch“ werden lässt, schaut hier häufig vorbei. Hauptsächlich kümmert er sich aber um seine Tankstelle. Sie liegt zwei Autominuten entfernt neben einem Gewerbegebiet, in dem unter anderem ein Unternehmen der Capricorn Group und die Getspeed GmbH & Co. KG arbeiten. Deren Geschäftsführer haben für den Kauf des Areals die Capricorn Nürburgring GmbH gegründet. Etwa so alt wie der Ring ist Retteraths Zapfstation, die von den Großeltern 1929 gebaut wurde. Der 63-Jährige hat schon vor Jahren ein Bistro samt Laden für Rennsportartikel ergänzt.

Retterath fasst in Worte, was viele in der Region bewegt: „Es war falsch, dass der Ring verkauft wurde.“ Nicht bloß ihr Einkommen, sondern auch das Herz der Leute hängt daran. Ein solches Heiligtum Privatleuten zu übergeben, ist für viele Verrat. Dabei gibt es ein Gesetz, dass den Zugang der Öffentlichkeit sichert. Abgesehen davon empfinden viele den Kaufpreis als zu niedrig. Es habe bessere Angebote gegeben. Und dass keiner die vom Land gebauten Konkurrenzläden und -hotels schätzt, versteht sich.

Einst war der Ring geschaffen worden, um der strukturschwachen Region zu helfen. Nicht um den Einwohnern das Geschäft zu erschweren. Zumindest hält Retterath den Investoren zugute, dass sie noch nicht so großspurig aufgetreten sind wie die vorherigen Pächter. „Die hielten die Leute hier für Dorftrottel“, sagt der Tankstellen-Besitzer. Die Neuen, ergänzt Ehefrau Annette, kennen sich auch mit dem Motorsport aus und wollen ihn wieder stärker in den Fokus rücken. Zwar trauen dem Automobilzulieferer Capricorn und dem Motorsportbetreuer Getspeed viele zu, dass sie fachlich die Richtigen sind. Aber ob sie den Kauf und den Betrieb finanziell schultern können? Es gibt Zweifel. Vor allem, weil die Capricorn-Zahlungsfähigkeit von Bonitätsprüfer Creditreform laut „Wirtschaftswoche“ und nach Recherchen dieser Zeitung bei der Tochter „Capricorn Automotive“ von der Firmendatenbank Monetas schlecht bewertet wird. Hinzu kommt: Vier Unternehmer sagen, eine andere Capricorn-Tochter habe seit Monaten offene Rechnungen in sechsstelliger Höhe bei ihnen. Die sollen gerichtlich eingetrieben werden. Das belegen zwei der Männer etwa mit einer Mahnbescheid-Kopie. Wie sie sagen, gebe es weitere Firmen, die auf Geld warten. Das hätten die Unternehmer, die ihre Namen nicht in der Zeitung lesen wollen, um ihre Geschäfte nicht zu gefährden, lange nicht gedacht. „Die Zusammenarbeit mit den Leuten vor Ort klappte prima“, sagt einer, der an einer neuen Capricorn-Halle in Ring-Nähe gearbeitet hat. „Bis einige entlassen wurden oder selbst gegangen sind. Wenn ich dann höre, wer den Ring gekauft hat . . .“

Wie sieht es überhaupt aus in den Firmen der Käufer? Der Getspeed-Chef lässt Anfragen unbeantwortet. Und auch eine Capricorn-Sprecherin will erst einmal keine Besucher zulassen. Ein Missverständnis, beteuert Geschäftsführer Robertino Wild später. Er will offen sein, wie auch der Ring öffentlich zugänglich bleiben soll. Schließlich sei das Geschäft mit den Besuchern sehr einträglich. Er wehrt sich auch gegen Gerüchte, der Betrieb könne sich gar nicht rechnen. „Das Problem waren doch die hohen Verbindlichkeiten durch den Bau der neuen Gebäude“, erklärt er. „Die haben wir nicht übernommen, und während der Sanierung lag der Ertrag am Ring wieder bei fünf bis sechs Millionen.“ Wer sich aufs Kerngeschäft konzentriert, könne mit einer Rennstrecke auch verdienen, betont Wild. Er will die Erlebnisbereiche entfernen und stattdessen ein Technologiezentrum samt Zweigstelle einer technischen Hochschule ansiedeln.

Dass Capricorn genug Geld für den Kauf und Betrieb hat, habe die Firma den Verkäufern natürlich nachgewiesen – was ein Sprecher der Insolvenzverwalter bestätigt, er erklärt, das Engagement des Käufers sei „voll durchfinanziert“. Von den zehn Millionen Euro für den Bau neuer Werkräume im Gewerbegebiet seien 9,9 längst bezahlt, beschwichtigt Wild. „Dass es Diskussionen mit ein paar Firmen gibt, ist ja der normale Prozess des Bauens“, sagt er. In diesem Jahr habe er sogar 25 Leute eingestellt und sich nur von zwei trennen müssen. Ein anderer sei in gegenseitigem Einvernehmen ausgeschieden.

