„Frisches Geld riecht so gut“

Peter Bofinger und der Euro Er ist einer der fünf Wirtschaftsweisen, die die Bundesregierung beraten. Diese allerdings auch kritisieren dürfen. Beim Frühstück erzählt uns der Würzburger Wirtschaftsprofessor von seinem Bezug zum Bargeld – und warum 2012 ein schweres Jahr wird.

Die Feiertage sind vorbei. In einem Café in der Würzburger Innenstadt wärmen sich die ersten Morgengäste auf. Einer berichtet einem Bekannten gut gelaunt von einem netten Hotel, „das Doppelzimmer für 120 Euro“. Mensch, meint der andere, „das waren ja mal 240 Mark“. Genau zehn Jahre nach der Einführung des Euro-Bargelds am 1. Januar 2002 treffen wir uns mit Peter Bofinger zu einem Gespräch über Bargeld, den Euro – und das leidige Dauerthema Krise.

Frage: Geht es Ihnen auch so? Dass Sie Preise immer noch in D-Mark umrechnen?

Peter Bofinger: Nein, ich denke nicht mehr in D-Mark, ich denke nur noch in Euro. Man fällt allerdings tatsächlich gerne in die D-Mark zurück, wenn man zum Ausdruck bringen will, dass etwas ganz besonders teuer ist – oder es einem zumindest so erscheint.

Erinnern Sie sich noch, was Sie am 1. Januar 2002 als Erstes in Euro bezahlt haben?

Bofinger: Ja, das weiß ich sogar noch sehr gut. Ich bin an diesem Tag in Urlaub geflogen und habe am Nürnberger Flughafen morgens die ersten Euro-Scheine abgehoben. Auf Teneriffa haben wir dann in einem Restaurant unser Mittagessen zum ersten Mal bar in Euro bezahlt. Das war da in Spanien übrigens sehr eindrucksvoll: Auf dem Marktplatz standen die alten Leute vor der Bank Schlange, um ihr Geld umzutauschen.

Lust zum Feiern hat derzeit ja niemand. Dabei ist der Euro bislang ja ziemlich stabil gewesen.

Bofinger: Fakt ist, dass der Euro bislang deutlich preisstabiler war als die D-Mark in ihrer Zeit. Da hatten wir im Schnitt eine Inflationsrate von 2,7 Prozent, beim Euro sind es – in Deutschland – nur 1,6 Prozent.

Dennoch war der Euro von Anfang an für viele Menschen, gerade in Deutschland, der „Teuro“.

Bofinger: Das Problem ist, dass viele Menschen bei der Teuerungsrate immer von den Dingen aus ihrem Freizeitbereich ausgehen. Wie teuer ist das Bier, der Kaffee, der Schoppen geworden? Und da sind Dinge in der Tat teurer geworden. Aber man muss ja auch sehen, dass wir über eine ganz schön lange Zeit sprechen. Zwei Prozent über zehn Jahre Euro-Bargeld, das macht mit Zinseszins auch fast ein Viertel mehr. Und dann sind ja viele

Produkte, etwa in der Unterhaltungselektronik, viel günstiger geworden. Da kann man auch die Leistung, zum Beispiel bei einem Computer, mit der der heutigen Geräte ja gar auch nicht mehr vergleichen.

Das ist jetzt die sogenannte gefühlte Inflation.

Bofinger: Ja. Man kann übrigens auf der Internetseite des Statistischen Bundesamtes mit dem „persönlichen Inflationsrechner“ seinen eigenen individuellen Warenkorb zusammenstellen und für den dann die Inflationsrate berechnen lassen. Wenn da jetzt nur Schoppen drin sind, dann kann man mal gucken, wie denn die Schoppen-Inflationsrate ist. Es ist eben so, dass die offizielle Rate für einen durchschnittlichen Haushalt berechnet wird. Er passt auf den einzelnen Menschen umso weniger, je mehr seine eigenen Verbrauchsgewohnheiten davon abweichen. Wenn jemand nur Alpenveilchen kauft, dann kommt dafür eben auch eine ganz andere Preissteigerungsrate heraus.

