SCHWEINFURT

Eine Polemik: So unfassbar dumm!

Dies ist eine Polemik. Wenn Sie, liebe Leserin, lieber Leser, zu den sogenannten besorgten Bürgern gehören, wird Sie das Folgende ärgern. Sie werden sich missverstanden, vermutlich sogar verunglimpft fühlen. Von einem naiven Gutmenschen, der sich weigert, offensichtliche Missstände zur Kenntnis zu nehmen, und damit den inneren Frieden dieses Landes aufs Spiel setzt, von dessen Identität und Werten gar nicht zu reden.

Können Sie mir bis hierher folgen? Letzte Warnung: Was jetzt kommt, ist unsachlich und emotional. Ich werde nicht versuchen, irgendjemand von irgendwas zu überzeugen. Wie auch?


Seit Wochen bemühen sich die Medien mit hervorragend recherchierten Beiträgen, die unfassbar dummen Parolen zu widerlegen, die über Asylbewerber und Flüchtlinge kursieren. Ich würde gerne glauben, dass manche Menschen diese Beiträge lesen oder anschauen und anschließend vielleicht ein bisschen anders denken. Aber die Parolen kursieren weiterhin und werden weiterhin nachgebrabbelt.

Die halbe Welt steht in Flammen. Millionen Menschen werden verfolgt, gequält, vertrieben und umgebracht. Und ja, Hunderttausende schaffen es bis Europa. Auf der Suche nach einer Perspektive, einer Zukunft, einem Leben, das diese Bezeichnung verdient. Und da fällt diesen „besorgten Bürgern“ nichts Besseres ein, als vor Überfremdung, Asylmissbrauch und Islamisierung zu warnen?

Vor Islamisierung? Wo bitte wird denn was islamisiert? Oder ist der selbstverständliche Respekt vor den Überzeugungen und Riten einer anderen Religion jetzt schon ein Symptom für Islamisierung?

Oder: „Asylbetrug“? Es gibt Regeln und ein Verfahren. Wer Asyl beantragt, dessen Anliegen wird überprüft und eben bewilligt oder nicht. Wo bitte ist denn da der Betrug? Dann wäre es also BAföG-Betrug, wenn ein Arztsohn BAföG beantragt?

Wenn Asylverfahren ewig dauern, ist das bestimmt nicht die Schuld der Asylbewerber. Ebenso wenig wie die Tatsache, dass Politik und Verwaltungen nur Abschottung und Abschreckung im Kopf haben, anstatt die überfällige Entwicklung einer vernünftigen Infrastruktur für Aufnahme, Ausbildung und Integration der Menschen, die wir in diesem Land ja dringend brauchen. Von Willkommenskultur gar nicht zu reden. Wie kann man angesichts millionenfachen Leids so bräsig auf seiner Wohlstandsinsel sitzen und nur an den eigenen Komfort denken? Denn um nichts anderes geht es. Um einen Komfort, der im Übrigen in keinster Weise bedroht ist. Es sei denn natürlich, man muss mal an der Bushaltestelle neben einer dunkelhäutigen Familie warten.

Wie erklärt sich diese völlige Abwesenheit von Mitgefühl? Wie erklärt sich der totale Mangel eines Impulses, zu helfen? Was stimmt mit diesen Leuten nicht?

Da stellt sich irgendein Politiker hin und sagt, die Taschengeld-Leistungen an Asylbewerber seien eine „Zumutung für den Steuerzahler“. Da empfehle ich doch ganz, ganz dringend die Lektüre des Schwarzbuchs des Bunds der Steuerzahler. Da stehen ein paar Zumutungen drin, es lohnt sich. Oder wie wäre es mit einem Besuch am Berliner Flughafen BER? Oder mit ein paar Vorzugsaktien der Hypo Alpe Adria?

Wir leben in einem Land, das Autobahnen baut, die 11 Millionen Euro pro Kilometer kosten. Das Milliarden versenkt, weil ein paar Banker (tatsächlich ziemlich viele Banker) den Hals nicht voll genug kriegen konnten.

Ach ja: „Die Bedingungen in den Herkunftsländern verbessern.“ Ich erwarte dringend die öffentliche Verabschiedung einer Delegation, die mal eben nach Syrien fliegt und dort für Ordnung sorgt. Sollte ja in ein paar Wochen zu schaffen sein. Auf dem Rückweg könnte die vielleicht noch einen Abstecher nach Afrika machen.

60 Millionen Menschen sind weltweit auf der Flucht, so viele wie seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr. Klar, das sind alles arbeitsfaule Wirtschaftsflüchtlinge, die den „falschen Anreizen“ von so blöden Gutmenschenländern wie Deutschland folgen. Die quasi schon an der Grenze Anlauf nehmen, um in unsere soziale Hängematte zu hüpfen. Wegen denen müssen dann deutsche Familien obdachlos unter Brücken hausen. Tatsächlich, so Zeug verbreiten die Hetzer im Internet. Und es gibt tatsächlich Leute, die das glauben. Ich kann da nur zu einem Schluss kommen: Die Verbreiter sind unfassbar bösartige Lügner, und die, die ihnen glauben, sind unfassbar dumm.

Natürlich kann man über die Art diskutieren, wie dieses Land mit denen unter seinen Bürgern umgeht, die nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen. Es ist nur auffällig, dass diese Menschen immer nur dann erwähnt werden, wenn es gegen Flüchtlinge geht.

Man kann mittlerweile auf Anti-Asyl-Hetze Karrieren aufbauen. Kann im Rampenlicht stehen und die Menge anstacheln. Was von „Lügenpresse“ grölen und sich im Beifall suhlen. Man kann funkelnagelneue Parteien gründen, die nicht vom System kontrolliert und zensiert werden, in denen endlich gesagt werden darf, was schon lange mal gesagt werden musste. Natürlich sind das alles keine Nazis, aber das wird man ja wohl noch und so weiter und so weiter – ich kann es nicht mehr hören.

Glücklicherweise gibt es immer noch sehr viele Menschen, die bereit sind zu spenden und zu helfen. Oder einfach nur „Willkommen!“ zu sagen. Glücklicherweise formiert sich langsam eine Art Spontibewegung gegen die Hetzer. Die mit bösem Witz die Engherzigen und Mitleidlosen entlarvt. Die Künstlerin „Barbara“ etwa, die im öffentlichen Raum ihre listigen Nachrichten hinterlässt. Diese zum Beispiel vor einem McDonald's-Logo: „Ein Big Mac, der die Dönerisierung des Abendlandes fürchtet, ist ein besorgter Burger.“

Vielleicht ist das ein Ansatz, wenn Argumente nicht fruchten: die Hetzer der Lächerlichkeit preisgeben. Sich möglichst kreativ und unermüdlich über sie lustig machen. Und wenn sie uns dann „Gutmenschen“ heißen, lasst uns diesen Ehrentitel mit Stolz und Würde tragen.

Niemand behauptet, dass es einfach werden wird. Die Welt steckt mitten in gigantischen Problemen, und wir sind Teil dieser Welt, zumal wir (und unsere Vorfahren) einige dieser Probleme mitverursacht haben. Es reicht nicht, möglichst viele Türsteher zu postieren, damit das Leid draußen bleibt.

Um noch einmal Barbara zu zitieren: „Wer gegen Flüchtlinge hetzt, muss nicht gleich ein Nazi sein, aber in jedem Fall eine herzlose Knalltüte, die aus der Geschichte rein gar nichts gelernt hat.“

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