Fleisch? Nein danke!

Veganes Essen: Essen wird zunehmend eine Sache der Weltanschauung. Immer mehr Menschen verzichten ganz und gar auf tierische Produkte. Und immer mehr Supermärkte stellen sich auf diesen Trend ein.

Nina hatte letzte Woche Geburtstag. Neun Jahre ist sie alt geworden und ihre Mutter hat für die Feier mit der Verwandtschaft natürlich Kuchen gebacken, Apfelkuchen mit Streusel und Milchreis-Limettenkuchen. Am Abend gab es dann noch Chili – allerdings nicht das übliche „con Carne“, also mit Fleisch, sondern mit Bulgur. Denn vor einiger Zeit hat Nina beschlossen: „Mama, ich mag kein Fleisch und keinen Fisch mehr essen, mir tun die Tiere leid.“

Ihrer Mutter Kathrin Rottmann passt das ganz gut ins Konzept, denn sie lebt selbst seit etwa einem Jahr vegan. Sie isst also nicht nur kein Fleisch, keine Wurst und keinen Fisch, sondern sie verzichtet auch auf Eier und Milchprodukte. Die beiden Kuchen waren also auch vegan, der Teig ohne Butter und Eier, der Milchreis mit Sojamilch gekocht. Übrig geblieben ist nicht viel beim Geburtstagsfest, auch die „Normalesser“ ließen sich die vegane Kost schmecken.

Veganer sind in Deutschland immer noch eine Randerscheinung – rund 700 000, also weniger als ein Prozent der Bevölkerung, ernähren sich nach Schätzungen des Vegetarierbundes auf diese Weise. Doch gegenwärtig steige ihre Zahl stärker als die der Vegetarier. In der Hauptsache sind es Frauen zwischen 20 und 30, die einer höheren Bildungsschicht angehören und in größeren Städten leben.

Das Wort „Verzicht“ verschwindet ganz schnell aus dem Wortschatz, wenn man sich mit Kathrin Rottmann über ihre Ernährungsweise unterhält. Sie erzählt von köstlicher Mousse au Chocolat mit Seidentofu, von Seitanrouladen, von Gemüseaufläufen und anderen Leckereien und erwähnt nebenbei, dass sie ihr Gewicht seit der Umstellung auf vegan problemlos halten kann. „Ich esse nicht mehr so viel, weil es vollwertiger ist“, vermutet sie. Es klingt also eher so, als hätte Kathrin Rottmann eine Menge dazugewonnen an Genuss und Lebensqualität. Gar nicht verstehen kann sie deshalb, warum ihr immer wieder Menschen mit dem Satz „Ach du Arme, was kannst du denn da noch essen?“ gegenübertreten.

Dabei geht es nicht nur ums Essen. Veganismus ist nicht nur eine Ernährungsform, sondern eine Lebensform und eine Weltanschauung. Wer vegan lebt, zählt sich zu den Menschen, die sich der Verantwortung sich selbst und ihrer Umwelt gegenüber bewusst sind. Vegane Demonstrationen setzen sich für Tierschutz und gegen die Abholzung des Regenwaldes ein. Strenge Veganer kaufen keine Lederwaren und meiden auch Seide, weil für diesen Stoff Seidenraupen lebendig verbrüht werden. Vegan leben bedeutet nicht nur weglassen, sondern umdenken hinsichtlich eines nachhaltigen und ganzheitlichen Lebensstils.

Damit ist der Veganismus ein Stück mehr in die Mitte der Gesellschaft gerückt. Vegane Imbisse und Restaurants gibt es nicht nur in den Metropolen, Cafés bieten Cappuccino oder Latte macchiato mit Sojamilchschaum an und Restaurantbesitzer reagieren mit Verständnis, wenn man vegane Sonderwünsche anmeldet. Wer in Buchhandlungen vor dem Regal mit Kochbüchern steht, hat die Qual der Wahl, und beim Durchblättern wird deutlich: Vegane Küche ist mehr als Beilagen essen, und Veganer sind nicht die blassen, ausgemergelten Typen mit den Gesundheitssandalen. Köche wie Surdham Göb, Björn Moschinski oder Jérôme Eckmann, junge, gut gebaute Männer, die leicht auch als Models durchgingen, haben vegan zum Trend gemacht und vom genussfeindlichen Image befreit. Vegan ist schick geworden.

Kochbuchautor Attila Hildmann hat gar den Spruch geprägt „Vegan ist wie Viagra“. Der 31-Jährige lebt seit zwölf Jahren vegan und ist ein Werbeträger par excellence für diese Ernährungsform. Von 105 auf 70 Kilo speckte Hildmann ab, seine Haut habe sich verbessert, sein Cholesterinspiegel ebenso und überhaupt fühle er sich, seit er Veganer sei, fitter und gesünder. „Für Bratwurst bin ich zu eitel“, lautet ein anderer markiger Spruch Hildmanns. Zum Umdenken brachte den ehemaligen Junk-Food-Fan der tödliche Herzinfarkt seines Vaters. Zunächst wurde Hildmann Vegetarier, doch seine Vorliebe für Käse und sonstige Milchprodukte wirkte sich eher nachteilig auf seine Blutwerte aus, also stieg er auf vegane Ernährung um.