Wie verhält sich der Wirtschaftsweise Bofinger eigentlich als Kunde an der Supermarktkasse? Zahlen Sie lieber bar – oder mit Plastikgeld?

Bofinger: Bei kleineren Beträgen zahle ich natürlich bar. Bei größeren aber lieber mit der Karte, das ist einfach praktischer.

Länder wie Schweden wollen das Bargeld ja praktisch aus dem Alltag verbannen, etwa bei den Supermärkten. Macht das Sinn?

Bofinger: Also wenn ich sehe, wie umständlich das oft mit der Bar-Bezahlerei an der Ladenkasse abläuft, dann finde ich das keine schlechte Idee.

Sie meinen, wenn jemand 3,74 Euro passend aus seinem Geldbeutel zusammenkramt . . .

Bofinger: Genau. Das dürfte heute eigentlich nicht mehr sein, es kostet ja auch volkswirtschaftlich eine Menge Zeit und Geld, in der Schlange darauf zu warten. Allerdings müssten die Gebühren für die Benutzung der Karten schon noch niedriger sein.

Wird Bargeld dann nicht immer unwichtiger?

Bofinger: Nein, im Gegenteil. Bargeld hat in den vergangenen 20 oder 30 Jahren nicht an Bedeutung verloren. Der Bargeldumlauf nimmt statistisch gesehen sogar überproportional zur Wirtschaftsleistung zu.

. . . und das mit den 50er-Scheinen, die man meistens aus dem Geldautomaten zieht?

Bofinger: Keineswegs. Rund 40 Prozent des Wertes des Bargeldumlaufs besteht aus 200er- und 500er-Scheinen, das weiß nur keiner. Also Stückelungen, die man als Normalbürger ja eher selten in die Hand bekommt. Es gibt bereits Leute, die sagen, dass die Notenbanken so große Scheine gar nicht mehr ausgeben sollten, denn sie würden damit illegale Geschäfte fördern.

Bitte? Wie ist das denn zu verstehen?

Bofinger: Nehmen Sie etwa einen Drogendealer. Der braucht für die unauffällige Abwicklung seiner Geschäfte unbedingt große Scheine, sonst hat er ein Transportproblem.

Apropos Kriminelle. Jeder Krimi lebt von Geldbündeln, am besten frisch aus der Druckerpresse.

Bofinger: Ja, das merkt man auch bei der ganzen Euro-Diskussion. Da wird immer geschrieben, dass die Notenbanken beim Ankauf von Anleihen die Druckpresse anwerfen würden. Das ist schlichtweg falsch. Wenn die EZB, die Europäische Zentralbank, Anleihen aufkauft, dann wird dafür kein Geld gedruckt. Die EZB schreibt den Banken, von denen sie die Papiere kauft, schlicht den Gegenwert der Anleihen gut. Mehr ist da nicht. Bei diesen Geschäften geht es nur um Buchgeld.

Für viele ist das aber irgendwie doch kein richtiges Geld. Der Euro ist ja im Prinzip auch erst mit dem Bargeld wirklich im Alltag angekommen.

Bofinger: Ich glaube, die meisten Leute haben beim Thema Geld so eine Art Dagobert-Duck-Wahrnehmung. Da stellt man sich einen großen Geldspeicher mit vielen, vielen Scheinen vor, in dem Dagobert Duck dann abends sein Bad nehmen kann.

Klar, Geld hat doch was Sinnliches, oder?

Bofinger: Und ob. Ich habe ja früher einige Jahre bei der Landeszentralbank Baden-Württemberg, der damaligen Hauptverwaltung der Deutschen Bundesbank, gearbeitet. Da habe ich Bargeld immer druckfrisch bekommen und das riecht wirklich besonders gut. Da kam einem das „normale“ Geld aus dem Umlauf immer irgendwie schmutzig vor. Beim Einkaufen waren manchen Ladeninhabern diese druckfrischen Scheine allerdings ein wenig verdächtig.

