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"Frauen haben in der Kommunalpolitik Nachholbedarf"

Ehrung in Berlin: Barbara Becker (CSU) und Ayfer Fuchs (Grüne) sprechen über die Gründe, sich für Menschen im Heimatort einzusetzen.
Werden für kommunalpolitischen Einsatz ausgezeichnet: Ayfer Fuchs, Grünen-Stadträtin aus Schweinfurt (links), Barbara Becker, CSU-Kreisrätin aus Kitzingen. Foto: Patty Varasano

In Erinnerung an die CDU-Bundestagsabgeordnete Helene Weber, die in Nachkriegsdeutschland für die Gleichberechtigung der Frauen kämpfte, werden jährlich ehrenamtliche Kommunalpolitikerinnen in Berlin mit dem Helene-Weber-Preis ausgezeichnet. Nominiert sind in diesem Jahr Ayfer Fuchs aus Schweinfurt und Barbara Becker aus Kitzingen.

Frage: Wie viel Zeit pro Woche brauchen Sie für die Kommunalpolitik?

Ayfer Fuchs: Fünf Stunden pro Woche. Mindestens.

Barbara Becker: Fünf? Eher zehn, wenn man alles zusammenrechnet. Wenn man die Sitzungen wirklich vorbereitet. Das ist bei dir doch auch so, oder?

Fuchs: Zehn Stunden. Stimmt wohl. Aufgerechnet habe ich das noch nie.

Was opfern Sie dafür?

Becker: Sport und Schlaf. Beides kommt zu kurz. Und die Kinder; manchmal jedenfalls. Ich erinnere mich an Wochen, an denen fast jeden Abend Sitzung war; das ist Zeit, die dann den Kindern fehlt.

Fuchs: Bei mir auch. Erfreulicherweise hatten meine Kinder, als sie kleiner waren, die Großeltern, die in der Nähe lebten. Ohne die Großeltern und meinen Mann hätte ich keine Kommunalpolitik machen können.

Was war Auslöser, in die Kommunalpolitik zu gehen?

Fuchs: Erich Ruppert und Walter Rachle, grüne Politiker aus Schweinfurt, haben mich gefragt, ob ich will. Ich war offen dafür. Mit ehrenamtlicher Arbeit bin ich als Tochter türkischer Gastarbeiter in Schweinfurt ja aufgewachsen. Habe schon als Mädchen für diejenigen übersetzt, die wenig Deutsch konnten, habe Leute zum Arzt begleitet. Mir war und ist es in der Kommunalpolitik wichtig, den Migranten eine Stimme zu geben. Aber ich bin ja nicht nur Migrantin. Ich bin als Krankenschwester lange Schichtarbeiterin gewesen, bin eine arbeitende Mutter – und finde es nach wie vor wichtig, die Anliegen der Frauen zu vertreten, die Arbeit und Kinder unter einen Hut bringen müssen.

Becker: Bei mir ist das ähnlich abgelaufen wie bei dir, Ayfer. Mich hat der CSU-Abgeordnete Otto Hünnerkopf gefragt, ob ich mir Kommunalpolitik vorstellen kann. Ich komme aus der kirchlichen Jugendarbeit, habe da viel gemacht und habe Politik als eine Möglichkeit gesehen, das, was uns im Leben wirklich wichtig ist, sinnvoll zu organisieren. Wie machen wir berufstätigen Frauen das Leben leichter? Wie organisieren wir die Pflege älterer Menschen? Was wollen wir für unsere Kinder? Was für eine Landwirtschaft wollen wir?

Als Landtagskandidatin der Grünen haben Sie, Frau Fuchs, 2013 auch mit türkischsprachigen Wahlplakaten um Stimmen geworben und sind damit zum Ziel rechtsextremer Hetze auf Facebook geworden. Haben Sie damals überlegt, ob Sie den Bettel hinschmeißen?

