LONDON

Der lange Weg zum Parteivorsitz

BRITAIN-NEPAL-POLITICS-DIPLOMACY
Viele Parteikollegen sind auf ihren Posten scharf: Premierministerin Theresa May Foto: I. INFANTES, AFP

Es ist seit geraumer Zeit ein Leichtes für Beobachter, Westminster mit einem Kindergarten zu vergleichen, auch wenn ein britischer Kommentator kürzlich nur teils im Scherz kritisierte, dass man damit Kindergärten unrecht tue. Immerhin, die endlosen Streitereien um den richtigen Brexit-Kurs, die persönliche Attacken und die etlichen Debatten um den EU-Austritt, oft getrieben von Fantasien und Ideologien, seien von einer beispiellosen Qualität. Das meinte er keineswegs positiv.

Nach dem offiziellen Rücktritt von Theresa May als Vorsitzende der konservativen Partei am vergangenen Freitag wird nun ein Nachfolger gesucht, und es bietet sich an, Stichwort Kindergarten, das Prozedere mit dem Spiel Reise nach Jerusalem zu vergleichen. Bis Montagabend konnten sich Kandidaten aus dem Kreis der Parlamentarier bewerben. Als formale Grundvoraussetzung galt lediglich, mindestens acht Abgeordnete als Unterstützer hinter sich zu haben. Zuletzt waren es zehn Bewerber auf der Liste, drei sprangen aus offensichtlicher Chancenlosigkeit bereits vor Ablauf der Frist ab.

Schlammschlacht erwartet

Ab dieser Woche wird der Kreis der Kandidaten nun von der Fraktion durch Wahlen – die erste findet an diesem Donnerstag statt – sukzessiv verkleinert. Es gibt mehrere Abstimmungsrunden, bis schließlich zwei Kandidaten übrig bleiben, die dann hinaus in den finalen Wahlkampf ziehen. Meistens wird er zur Schlammschlacht.

In diesem Jahr dürfte der Ton noch rauer, die Angriffe noch erbarmungsloser werden. Zu zerstritten und gespalten präsentieren sich die Konservativen beim Thema EU-Austritt. Vermutlich ab Ende Juni dann entscheiden rund 160 000 Parteimitglieder, vornehmlich europaskeptisch eingestellt, per Briefwahl, wen sie lieber in der Downing Street Nummer 10 sehen wollen.

Da die Tories derzeit in einer Minderheitsregierung unter Duldung der nordirischen Unionistenpartei DUP regieren, übernimmt der neue Parteichef auch das Amt des Premierministers. Mit einem Ergebnis wird in der Woche ab dem 22. Juli gerechnet, wobei der Gewinner der Kür auch bereits früher feststehen könnte – dann nämlich, wenn einer der beiden Kandidaten sich vorzeitig freiwillig aus dem Rennen zurückzieht, wie etwa im Sommer 2016 geschehen.

Deutlich größeres Bewerberfeld

Damals standen sich nach dem EU-Referendum und dem darauffolgenden Rücktritt von David Cameron Theresa May und Andrea Leadsom im Wettstreit gegenüber. Letztere gab aber nach anhaltender Kritik ihrer verbalen Angriffe auf ihre Kontrahentin früher auf. May wurde ohne Abstimmung Regierungschefin.

Dieses Mal ist das Feld deutlich größer – so viele Politiker wie nie in der Geschichte der Leadership Contests der Tories versuchen ihr Glück. Doch auch wenn das Königreich Ende Juli einen neuen Premier haben sollte, gilt es als nicht unwahrscheinlich, dass die Opposition sofort ein Misstrauensvotum anschiebt, um Neuwahlen zu erreichen. Das dürfte vor allem dann passieren, wenn sich ein Kandidat durchsetzt, der einen ungeregelten Brexit ohne Austrittsabkommen anstrebt. Die Mehrheit des Parlaments lehnt diese Option ab.

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