ROM

Ex-Erzbischof in Arrest

Hausarrest: Josef Wesolowski (Archivbild 2011).
Hausarrest: Josef Wesolowski (Archivbild 2011). Foto: Orlando Barria, dpa

Die italienischen Medien reagierten mit kaum unterdrückter Begeisterung. „Schock im Vatikan. Es ist das erste Mal“, titelte die Tageszeitung „La Repubblica“ am Mittwoch anlässlich der Festnahme des ehemaligen Erzbischofs Jozef Wesolowski wegen Kindesmissbrauchs. Auch der konservative „Corriere della Sera“ kommentierte das Vorgehen des Vatikan als vorbildhaft: „Die Zeit der Verschleierung ist vorbei.“

Die Nachrichtenagentur Ansa bezeichnete die Verhaftung des ehemaligen päpstlichen Nuntius in der Dominikanischen Republik als einen „Blitz aus heiterem Himmel für die ganze Welt“. Wieder habe Franziskus eines seiner „revolutionären“ Signale gesendet.

Tatsächlich war die Festnahme des ehemaligen polnischen Erzbischofs und Vatikan-Botschafters am Dienstagabend eine Premiere. Niemals zuvor war die Strafjustiz des Kirchenstaates wegen Kindesmissbrauchs derart drastisch gegen einen hohen Prälaten vorgegangen. Wesolowski, der in den Jahren 2008 bis 2013 als päpstlicher Botschafter in dem Karibik-Staat tätig war, wird vorgeworfen, in mindestens vier Fällen Minderjährige in Santo Domingo sexuell missbraucht zu haben.

Aus Priesterstand entlassen

Bereits im Juni war der Pole von der Glaubenskongregation in einem kanonischen Prozess aus dem Priesterstand entlassen worden. Auch ein Strafverfahren läuft im Vatikan gegen ihn. Offiziell wurde die Festnahme vom Vatikan mit der „Schwere“ der Vorwürfe begründet. Weil er offenbar nicht bei bester Gesundheit ist, wird der 66 Jahre alte Ex-Priester nun im Hausarrest im vatikanischen Gerichtsgebäude festgehalten.

Die meisten Beobachter interpretierten die Festnahme nun als Beweis für die rigide Haltung von Papst Franziskus beim Thema Kindesmissbrauch. Vatikansprecher Federico Lombardi förderte diesen Eindruck, indem er sagte, die Festnahme sei auf „ausdrücklichen Willen des Papstes“ erfolgt, damit ein „so schwerer und delikater“ Fall „ohne Verzögerungen“ und mit der „richtigen und notwendigen Strenge“ behandelt werden könne.

Franziskus hatte im vergangenen Mai Kindesmissbrauch durch Priester mit einer „schwarzen Messe“ verglichen und öffentlich versprochen, Mitglieder des Klerus, die sich solcher Verbrechen schuldig gemacht haben, nicht zu privilegieren. Unter anderem hatte der Kinderrechtsausschuss der Vereinten Nationen den Vatikan wiederholt kritisiert, Priester zu decken und nicht mit der staatlichen Justiz zusammenzuarbeiten. Neben Wesolowski ermittelt der Vatikan auch gegen zwei weitere Bischöfe.

An der Lesart, die Festnahme Wesolowskis sei Ausdruck einer Politik der „Null-Toleranz“ gibt es allerdings auch Zweifel. Nach einem Bericht der „New York Times“ vom 23. August wurde der Ex-Nuntius ein Jahr zuvor „heimlich“ nach Rom zurückbeordert und lebte dort seither unbehelligt in einem Kloster. Die lokalen Behörden seien damals vom Vatikan nicht informiert worden, obwohl in den Leitlinien des Heiligen Stuhles eine Kooperation mit den Behörden angemahnt wird. Eine Auslieferung an die Justiz in der Dominikanischen Republik oder nach Polen lehnte der Heilige Stuhl später mit Hinweis auf die Vatikan-Staatsbürgerschaft und die inzwischen aufgehobene Diplomaten-Immunität des Prälaten ab. Die dominikanische Justiz wurde erst durch einen Fernsehbericht auf den Fall aufmerksam.

Innerkirchliche Kritik

Nicht auszuschließen ist zudem, dass die Festnahme auch durch innerkirchliche Kritik an dem Vorgang beschleunigt wurde. Ende Juni hatte Victor Masalles, Weihbischof von Santo Domingo, über Twitter wissen lassen, er sei überrascht gewesen, Wesolowski unbehelligt „in der Via della Scrofa in Rom spazieren gehen zu sehen“. Masalles fügte hinzu: „Das Schweigen der Kirche hat das Volk Gottes verletzt.“

Juristische Aufarbeitung von Fällen sexuellen Missbrauchs

Rechtsgrundlage der katholischen Kirche in Fällen sexuellen Missbrauchs sind das Motu Proprio Sacramentorum sanctitatis tutela von 2001 und das kanonische Recht. In einem Leitfaden der Glaubenskongregation, der Fälle sexuellen Missbrauchs durch Priester vorgelegt werden müssen, heißt es: „Die staatlichen Gesetze hinsichtlich der Anzeige von Straftaten bei den zuständigen Behörden sind immer zu befolgen.“ Der UN-Kinderrechtsausschuss warf dem Vatikan mehrmals vor, nicht ausreichend mit den staatlichen Behörden zusammenzuarbeiten. Nicht in allen Ländern besteht eine Anzeigepflicht bei sexuellem Missbrauch. In Deutschland wurde auf die Anzeigepflicht mit Rücksicht auf die Opfer verzichtet. Text: jmm

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