Fuchs: Der Shitstorm hat mich zutiefst verletzt; schlimmer war aber, dass meine Familie bedroht wurde. Das hat mir natürlich Angst gemacht und ich habe mich gefragt: Ist die Politik diesen Preis wert? Mir hat geholfen, dass die Polizei die Bedrohung ernst genommen hat. Und ich habe für mich beschlossen: So schnell ziehe ich den Kopf nicht ein. Ich will weiter für die Menschen, die auf mich vertrauen, tätig sein.

Sie haben Ihren Teil an Häme abgekriegt, Frau Becker, als Sie als Europakandidatin 2014 unter dem Motto „Für Sie springen wir ins kalte Wasser“ im Bikini auf dem Kitzinger Marktplatz in der Regentonne baden gingen. Wie steckt man Häme weg?

Becker: In der Politik muss man es ertragen, dass Leute lästern. Das kann man aushalten, wenn man klar trennt zwischen der privaten Person, die man ist, und der Rolle, die man in der Politik ausfüllt. Beschimpfungen gehören leider zum Politikerleben dazu. Das betrifft ja alle – jedes Mal, wenn die CSU auf Bundes- oder Landesebene entscheidet, gibt es neben Zustimmung auch Beschimpfungen im Netz.

Sie sind beide als Preisträgerinnen für den Helene-Weber-Preis nominiert, der das Engagement ehrenamtlicher Kommunalpolitikerinnen würdigt. Ist es denn noch zeitgemäß, nur die Frauen auszuzeichnen?

Fuchs: Ich kenne sehr viele Frauen, die ehrenamtlich arbeiten, viel bewegen und für andere bewirken, aber nicht öffentlich in Erscheinung treten. Ich finde es wichtig, dass diese Arbeit sichtbar gemacht wird. Von daher ist es schön, dass die ehrenamtliche politische Arbeit von Frauen durch diesen Preis gewürdigt wird.

Becker: Frauen haben schließlich in der Kommunalpolitik Nachholbedarf. Über den Daumen gepeilt sind nur rund 20 Prozent der Kommunalpolitiker weiblich. Bürgermeisterinnen gibt es sogar noch weniger – unter zehn Prozent.

Ist es für Frauen anstrengender als für Männer, Kommunalpolitik zu machen? Männern sagt man ja nach, dass sie besser als Frauen Seilschaften knüpfen und sich dadurch schneller zum Gipfel emporhangeln können. Stimmt das?

Becker: Es stimmt insofern nicht, als Frauen in den Parteien gern und gut aufgenommen werden – der Einstieg ist nicht anstrengend. Aber es ist schon wahr, dass Frauen leichter in diese Fleißiges-Lieschen-Rolle kommen. Sie kümmern sich darum, dass der Beamer aufgebaut wird, sorgen für Häppchen, bereiten die Power-Point-Presentation vor – und kümmern sich gleichzeitig zu wenig um Netzwerke, um ihre Themen zu befördern.

Haben Sie schon mal das Gefühl gehabt, beim Klettern benachteiligt zu sein aufgrund ihres Geschlechts?

Fuchs: Das, was ich jetzt sage, gilt definitiv nicht für meine Partei – sie hat mich sehr gefördert; es gilt aber immer noch für die Gesellschaft: Als Frau und als Migrantin muss ich mich immer noch mehr beweisen und darf mich weniger beklagen. Vielleicht, weil meine Leistungen kritischer beäugt werden.

Sie, Frau Fuchs, haben gesagt, Ihnen seien Themen wichtiger als Wahlkampfplätze. Ist das typisch weiblich – weil idealistisch, aber karrierehindernd?

Fuchs: Inhaltliche Arbeit ist wichtig. Man muss nicht um jeden Preis einen Posten haben.

Becker: Sag das nicht! Das klingt, als ob du keinen wolltest.

Fuchs: Natürlich will ich einen. Ich habe ja bewusst für den Landtag kandidiert. Aber die Inhalte müssen stimmen!

