PARIS

Frankreich droht neuer Fleischskandal

Wenige Tage vor Weihnachten droht ein neuer Lebensmittelskandal den Franzosen den Appetit zu verderben. Möglicherweise ist Fleisch von Hunderten Pferden aus Pharmalabors und Reitställen auf ihren Tellern gelandet, das Antibiotika, Entzündungshemmer oder andere Medikamente enthalten haben könnte. Am Montag führte die französische Polizei eine Großrazzia in elf Departements im Süden des Landes durch, durchsuchte die Räumlichkeiten von Fleischhändlern und Schlachthöfen und nahm 21 Personen fest, darunter den mutmaßlichen Drahtzieher.

Bereits im Oktober vergangenen Jahres sollen die Ermittlungen in Gang gebracht worden sein durch einen anonymen Brief an ein regionales Amt für Verbraucherschutz, in dem ein Fleischwaren-Großhändler im südfranzösischen Narbonne der Betrügereien beschuldigt wurde. Offenbar wurden zwischen 2010 und 2012 rund 200 Pferde an Schlachthöfe und Metzgereien verkauft, die beim Pharmariesen Sanofi Pasteur für die Herstellung von Gegengiften und von Antikörpern gegen Tollwut und Tetanus genutzt wurden. Der Zwischenhändler soll die Tiere für den symbolischen Preis von je zehn Euro erstanden und für 200 bis 300 Euro weiterverkauft haben. In zwei Jahren habe ihm das einen Gewinn von fast 50 000 Euro eingebracht. Dabei habe er offenbar auch die notwendigen Dokumente gefälscht.

Medikamentöse Behandlung

Ein Ermittler erklärte gegenüber französischen Medien, über die Laborpferde hinaus könne es sich in geringerem Umfeld auch um Pferde von Privatleuten gehandelt haben, deren Leben statt „friedlich auf der Wiese“ im Schlachthof endete, obwohl sie medikamentöse Behandlung erhalten hätten und dadurch für den Verzehr ungeeignet seien. „Das heißt nicht, dass es ein Risiko für den Konsumenten gab, aber in jedem Fall hätten sich diese Pferde niemals auf dem Teller wiederfinden dürfen“, wird er zitiert.

Der Pharmakonzern Sanofi Pasteur soll keine Verantwortung für den Skandal tragen. Ein Sprecher erklärt, das Unternehmen arbeite mit der Polizei zusammen. Die Pferde seien nicht als Versuchstiere für Labortests benutzt worden, sondern für die Herstellung von Medikamenten. Auf dem tierärztlichen Zertifikat werde das beim Verkauf vermerkt, „nicht weil eine Gefahr besteht, aber als Vorsichtsmaßnahme sollen diese Tiere nicht mehr in den Nahrungsmittelkreislauf gelangen“. Über die möglichen gesundheitlichen Risiken für die Konsumenten könne in diesem Stadium der Ermittlungen noch nichts gesagt werden, sagte der für Lebensmittelwirtschaft zuständige Minister Guillaume Garot. „Es handelt sich in erster Linie um eine Frage des Vertrauens in das, was wir essen“, erklärte Verbraucherschutzminister Benoît Hamon.

Handelsbetrug

Mit dem großen Fleischskandal, der Anfang des Jahres europaweit erschüttert hatte, habe der jetzt aufgedeckte Betrug nichts zu tun. Dabei war Pferdefleisch als Rindfleisch umetikettiert und in Millionen Fertiggerichten wie Lasagne verarbeitet worden. „Damals hatten wir einen Handelsbetrug, jetzt könnte es sich um ein gesundheitliches Problem handeln“, sagte Hamon. Die Fleisch und Fisch verarbeitende Industrie befände sich seither unter Beobachtung. Als erstes Land Europas schreibe Frankreich die Kennzeichnung der Herkunft von Fleisch in Fertigprodukten gesetzlich vor, erklärte der Minister. Man warte noch auf grünes Licht aus Brüssel.

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