WIESBADEN/BERLIN

Deutschland bei Zuwanderern beliebt

Zuwanderer und Flüchtlinge werden auf dem deutschen Arbeitsmarkt nach Einschätzung von Fachleuten dringend gebraucht. Die Bundesagentur für Arbeit etwa rechnet in der alternden Gesellschaft mit einem Rückgang der Erwerbstätigen bis 2030 um acht Millionen. Noch nie haben so viele Zuwanderer in Deutschland gelebt wie 2014. Im laufenden Jahr dürfte die Zahl noch einmal steigen. Die Diskussion über ein Einwanderungsgesetz ist in vollem Gange. Die wichtigsten Fragen und Antworten.

Wie viele Zuwanderer leben in Deutschland?

Rund 10,9 Millionen Zuwanderer, Flüchtlinge und Asylbewerber lebten 2014 in der Bundesrepublik. Das ist nach Darstellung des Statistischen Bundesamtes der höchste Stand seit Beginn der Erhebungen 2005. Das Plus zum Vorjahr (2013) beträgt 3,7 Prozent und zu 2011 rund 10,6 Prozent. Damit hat gut jeder Fünfte der rund 80,89 Millionen Einwohner einen Migrationshintergrund.

Wie steht es um ein Einwanderungsgesetz in Deutschland?

Die Grünen bezeichneten Deutschland schon vor etlichen Jahren als Einwanderungsland und forderten ein Einwanderungsgesetz. Die Union hat sich dem lange verschlossen. Inzwischen spricht zwar auch sie davon, dass Deutschland nach den USA das zweitgrößte Einwanderungsland der Welt sei. Um ein Gesetz wird in CDU und CSU aber noch heftig gerungen. Die CDU von Kanzlerin Angela Merkel könnte sich im Dezember auf einem Parteitag dafür aussprechen, die derzeit mehr als 90 Rechtsgrundlagen für die Erteilung eines Aufenthaltstitels für Zuwanderer in einem speziellen Gesetz zu vereinfachen und zu bündeln. Die CSU will kein Gesetz mitmachen, das ein Mehr an Zuwanderung bedeutet. Der Koalitionspartner SPD dringt auf ein Einwanderungsgesetz noch in dieser Wahlperiode.

Woher kommen die Zuwanderer?

Seit 2011 ziehen jedes Jahr mehr Menschen nach Deutschland. Besonders deutlich ist der Zuwachs aus der Europäischen Union. Mehr als vier Millionen Zuwanderer stammten 2014 aus diesen Ländern, das waren gut 18 Prozent mehr als 2011. Die meisten kamen aus Polen, Rumänien, Italien, Bulgarien und Ungarn. Aber auch die Zahl der Zuwanderer mit Wurzeln aus anderen Kontinenten nahm deutlich zu. China, Syrien und Indien nennen die Statistiker als Beispiele.

Weshalb kommen die Menschen nach Deutschland?

„Seit dem Ausbruch der Finanzkrise 2008 haben sich die Zuwanderungsmotive deutlich verschoben“, stellen die Statistiker fest. Für die seither Zugezogenen war ein Job der wichtigste Grund, nach Deutschland zu kommen (28 Prozent). Mehr als die Hälfte dieser Zuwanderer hatte bei der Einreise bereits eine Stelle. Die Arbeitsaufnahme habe das zuvor dominierende Ziel der Familienzusammenführung abgelöst, stellt Migrationsexperte Ludger Pries fest.

Was verstehen die Statistiker unter Zuwanderern?

Der Mikrozensus ist die Grundlage der Statistik. Bei dieser Stichprobenerhebung wird jedes Jahr rund ein Prozent der Bevölkerung befragt. Dabei werden auch Gemeinschaftsunterkünfte wie Asylbewerberheime berücksichtigt. Die Statistiker fragen aber nicht nach dem rechtlichen Aufenthaltstitel.

Wie gut sind die Zuwanderer ausgebildet?

„Am oberen Ende sind die Zuwanderer klar besser qualifiziert als die Deutschen“, sagt Herbert Brücker vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung. „Das hilft dem Arbeitsmarkt.“ Hochschulabsolventen seien leichter zu integrieren. „Was uns ein bisschen fehlt, ist die Mitte, also die klassischen Facharbeiterqualifikationen.“ Allerdings gebe es auch mehr Zuwanderer ohne Berufsausbildung als Deutsche, die keinen Migrationshintergrund haben. Dies sei aber nicht per se negativ. „Sehr viele Zuwanderer arbeiten in Berufen wie der Gastronomie, der Landwirtschaft und der nicht-examinierten Pflege, wo man nicht unbedingt eine formelle Berufsbildung braucht.“ Dies seien aber auch anspruchsvolle Tätigkeiten mit einer hohen Nachfrage.

Flüchtlingskrisen in Afrika

Auf keinem Kontinent sind so viele Menschen auf der Flucht vor Krieg, Hunger und Menschenrechtsverletzungen wie in Afrika. Afrikanische Nachbarstaaten gewähren ihnen Schutz. Die Flucht von Zehntausenden aus Afrika nach Europa stellt daher nur die Spitze des Eisbergs dar. Eine Auswahl:

Burundi: Aus Angst vor neuer Gewalt in dem kleinen ostafrikanischen Land sind allein seit März 180 000 Menschen in die Nachbarländer geflohen. Das kleine Ruanda bietet 70 000 Menschen Schutz. Tansania, eines der ärmeren Länder Afrikas, hat 80 000 Menschen aufgenom- men.

Somalia: Knapp eine Million Somalis sind vor der anhaltenden Gewalt in ihrer Heimat am Horn von Afrika in Nachbarländer geflohen. Rund 420 000 leben in Kenia, jeweils etwa 250 000 in Äthiopien und im Jemen.

Südsudan: Rund 755 000 Menschen sind vor der Gewalt im Südsudan in die Nachbarländer geflohen, zumeist nach Äthiopien, Uganda und dem Sudan. 1,6 Millionen Menschen sind innerhalb der Landesgrenzen geflohen, zudem sind rund 300 000 Menschen aus dem Sudan in den Südsudan geflüchtet.

Kongo: Rund 500 000 Kongolesen sind vor andauernder Gewalt und Gesetzlosigkeit in Nachbarländer geflohen. Mehr als 2,75 Millionen Menschen haben ihre Heimat verlassen, um innerhalb der Landesgrenzen anderswo Schutz zu suchen. Zentralafrikanische Republik:

Rund 460 000 Menschen sind vor den Kämpfen in der Zentralafrikanischen Republik in die Nachbarländer Kamerun, Tschad und Kongo geflohen. Etwa ebenso viele gelten als Binnenflüchtlinge. Nigeria: Rund 150 000 Nigerianer sind wegen des blutigen Terrorfeldzugs von Boko Haram in Nachbarländer geflohen, vor allem in den Niger und nach Kamerun. Rund 1,4 Millionen Menschen sind aus dem Nordosten Nigerias, wo die sunnitischen Extremisten wüten, in andere Landesteile geflohen. Text: dpa

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