Ein verzerrtes Bild von Indien?

Immer wieder war 2013 von brutalen Vergewaltigungen in Indien zu lesen. Sind Frauen in dem Land nichts wert?
Tatort Bus: In öffentlichen Verkehrsmitteln herrscht in Indien strikte Geschlechtertrennung. Ende 2012 kam es dennoch in einem Bus zu einer Vergewaltigung, die weltweit Schlagzeilen machte. Foto: Stephanie Stocker

Vor einem Jahr sorgte die Vergewaltigung einer Studentin im indischen Neu-Delhi weltweit für Aufsehen. Die 23-Jährige war in einem Bus von sechs Männern vergewaltigt worden. Knapp zwei Wochen später, kurz vor Silvester, erlag sie ihren Verletzungen. Auch danach gab es immer wieder Meldungen von Vergewaltigungen in dem Land. Die Ethnologin und Indienkennerin Stephanie Stocker kennt die strengen Gesetzmäßigkeiten, nach denen Indiens Gesellschaft funktioniert und die die Rolle der Frau definieren. Sie zeichnet das Bild einer Kultur, die uns in vielem fremd erscheint.

Frage: 2013 wurden bis Oktober allein in Neu-Delhi 1330 sexuelle Gewalttaten angezeigt. Sie waren mehrfach über lange Zeiträume in Indien. Haben Sie sich jemals unsicher gefühlt?

Stephanie Stocker: Nein, ich habe mich in anderen Ländern schon unsicherer gefühlt. Aber man muss eben auch wissen, wie man sich richtig verhält.

Wie meinen Sie das?

Stocker: In Indien geht es immer darum, die Würde der Frau zu schützen. Ihr Status ist gefährdet, wenn sie sexuelle Beziehungen hat, ohne verheiratet zu sein. Selbst Händchenhalten wird nicht gern gesehen. Offene Gesten oder spätabends im kurzen Kleid durch die Straßen zu laufen – das ist einfach nicht üblich.

Was passiert, wenn man sich nicht entsprechend verhält?

Stocker: Verhält sich eine Frau nicht, wie es der Sitte entspricht, wird man meist höflich darauf hingewiesen. Wenn sich eine Frau beispielsweise zu zwei Männern auf eine Parkbank setzt, wird das als komisch empfunden. Die Männer würden dann aufstehen. Es gibt aber auch Ausfälle, die dann zu Übergriffen führen.

Klingt, als müssten sich Frauen sehr einschränken, um kein Verbrechen zu provozieren?

Stocker: Frauen halten bestimmte Verhaltensregeln ein, um nicht ihr Image und das ihrer Familie zu schädigen. Das heißt nicht, dass an jeder Ecke ein Verbrecher lauert. Gewisse Einschränkungen gelten übrigens für jedes Mitglied der indischen Gesellschaft. Männer werden wiederum aus Bereichen ausgeschlossen, in denen Frauen dominieren, wie zum Beispiel bei der Vorbereitung zu Hochzeitsfeierlichkeiten. In der indischen Gesellschaft ist es wichtig, seine zugewiesene Aufgabe zu kennen und auszuführen, statt dagegen anzukämpfen.

Das sind sehr konservative und aus westlicher Sicht rückständige Verhältnisse.

Stocker: Vergessen Sie nicht: Wir reden hier von einer Kultur, die einen völlig anderen Umgang mit Sexualität und den Geschlechterrollen pflegt. Ab der Pubertät werden Jungen und Mädchen strikt getrennt. Zum Beispiel gibt es Frauen- und Männerdomänen. In Teestuben etwa halten sich nur Männer auf. Außerdem existieren keine gemischten Studentenwohnheime. Selbst in Bussen sitzen Männer und Frauen nicht nebeneinander, dort gibt es eine entsprechende Sitzordnung. Das dient alles zum Schutz der Frauen vor Annäherungsversuchen, die ein schlechtes Bild auf sie und ihre Familie werfen könnten – es muss ja nicht immer gleich zu einer Vergewaltigung kommen.

Dennoch wird es in Indien vorehelichen Beziehungen geben . . .

Stocker: Natürlich gibt es Affären. Sie können aber nur in separaten Räumen ausgelebt werden und bleiben vor der Familie und Nachbarschaft versteckt. Beliebte Treffpunkte sind etwa öffentliche Parkanlagen oder weitläufige Tempelruinen. Akzeptiert wird die Partnerschaft meist erst durch die Heirat und Familiengründung.

Sind diese Ehen dann freiwillig geschlossen?

Stocker: Zwar werden über 80 Prozent der Ehen in Indien heute noch arrangiert. Das hat aber nichts mit Zwangsheirat zu tun: Die Partner haben ein Mitspracherecht. Und gerade Frauen empfinden es häufig als Ehre, dass für sie ein guter Mann gesucht wird. Im Süden werden meist Ehen zwischen entfernten Cousins und Cousinen arrangiert. Das heißt, die Frauen bleiben innerhalb ihrer Familie und haben dadurch einen besseren Status, sind gleichberechtigter. Im Norden heiraten Frauen öfter in fremde Familien ein und müssen sich dieser unterordnen.

Ein modernes Frauenbild sieht anders aus.

