Der langsame und schwierige Abschied von der Diktatur

Joachim Gauck: Er war Abgeordneter, Stasi-Akten-Beauftragter und Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten. Heute kämpft er vor allem gegen das Vergessen.
Joachim Gauck Foto: dpa

Joachim Gauck ist viel unterwegs. Wer einen Interviewtermin möchte, sollte ein paar Wochen Wartezeit einplanen. Wenn man ihn dann aber tatsächlich am Telefon hat, ist er ganz da und gibt in hanseatisch klarer Sprache Auskunft über seine Sicht des deutsch-deutschen Zusammenwachsens.

Frage: Die Süddeutsche Zeitung hat Sie einmal als „Versöhner der Nation“ bezeichnet. Muss Deutschland noch mit sich versöhnt werden?

Joachim Gauck: Ich kenne diese Bezeichnung gar nicht, weil ich auch zuständig war für manche Kontroverse in einer Zeit des Übergangs von der Diktatur zur Demokratie. Und Kontroversen waren nötig, vor allem mit denen, die die Diktatur nicht als Diktatur erkennen wollten. Wenn mein Ansatz aber als einer gedeutet wird, der Menschen zusammenbringen will, dann ist das schon richtig. Aber das wird nicht ohne Wahrheit gehen. Aber zu Ihrer Frage: Es gibt immer noch Unterschiede der politischen Kultur. Ostdeutschland ist eine Transformationsgesellschaft. Da sind die zivilgesellschaftlichen Prozesse nicht so lange eingeübt wie in der alten Bundesrepublik. Das hat nichts mit dem Charakter oder Wert von Menschen zu tun. Wenn eine Seite über viele Jahrzehnte belohnt wurde für Gehorsam und Demut und die andere Seite trainieren musste, ein selbstbestimmter Bürger zu sein, entstehen unterschiedliche Kulturen.

Sie würden für die Annäherung dieser beiden Seiten also nicht das Wort Versöhnung wählen?

Gauck: Nein. Wir müssen uns eher aneinander gewöhnen. Das heißt, der Osten wird sich stärker an den Westen gewöhnen müssen als umgekehrt. Es gibt zwar vielfach im Osten die Überzeugung, man sei ein wenig menschlicher geblieben, und der Westen sei durch den Kapitalismus egoistischer geworden – solche Selbstzuschreibungen halten aber einer kritischen Überprüfung nicht stand. Wir haben überall im Westen mehr Engagement der Bürger als im Osten – in Bürgervereinigungen, Gewerkschaften, Parteien.

Wie weit sind wir in diesem Gewöhnungsprozess?

Gauck: Er wird noch ein wenig Zeit brauchen. Bei vielen ist es schon passiert, eine Ossi regiert dieses ganze große Land, und viele sind aktiv, als Bürgermeister, Abgeordnete oder in der freien Wirtschaft. Aber vielen macht die neue Freiheit noch Angst.

Wissen wir im Westen unsere Freiheit überhaupt noch zu schätzen?

Gauck: Gute Frage. Deshalb bin ich ja dauernd in Deutschland unterwegs und versuche den Menschen den Wert der Freiheit zu erklären. Manchmal habe ich den Eindruck, das kann einer besser, der sie lange Zeit nicht gehabt und sich intensiv nach ihr gesehnt hat. Deshalb brauchen wir die Erinnerungen ganz Osteuropas, dass die Freiheit das kostbarste Gut ist, über das wir verfügen.

Nun ist die Deutungshoheit über die DDR-Vergangenheit umkämpft. Können wir im Westen überhaupt beurteilen, was im Osten passiert ist?

Gauck: Doch – man kann es nicht fühlen, aber beurteilen kann man es schon. Wenn wir wollen, können wir alles über die DDR wissen. Es gibt unglaublich viele Arbeiten über Leben, Rechtssystem, Politik oder Kultur. Nur können die Menschen, die dort nicht gelebt haben, eben nur bedingt Empathie entwickeln, weil sie dieses Gefühl der Angst und diesen Anpassungsdruck nicht kennen. Deshalb verstehen sie auch nicht die Langsamkeit des Mentalitätswandels. Wenn ich im Westen lese, versuche ich zu zeigen, wie leicht man ein Ossi werden konnte. Ich beschreibe die Situation in der Schule oder bei den ersten Schritten im Beruf. Welcher Druck auf den Leuten lastete. Und indem man erzählt, kann man auch Empathie erzeugen. Aber richtig tief einsteigen, das ist schwer.

