ROM

Flut-Tragödie löst Debatte über illegales Bauen aus

ITALY-SICILY-WEATHER-FLOOD
Der überlebende Giuseppe Giordano (Mitte) Foto: Alessandro Fucarini, afp

Die Tragödie trägt sein Gesicht. Giuseppe Giordano hat eine tränenerstickte Stimme, seine Augen sind angeschwollen, sein Leid ist mit Händen zu greifen. Giordano ist außer sich, ein gebrochener Mann und Familienvater. Kaum vorstellbar, was ihm am vergangenen Wochenende widerfahren ist. Es sollte eine fröhliche Familienfeier werden, doch Giordano hat alles verloren.

Seine beiden Kinder, ein einjähriges Mädchen und ein 15-jähriger Junge, sind ertrunken. Auch seine Frau, der Vater, die Schwester und eine Nichte starben am Samstagabend in Casteldaccia bei Palermo. Die Familie Giordano wollte eine Geburtstagsfeier im Landhaus am Fluss begehen, das der Familienvater für solche Gelegenheiten hatte. Es regnete, das schon. Aber wer konnte mit so einer Katastrophe rechnen?

Die Regenfälle der vergangenen Tage ließen das Flüsschen Milicia blitzartig anschwellen, in dessen unmittelbarer Nähe das Haus sich befand. Es müssen apokalyptische Szenen gewesen sein, die sich dann in dem Landhaus abspielten. Familienangehörige, die auf Bäume flüchteten, schreiende Kinder und Babys.

Die Schlamm- und Wassermassen fluteten das Haus und verwandelten die Feier in eine Tragödie, neun Familienangehörige starben. Zweieinhalb Stunden habe er vergeblich um Hilfe gerufen, sagt Giordano. „Wenn sie von der Gefahr wussten, warum haben sie uns nichts gesagt?“, so lautet seine verzweifelte Anklage.

Seit einer Woche suchen heftige Stürme und extreme Regenfälle die Halbinsel heim. Zwölf Menschen kamen am Wochenende ums Leben, 30 Tote sind es seit Anfang vergangener Woche. Die Unwetter haben kaum eine der 20 italienischen Regionen ausgespart. In Ligurien peitschte das Meer brutal gegen die Küste, in Rapallo bei Genua wurde ein Jachthafen zerstört. Im Veneto verwüsteten Stürme ganze Wälder, auch in der Hauptstadt Rom beseitigen sie immer noch die entwurzelten Bäume von vergangener Woche. Die stärksten Regenfälle gab es in den vergangenen Tagen auf Sizilien. Die Behörden hatten die höchste Alarmstufe ausgerufen, und doch kamen für viele die Niederschläge mit unvorhergesehener Wucht.

Es heißt, das Wetter auf der Halbinsel mit seinen kurzen, monsunartigen Regenfällen spiele verrückt. Und doch zieht sich wie ein roter Faden die menschliche Verantwortung für die Dramen durch das Land. In Casteldaccia bei Palermo ermittelt die Staatsanwaltschaft nun wegen fahrlässiger Tötung gegen unbekannt. Die Ermittler versuchen herauszufinden, warum das Haus vermietet wurde, das so nah am Flussufer stand und laut einem Beschluss des Gemeinderats schon seit 2008 hätte abgerissen werden müssen. Die Eigentümer legten beim Verwaltungsgericht Klage ein, drei Jahre später war der Fall entschieden, doch es passierte nichts. Die Verantwortung hat viele Namen. Die starken Regenfälle und der über die Ufer tretende Fluss wirken nur wie das letzte Element in einer vorhersehbaren Ereigniskette.

„Wie viele Tote und wie viele Tragödien müssen noch geschehen, bis verstanden wird, dass endlich das Territorium gesichert werden muss“, sagt Stefano Ciafani, Präsident des Umweltverbands Legambiente. Über die vielfältigen Ursachen für viele Katastrophen gibt es kaum noch Zweifel. Es ist allgemein bekannt, dass die zunehmende Bebauung der Landschaft den natürlichen Abfluss starker Regenfälle behindert. Oft werden illegal errichtete Häuser den Bewohnern zum Verhängnis. Einer Untersuchung zufolge stehen 80 Prozent der illegal in Italien errichteten Gebäude immer noch, ohne dass die Eigentümer den Abriss in naher Zeit fürchten müssten.

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