Wenn die Grünen-Politikerin Ekin Deligoez Sie, Frau Fuchs, und die CSU-Bundestagsabgeordnete Anja Weisgerber Sie, Frau Becker, für den Helene-Weber-Preis empfiehlt, ist das dann ein schönes Beispiel für weibliches Netzwerken?

Becker: Ja. Frauen sollten grundsätzlich besser netzwerken. Es ist ja nicht so, dass Frauen keine Netzwerke hätten oder sich nicht gegenseitig sozial unterstützen würden – im Gegenteil. Viele Frauen sind sehr hilfsbereit. Das Problem ist, dass Frauen, anders als Männer, es sich bisher viel zu selten erlauben, ihre Netzwerke gezielt für sich und für die eigene Karriere einzusetzen. Das gilt ja auch für die Politik. Da geht es ja nicht nur darum, die Idee zu haben, sondern auch darum, Vorabsprachen zu treffen, um das Thema zu befördern und dafür Netzwerke zu haben.

Engagieren Sie sich in Frauenpolitik oder halten Sie das für überflüssig?

Fuchs: Natürlich sind Frauenthemen wichtig. Wir brauchen berufliche Gleichstellung, brauchen die bessere Akzeptanz und bessere Bezahlung typischer Frauenberufe, brauchen bessere Rahmenbedingungen.

Becker: Richtig! Und die Altersarmut der Frauen darf man auch nicht vergessen!

Was würden Sie jungen Frauen als Rat mitgeben, die mit dem Gedanken spielen, sich kommunalpolitisch zu engagieren?

Becker: Sprich einen Politiker an, den du kennst! Lass dich einladen zu einer Sitzung. Engagiere dich, aber rechne nicht damit, dass du schnell ganz viel durchsetzt. Aber sei dir bewusst, dass es sich lohnt, sein Thema durchzusetzen!

Fuchs: Such dir ein Thema, das dir am Herzen liegt, eines, an dem du ein so großes Interesse hast, dass du dranbleibst. Menschen schenken dir immerhin ihr Vertrauen.

Idealismus. Dickes Fell. Sachkompetenz. Soziale Kompetenz: Was davon braucht eine Kommunalpolitikerin am dringendsten?

Becker und Fuchs: Soziale Kompetenz!

Gibt es eine Politikerin, die für sie Vorbild ist?

Fuchs: Claudia Roth!

Becker: Barbara Stamm!

Was wollen Sie politisch unbedingt erreichen?

Becker: Ich will, dass die Menschen sich durch mich gut vertreten fühlen.

Fuchs: Mir ist es wichtig, Teil einer Stadt zu sein, in der wir angstfrei friedlich leben können. Ich freue mich jetzt auf die Abschaltung des Kernkraftwerks Grafenrheinfeld.


Personalien

Barbara Becker, 45, geboren im unterfränkischen Hofheim, lebt in Wiesenbronn im Landkreis Kitzingen. Die Diplompädagogin hat sich mit einer Organisationsberatung selbstständig gemacht. Barbara Becker ist CSU-Kreisrätin in Kitzingen und stellvertretende Kreisvorsitzende. 2014 trat sie für die CSU als unterfränkische Kandidatin bei der Europawahl an; sie unterlag allerdings Kerstin Westphal von der SPD. Barbara Becker leitet die Frauen-Union in Kitzingen. Sie ist verheiratet und hat zwei Kinder im Teenager-Alter. Ayfer Fuchs, 46, wurde in Istanbul geboren und kam als Tochter türkischer Gastarbeiter nach Schweinfurt. Fuchs ist ausgebildete Fachschwester für Intensivmedizin und arbeitete lange im Klinik-Schichtdienst. Ayfer Fuchs ist seit rund acht Jahren Teil der Schweinfurter Grünen; seit 2013 sitzt sie für die Grünen im Schweinfurter Stadtrat. 2013 kandidierte sie für die Landtagswahl. Fuchs ist verheiratet und hat eine Tochter und einen Sohn im Teenager-Alter.

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