Interessiert es denn überhaupt noch jemand? Die Bundeskanzlerin zum Beispiel thematisiert das Problem ja äußerst selten.

Gauck: Klugerweise. Sie repräsentiert ganz Deutschland, und vier Fünftel Deutschlands sind eben nicht Ossis. Sie muss den Menschen im Land ja das Gefühl geben, dass sie bei ihnen ist. Dass sie aus der Tiefe der demokratischen Tradition her denkt und handelt. Wenn sie dauernd ihre Ossi-Prägung hervorkehren würde, dann würde sie auch Vertrauen verspielen.

Man könnte auch Parallelen zur Zeit nach dem Nationalsozialismus ziehen – ist das Thema DDR weitestgehend abgehandelt?

Gauck: Das ist ein sehr interessantes Beispiel. Es erlaubt uns, das, was im Osten immer noch nicht klappt – also der Abschied aller von der Diktatur – mit den Erfahrungen der Nachkriegsära zu vergleichen. Es hat damals ein bis zwei Generationen gedauert, bis die großen Bevölkerungsgruppen wirklich frei waren von Nostalgie. Nach dem Krieg war es doch gang und gäbe, in der Familie oder an Stammtischen zu sagen, „es war nicht alles schlecht beim Führer“, mit den Beispielen Autobahn oder Vollbeschäftigung. Wir dürfen die beiden Diktaturen nicht gleichsetzen, aber die Haltung der Menschen gegenüber diesen Diktaturen, die ist sehr ähnlich. Und auch die Neigung, aus schlechten Zeiten Gutes zu erinnern. Hannah Ahrendt hat das als „Verlust der Wirklichkeit“ beschrieben.

Was folgt daraus für das Zusammenwachsen Deutschlands heute?

Gauck: Wenn man die Erfahrungen im Westen mit der Aufarbeitung der NS-Vergangenheit nimmt, dann kann man sagen: Schon immer, gleich nach dem Krieg, gab es Menschen, die genau wussten, wie brutal die Diktatur war. Und die durften das auch sagen und schreiben, das wurde sogar gefördert. Und dann dauert es über eine Generation, bis dieses Spezialwissen der Opfer und der Fachleute tiefes inneres Wissen der ganzen Nation wird. Und die dazugehörenden Gefühle der Scham und der Trauer – das dauert dann noch einmal länger. So können wir davon sprechen, dass es beim Abschied von einer Diktatur ein Stufenschema gibt. Wir dürfen uns das beim Abschied von der DDR-Diktatur so ähnlich vorstellen. Das ist ein Prozess, und wir sind noch nicht am Ende dieses Prozesses angekommen.

Was sich auch darin zeigt, dass mitunter noch diskutiert wird, ob die DDR überhaupt als Unrechtsstaat zu bezeichnen ist.

Gauck: Das ist dümmlich und peinlich. Man kann sich nur wundern, dass sich für einige Menschen die erkennbaren Fakten noch so im Nebel befinden. Demokratie kann man ja beschreiben, es gelten in ihr die Bürgerrechte, die Menschenrechte, die Herrschaft des Rechts und die Gewaltenteilung. Wenn man die DDR auf diese Kriterien überprüft, dann treten die Defizite so klar vor Augen, dass das Urteil, bei der DDR handelte es sich um eine Diktatur, nicht besonders gewagt ist.

Joachim Gauck liest

Als einer der prominentesten Zeitzeugen der deutschen Wiedervereinigung liest Joachim Gauck am Donnerstag, 8. Dezember, um 19.30 Uhr in der Schweinfurter Stadthalle aus seiner Autobiografie „Winter im Frühling – Sommer im Herbst“. Joachim Gauck, Jahrgang 1940, war in der DDR Pfarrer und leitete 1989 in Rostock die Montagsgebete. In der ersten frei gewählten Volkskammer der DDR war er Vorsitzender des Parlamentarischen Ausschusses zur Auflösung der Staatssicherheit. Nach der Wiedervereinigung leitete er von 1990 bis 2000 die Stasi-Unterlagen-Behörde. Heute engagiert er sich im Verein „Gegen das Vergessen – für Demokratie“ für die Aufarbeitung des Nationalsozialismus und der DDR-Geschichte. 2010 kandidierte Gauck für SPD und Grüne für das Amt des Bundespräsidenten. Karten für 12 Euro (Abendkasse 15 Euro) in der Stadtbücherei Schweinfurt: Tel. (0 97 21) 51 79 60.

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