Stocker: Das mag auf unsere Gesellschaft zutreffen, jedoch wird „modern sein“ kulturell definiert. Eine moderne Frau in Indien kennt ihre Verantwortung für sich und ihre Familienmitglieder und berücksichtigt daher auch die Meinung ihrer Angehörigen bei der Partnerwahl. Die wiederum müssen dafür sorgen, dass die Ehe stabil bleibt und sich über Charakter, Berufschancen und Familienhintergründe des Mannes genau informieren. Umgekehrt verstehen viele Inder nicht, warum wir uns oft aus romantischen Gefühlen in eine Ehe stürzen, die nach ersten Auseinandersetzungen zu Bruch geht. Zudem ist Frau nicht gleich Frau: Ihr Status hängt von der regionalen Herkunft und der Kaste und Schicht ab. In wohlhabenderen Familien beispielsweise gehört es zum guten Ton, wenn die Frau sich als keusches Familienoberhaupt profiliert und zu Hause bleibt – während ärmere Inderinnen zum Lebensunterhalt beitragen müssen. Im Übrigen ist der Status der Frau in der hinduistisch geprägten indischen Gesellschaft nicht mit dem stereotypischer Frauen in konservativen islamischen Staaten zu vergleichen.

Sie sagten, dass die Frauen geschützt werden. Gilt das nur für indische Frauen? Auffällig war, dass auch viele Touristinnen – zuletzt Mitte Dezember – Opfer von Vergewaltigungen wurden.

Stocker: Auffällig ist vor allem, dass davon verstärkt berichtet wird – womöglich Nachwehen des tragischen Vorfalls vor einem Jahr. Denn leider ist Indien nicht das einzige Land, in dem Touristinnen vergewaltigt werden. Verstehen Sie mich nicht falsch: Natürlich ist es wichtig, auf diese Verbrechen und damit auf die potenziellen Gefahren für Fernreisende hinzuweisen. Jedoch befürchte ich, dass die Schreckensnachrichten unser Bild von der indischen Gesellschaft und ihren Umgang mit Frauen verzerren.

Die Vergewaltigung von Neu-Delhi im Dezember 2012 sorgte in Deutschland für viel Aufsehen. Abgesehen von den Protesten in den Städten: Wie ging man in Indien damit um?

Stocker: Der Fall war natürlich extrem und hatte logischerweise ein großes mediales Interesse zur Folge. Indien stand vor allem im Ausland fortan unter verstärkter Beobachtung. In Indien wurde das aber auch diskutiert, die Unruhen haben Sie erwähnt. Der Fall hat sich aber für Traditionalisten auch als Warnung vor dem freizügigeren Lebensstil von Studenten geeignet, der eben nicht der Tradition entspricht.

Wie konnte es aber zu so krassen Äußerungen wie der eines Ministers kommen, der Vergewaltigungsopfern eine Mitschuld gab, oder der eines Polizeichefs, der Frauen riet, eine Vergewaltigung zu genießen, wenn sie sich nicht verhindern lässt?

Stocker: Da kann man nur spekulieren. Natürlich sind solche Verbrechen nicht zu rechtfertigen. Was allerdings in der Berichterstattung unerwähnt bleibt, ist der Umstand, dass es natürlich Affären gibt, die nicht öffentlich ausgelebt werden, und – wenn sie auffliegen – von den Frauen mitunter als Vergewaltigungen deklariert werden. Einfach, weil sie sehr auf ihren Ruf achten müssen.

Müssen Vergewaltigungsopfer demnach befürchten, dass ihnen nicht geglaubt wird?

Stocker: Es gibt viele Organisationen, an die sich Vergewaltigungsopfer wenden können. Im indischen Fernsehen wird oft darauf hingewiesen. Sie helfen unter anderem, einen Anwalt zu organisieren. Viele Frauen wollen sich aber nicht an solche Organisationen wenden, weil die Grenze zwischen Affäre und Vergewaltigung verschwimmt.

Hat man in Indien innerhalb des vergangenen Jahres etwas unternommen, um Frauen besser zu schützen?

Stocker: Ja, am auffälligsten sind sogenannte Checkpoints, die nun zusätzlich eingerichtet wurden, vor allem in abgelegenen Gegenden, Wäldern etwa oder Berglandschaften. Dort kontrolliert die Polizei Pärchen, ob sie verheiratet sind. Oft werden dann sogar die Eltern angerufen, um das zu bestätigen. Sind sie nicht verheiratet, werden sie zurückgeschickt.

Stephanie Stocker

Die 31-jährige Ethnologin Stephanie Stocker arbeitet derzeit an der Eberhard Karls Universität Tübingen an ihrer Dissertation und war bereits mehrfach zu Forschungszwecken in Indien, zuletzt zwischen Oktober 2011 und Oktober 2012. Schwerpunkt ihrer Forschung ist die Veränderung der arrangierten Heirat im modernen Indien. Zuvor beschäftigte sie sich mit dem Einfluss von Selbsthilfegruppen auf die Rolle der Frau in Südindien. Bevor sie eine akademische Laufbahn einschlug, war Stephanie Stocker als Redaktionsvolontärin bei dieser Zeitung beschäftigt. Text: ben

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