Als vorteilhaft erwiesen hat sich das für den studierten Physiker nicht nur für seine Gesundheit, sondern auch für sein Bankkonto. Öffentlichkeitswirksam sind die sogenannten Challenges, die er in seinen Kochbüchern propagiert. „Es geht darum, sich in 30 Tagen durch eine Umstellung der Ernährung, durch frische Biozutaten und sportliche Betätigung zu rebooten, also wie beim Computer, der sich aufgehängt hat, einen Neustart zu machen“, erklärt Hildmann die Herausforderung. Ganze Ortschaften wie Thannhausen im Landkreis Günzburg haben diesen Neustart schon unternommen. Zusammen mit der Berliner Charité führt Hildmann jetzt Untersuchungen durch, inwiefern vegane Ernährung den Alterungsprozess der Haut günstig beeinflusst. Dass sie bei Zivilisationskrankheiten wie Gicht, Reizdarm, Bluthochdruck und Diabetes helfen kann, ist mittlerweile unbestritten.

Trotzdem, ein medizinischer Selbstläufer ist die vegane Ernährung nicht. Kleinkinder und Schwangere sollten ganz darauf verzichten, weil die Mangelernährung Entwicklungsverzögerungen und neurologische Störungen hervorrufen kann, warnen Mediziner. Um Mangelerscheinen bei Eisen, Kalzium, Vitamin D, Zink, Jod und Omega-3-Fettsäuren vorzubeugen, sollten Veganer auf jeden Fall viele Hülsenfrüchte, Nüsse, grünes Gemüse und gesunde Öle zu sich nehmen, rät Antje Gahl von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung. Besonders kritisch sei die Versorgung mit Vitamin B12, weil dies nur in tierischen Produkten vorkomme, und sich der Bedarf nur unzureichend über Algen oder Sauerkraut decken ließe. „Veganer kommen unter Umständen nicht darum herum, Vitamin B12 zusätzlich einzunehmen“, sagt Gahl.

Kathrin Rottmann stellte ihre Essgewohnheiten um, weil sie als Neurodermitikerin auf ihre Ernährung achten muss. Erst nach und nach formte sich ihr Bewusstsein, dass Veganismus auch den Tier- und Umweltschutz fördert. Ihre bisher gekauften Taschen und Schuhe aus Leder behält sie zwar, doch neue schafft sie sich nur noch aus tierfreien Materialien an. Auch bei Kosmetika und Waschmittel achtet sie auf das Siegel mit der Blume, das vegane Produkte kennzeichnet.

Noch etwas spielt bei Kathrin Rottmann eine immer größere Rolle: die Experimentierlust beim Kochen; denn schließlich ginge es ihr ja nicht nur darum, Fleisch durch Tofu zu ersetzen. „Ich habe viele neue Produkte entdeckt, Olivenkraut, Bulgur, Johannisbrotkernmehl, verschiedene Sorten von Milch.“ In Rottmanns Regal stehen Tetrapaks mit Hafer-, Reis-, Mandel-, Dinkelmilch. Es gäbe noch Haselnuss-, Cashew-, Kokos- und einige Sorten mehr an Milch. Gut gefüllt sind auch der Kühlschrank mit viel Gemüse und die Vorratsschränke mit diversen Mehl- und Mussorten.

Für viele eilige Supermarktgänger sind der Einkauf all dieser exotischen Zutaten und zudem der höhere Preis Gründe, an der Alltagstauglichkeit veganer Ernährung zu zweifeln. Kathrin Rottmann fährt schon mal die diversen Bioläden ab, um alles zu bekommen, was sie braucht. Den Einkauf fürs Geburtstagsfest ihrer Tochter konnte sie aber weitgehend im normalen Supermarkt bewältigen. Sogar vegane Schokolade sei mittlerweile im Supermarkt zu bekommen.

„Vieles kann man auf Vorrat kaufen oder im Internet bestellen“, erklärt sie ihre Einkaufsstrategie. Umständlich sei es nur am Anfang, wenn man sich die Welt der veganen Produkte erobern und Zutatenlisten studieren muss, um herauszubekommen, ob sich tierische Stoffe darin befinden. Rottmann hat sich vegane Spitzfindigkeiten im Internet erarbeitet. Immer neue Sachen kennenzulernen und auszuprobieren, das ist ihre neue Leidenschaft geworden. „Wenn ich früher irgendwohin Kuchen mitbringen sollte, habe ich ,na gut‘ gesagt, heute reiße ich mich darum. Und das Schöne ist: Auch Nicht-Veganer sind begeistert.“

„Vegan ist wie Viagra.“
Kochbuchautor Attila Hildmann
Lecker ohne Ei und Butter: Schokokekse nach veganem Rezept. Foto: Thinkstock

Rückblick

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