Ihn befremdet, dass schlecht über sein Unternehmen gesprochen wird, deshalb betont er: „Wenn wir scheitern, dürfen Sie mich teeren und federn und aus dem Dorf jagen. Aber geben Sie der Sache eine Chance.“ Denn für ihn und für die Region, in der gut 3000 Menschen vom Ring abhängig seien, „ist das zu groß zum Scheitern“. Weil viele das erkannt hätten, habe er körbeweise Glückwünsche zum Kauf erhalten.

Von Hans-Joachim Retterath können die nicht stammen, auch wenn er nichts gegen die Käufer als Personen hat. Auch andere Unternehmer sind skeptisch. Ursula Schmitz betreibt in Nähe der legendären Nordschleife, wo 1976 Rennfahrer Niki Lauda verunglückte, ein Hotel. Sie ist Mitglied einer der Bürgerinitiativen, die weiter gegen den Verkauf kämpfen – „denn es gibt keinen richtigen Käufer“. Dass jetzt Kurt Becks einstiger, für die Ring-Finanzierung zuständige Finanzminister Ingolf Deubel (noch nicht rechtskräftig) verurteilt ist, reiche nicht. Er soll für den Verlust von Steuergeldern in dreistelliger Millionenhöhe bei dem Projekt verantwortlich sein. Schmitz hofft, dass die Europäische Union Fehler bei Verkauf und Beihilfezahlungen findet. Dann wären die Investoren aus dem Rennen und unterlegene Bieter hätten eine neue Chance.

Hotelier-Kollege Klaus Daniels, der wie Schmitz früher Rennfahrer zu Gast hatte und heute noch deren Teams bewirtet, ist nicht weniger aufgebracht. Sollten sich auch die neuen Investoren als Flop erweisen, weiß er nicht, wie es weitergeht. Auch er ist auf Motorsport-Begeisterte angewiesen. Im Winter ist das Hotel geschlossen, ansonsten liege die Auslastung bei 25 Prozent. „Hätte ich mich bequatschen lassen und für die Gäste angebaut, die den neuen Ring besuchen sollten, könnte ich mich heute aufhängen“, sagt er und holt eine Zeitung aus den 70ern hervor. Darin beschreibt Daniels Vater, was der Region ohne Motorsport und Touristen blüht. Überschrieben ist der Artikel mit: „Wenn der Ring stirbt, gehen wir kaputt.“

Die Geschichte des Nürburgrings

1927 Mitte des Jahrzehnts wird unterhalb der Namensgebenden Nürburg mitten in der Eifel die Rennstrecke gebaut und 1927 feierlich eröffnet. 1951 Nach dem Krieg, in dem die Gebäude an der Strecke unter anderem als Lazarett dienten, und dem Wiederaufbau kommt das erste Formel- 1-Weltmeisterschaftsrennen in die Eifel. 400 000 Besucher sind dabei. Juan Manuel Fangio gewinnt und bleibt in den nächsten Jahren beim Großen Preis ungeschlagen. 1970 Nach einer Serie schwerer Unfälle auf der Nordschleife, die als „Grüne Hölle“ bezeichnet wird, fordern Fahrer einen umfangreichen Umbau für mehr Sicherheit. Sie wollen den Ring boykottieren, solange die Forderungen nicht umgesetzt sind. 1976 Die Strecke ist ein Jahr nach den Drohungen der Fahrer mit Seitenstreifen, Fangzäunen und Leitplanken gesichert. Niki Lauda hilft das nicht. Er verunglückt auf der Nordschleife und zieht sich schwere Verbrennungen zu. Der Ring verliert die Formel-1-Zulassung. Daraufhin wird der Bau einer neuen, kürzeren und sicheren Strecke beschlossen. Am 7. Oktober 1984 gewinnt dort Alain Prost wieder ein Formel-1-Rennen. 2007 Der Ausbau zu einem Freizeit- und Geschäftszentrum beginnt. Für 135 Millionen Euro, die Hälfte soll vom Land kommen, werden die Anlagen geplant. Für 95 Millionen sollen privat finanzierte Hotels und Restaurants entstehen. Da steht das Land bereits wegen der defizitären Flughäfen Hahn und Zweibrücken in der Kritik, und auch am Ring halten die Finanzierungskonzepte nicht. Die Kosten steigen in den Folgejahren auf rund 330 Millionen Euro. Das Land muss einspringen. Der Ring wird 2012 insolvent. Mehrere Manager müssen vor Gericht.

2014 Im März werden die Investoren Robertino Wild und Adam Osieka vorgestellt. Der Ring wird für 77 Millionen Euro vom Land an eine von ihnen gegründete Firma verkauft. Text: cki

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