Zehn Jahre Euro-Bargeld wären ein Grund zum Feiern, doch danach ist derzeit niemandem so recht zumute. Herr Bofinger, wir müssen auch noch über die Krise reden. Stört es Sie eigentlich, dass Sie ständig zum Euro befragt werden?

Bofinger: Ach wissen Sie. Wenn ich etwa am Flughafen einchecke, dann sagt die Angestellte dort auch x-mal am Tag den Leuten, wie das geht. Und mein Job ist es eben, volkswirtschaftliche Dinge zu erklären.

Dann legen Sie los. Wie sieht's aus mit der Krise?

Bofinger: Es gibt ja nicht DIE Krise. Wir haben jetzt seit viereinhalb Jahren, seit der Pleite der IKB-Bank, eine permanente Krisensituation, aber die Krise verändert sich ständig, sie mutiert. Von der Finanz- über die Wirtschafts- und Schuldenkrise zur Krise des Euro derzeit.

Sie haben mal den Begriff „Euro 2.0“ geprägt. Was meinen Sie damit?

Bofinger: Wenn wir den Euro behalten wollen, dann funktioniert das nur, wenn die Länder des Euroraums zusammenhalten. Wir werden die Krise nicht bewältigen, wenn wir versuchen, als 17 einzelne Staaten über die Runden zu kommen. Dazu brauchen wir eine gemeinsame Haftung für Staatsanleihen, wie wir das in unserem Sachverständigenratsgutachten vorgeschlagen haben, aber zugleich eine sehr viel stärkere Kontrolle über die nationalen Budgets, sonst geht das nicht. Zu „Euro 2.0“ gehört für mich auch eine gemeinsame Aufsicht über die Banken des Euroraums, denn der größte Teil der heutigen Probleme wurde durch unverantwortliche Kreditvergaben der Banken verursacht.

Was erwartet uns denn im neuen Jahr?

Bofinger: 2012 wird ein sehr schwieriges Jahr. Wir sind umgeben von Ländern, die bereits in oder nahe an der Rezession sind. Auch die Schwellenländer haben Probleme, in Indien oder Brasilien ist die Industrieproduktion bereits rückläufig. Und in China ist der Immobilienboom am Ende, in den meisten großen Städten sind da die Preise schon rückläufig. Die letzte Hoffnung der Weltwirtschaft – so komisch sich das auch anhört – das sind die USA. Auch wenn die ihr Wachstum wieder über Schulden finanzieren. Wenn man sich das alles ansieht, dann kommt man zu dem Schluss, dass die Weltwirtschaft derzeit kein funktionierendes Wachstumsmodell mehr hat.

Und Deutschland. Unsere Realwirtschaft ist ja noch vergleichsweise robust.

Bofinger: Auch Deutschland wird sich dem nicht wohl entziehen können. Man spürt ja schon deutlich die Abkühlung im Export.

Droht uns 2012 also doch eine Rezession?

Bofinger: Ja, ich halte es für sehr wahrscheinlich, dass wir im Laufe des Jahres 2012 einen Rückgang des Bruttoinlandsprodukts erleben werden. Es ist derzeit einfach nicht zu sehen, wo die Auftriebskräfte für die Weltwirtschaft herkommen sollen.

Sie haben vor kurzem gemeinsam mit prominenten Politikern von SPD und Grünen eine Resolution unterschrieben. Darin kritisieren Sie die Politik von Kanzlerin Angela Merkel. Warum?

Bofinger: Wir befürchten, dass die Bundesregierung derzeit eine Strategie verfolgt, bei der es zu einer sehr ungünstigen Entwicklung für den Euroraum kommen kann. Man schützt die Problemländer nicht vor den immer panischeren Finanzmärkten und man schwächt die einzelnen Binnenwirtschaften mit dem überzogenen Sparkurs nur noch weiter. Das muss schiefgehen.

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