WINDSOR

Frischer Wind für die Monarchie

Offizielle Hochzeitsbilder von Prinz Harry und Meghan
Auf diesem vom Kensington-Palast zur Verfügung gestellten offiziellen Hochzeitsbild von Prinz Harry und Herzogin Meghan (Mitte) sind neben Blumenmädchen und Pagen abgebildet Herzogin Camilla und Thronfolger Prinz Charles (hinten links), davor Prinz Philip und Königin Elizabeth II. Rechts neben Herzogin Meghan ihre Mutter Doria Ragland, Prinz William, davor Herzogin Kate, Prinzessin Charlotte und Prinz George. Foto: Alexi Lubomirski/PA, dpa

Jubel und Rührung über die Hochzeit des Jahres: Auch Tage danach blickt das Land beseelt auf das Wochenende zurück, als die Menschen im Freudentaumel Union-Jack-Fähnchen schwenkten und mit Krönchen auf dem Haupt die übliche Pracht, den Pomp und Prunk der Royals feierten, während im Königreich, ohnehin nicht arm an großer Geschichte, ein neues Kapitel zu dieser geschrieben wurde.

Die Hochzeit war so gar nicht wie alle anderen königlichen Ereignisse, die die Menschen auf der Insel und der Welt sonst von den Inszenierungskünstlern der Windsors gewohnt sind. In der St.-Georgs-Kapelle auf Schloss Windsor wurde mit der Vermählung von Prinz Henry Charles Albert David of Wales und Rachel Meghan Markle nichts weniger als eine neue Ära für die Monarchie eingeleitet. „Kisstory“ titelten einige Medien in Anlehnung an den bejubelten Kuss der Frischvermählten sowie die „History“, Geschichte, die die beiden gemacht haben. Hier Markle, geschiedene US-Amerikanerin, Ex-Schauspielerin, stolze Aktivistin und Feministin, die Mutter dunkelhäutig, der Vater zuletzt mit Image-Problemen. Da Prinz Harry, Sechster der Thronfolge, Liebling der Briten, der seit dem Tod von Prinzessin Diana als Sorgenkind der Nation galt und sich mit seinem Engagement für wohltätige Zwecke zum Posterboy der Royals gemausert hat.

„Die Kraft der Liebe entdecken“

„Zwei Menschen haben sich verliebt, und wir alle sind gekommen“, sagte der schwarze Bischof von Chicago, Michael Curry. Es war weit mehr als das – und der US-Pastor trug mit seiner mitreißenden Predigt einen großen Teil dazu bei. Unenglisch leidenschaftlich und wild gestikulierend zitierte er vor dem britischen Hochadel Bürgerrechtsikone Martin Luther King, redete von Sklaven, hungernden Kindern, Armut und Rassismus. „Wir müssen die Kraft der Liebe entdecken“, rief er. „Wenn wir das tun, werden wir aus dieser alten Welt eine neue Welt erschaffen können.“

Vor ihm, auf dem prächtigen Chorgestühl, lauschte ihm in gewisser Weise diese alte Welt, sichtlich überrascht über so viel Revolution in der privaten Schlosskapelle von Königin Elizabeth II. Die 92-jährige Queen schaute mit einer nicht zu deutenden Miene bei der Modernisierung der Monarchie zu. Seit 66 Jahren sitzt sie mit viel Pflicht- und Traditionsbewusstsein auf dem Thron. Doch hier traf das manchmal steife Großbritannien auf das oft sehr lockere Amerika. Statt Politiker waren Prominente wie Elton John, Tennisspielerin Serena Williams, Amal und George Clooney, US-Star Oprah Winfrey und Victoria und David Beckham als Gäste geladen.

Meghan Markle und Prinz Harry gaben ein mächtiges Statement ab. Es war emotional, multikulturell, bunt, intim, politisch, provokant – und so gar nicht in der auf Zurückhaltung und Neutralität bedachten Manier der Royals. Zur Zeremonie gehörte auch ein Gospelchor, der mit dem 60er-Jahre-Hit „Stand by Me“ zu Tränen rührte. Und immer wieder brachen die beiden mit den Traditionen. So lief Markle etwa allein in die Kapelle ein, nachdem ihr Vater Thomas aus Gesundheitsgründen nicht anwesend sein konnte. Prinz Charles begleitete sie auf den letzten Metern zu ihrem von seinen Gefühlen überwältigten Bräutigam. Es war ein bewegender Moment. Meghans Mutter Doria Ragland wischte sich die feuchten Augen.

Partystimmung auf den Straßen

Das Kleid war derweil bis am Samstagmittag das bestgehütete Geheimnis. Und auch hier sorgte die Braut für eine Überraschung, indem sie die Kreation der britischen Designerin Clare Waight Keller vom französischen Modehaus Givenchy wählte. Schlicht und modern, romantisch und elegant fiel das Kleid aus Seide mit den dreiviertellangen Ärmeln, dem U-Boot-Ausschnitt und der Doppelschleppe aus. Silhouette statt Dekor, Understatement statt Kitsch. Auf dem Kopf trug Markle eine mit Diamanten besetzte Tiara, die ihr die Queen geliehen hatte. Jedes Detail dieses Tages war perfekt choreografiert. Selbst die Blumen für den Brautstrauß pflückte Prinz Harry höchstpersönlich im Garten des Kensington-Palasts, darunter Edelwicke und Maiglöckchen, Jasmin und Sterndolden sowie Vergissmeinnicht, die Lieblingsblumen von Prinzessin Diana. Es war nur einer der vielen Hinweise auf seine verstorbene Mutter.

Als das Paar nach dem Eheversprechen, dem Zwei-Sekunden-Kuss und der Kutschfahrt durch das kleine Städtchen Windsor, wo Tausende Fans aus aller Welt in Party-Stimmung die Straßen säumten, am frühen Abend Schloss Windsor für den Empfang im Frogmore House verließen, sorgten die beiden abermals für Entzückung beim Publikum. „Ihre königliche Hoheit die Herzogin von Sussex“ stieg in einem hochgeschlossenen Kleid der englischen Modeschöpferin Stella McCartney in das silberblaue Jaguar-Cabrio, das Prinz Harry steuerte. Am Finger von Markle funkelte da mittlerweile ein großer blauer Stein – der Ring gehörte einst Harrys Mutter. Ist es ein Bekenntnis der beiden, Dianas Erbe und ihr Engagement für soziale Projekte fortführen zu wollen?

Prinz Charles richtete das abendliche Hochzeitsfest für die 200 auserwählten Gäste aus. Es wurde lang und laut, wie die Boulevardpresse erfahren haben will. Prinz William hielt als Trauzeuge eine Rede, in der er mit Anekdoten an die nicht wenigen Fehltritte seines kleinen Bruders erinnerte. Und den ersten Tanz legte das Brautpaar zu Whitney Houstons Klassiker „I Wanna Dance With Somebody“ aufs Parkett.

Zu Tränen gerührt sollen die Gäste vor allem bei der Ansprache von Prinz Harry gewesen sein. Er dankte seiner Frau, die „alles mit solcher Anmut gesteuert“ habe. „Wir sind ein großartiges Team. Ich kann es kaum erwarten, den Rest meines Lebens mit dir zu verbringen.“ Eine glückliche Markle antwortete angeblich in ihrer Rede: „Ich habe meinen Prinzen gefunden.“ Hollywood hätte es nicht besser inszenieren können. Das Märchen ist wahr geworden. Nun beginnt der Alltag.

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