KARLSRUHE/BERLIN

Frontalangriff geht nach hinten los

Justizminister Maas trennt sich von Generalbundesanwalt Range
Zielscheibe einer Attacke: Minister Maas reagierte heftig und entließ Generalbundesanwalt Range. Foto: dpa

Es dauert fast neun Stunden. Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) lässt sich lange Zeit, bis er auf die Anschuldigungen von Generalbundesanwalt Harald Range reagiert. Range richtet am Dienstagmorgen von Karlsruhe aus eine Kampfansage an Maas und sein Ressort. Stunden um Stunden schweigt das Ministerium dazu. Erst am Abend stellt sich Maas schließlich in Berlin vor die Kameras. Und seine Reaktion fällt heftig aus: Der Chefermittler aus Karlsruhe muss seinen Posten räumen.

Ein Blick zurück: Es ist 9.30 Uhr, als Range am Morgen in Karlsruhe vor die Presse tritt. Eine seiner Mitarbeiterinnen hält erschrocken die Hand vor den Mund. Wie so mancher rechnet sie wohl damit, dass ihr Chef zurücktritt und damit die Konsequenzen aus der Kritik an den Ermittlungen gegen die Blogger von netzpolitik.org zieht. Doch Range macht etwas ganz anderes, als er blass, aber gefasst seine kurze Erklärung verliest. Er greift überraschend seinen Dienstherren, Justizminister Maas, an – und zwar heftig.

Die Unabhängigkeit der Justiz

„Auf Ermittlungen Einfluss zu nehmen, weil deren mögliches Ergebnis politisch nicht opportun erscheint, ist ein unerträglicher Eingriff in die Unabhängigkeit der Justiz“, sagt Range. Die Justiz könne nur über die Einhaltung der Gesetze wachen, „wenn sie frei von politischer Einflussnahme ist“. Nur ein paar Minuten dauert Ranges Auftritt. Fragen lässt er nicht zu. Doch die Botschaft sitzt – ein solcher Frontalangriff eines Generalbundesanwalts gegen seinen Dienstherren sucht seinesgleichen.

Was war passiert? netzpolitik.org hatte vertrauliche Dokumente des Verfassungsschutzes ins Netz gestellt. Es folgte eine Anzeige des Geheimdienstes und ein Ermittlungsverfahren gegen die Blogger wegen Landesverrats. Range gab ein externes Gutachten zu der Frage in Auftrag, ob es sich bei den Dokumenten um Staatsgeheimnisse handelt. Der Sachverständige bejahte dies in einer vorläufigen Bewertung für einen Teil der Dokumente. Range informierte das Justizressort. Von dort sei die Weisung gekommen, das Gutachten sofort zu stoppen – sagt der Chefermittler. Das habe er befolgt, aber er habe die Sache auch öffentlich machen wollen.

Range wurde zuletzt arg in die Enge getrieben. In den vergangenen Monaten warfen ihm Kritiker Zögerlichkeit im Umgang mit dem US-Geheimdienst NSA vor. Sie stellten ihn als unsouveränen Zauderer dar, der an der langen Leine der Regierung laufe. Auch die Empörung über die Landesverratsermittlungen traf vor allem ihn: Gegen US-Schnüffler tue Range nichts, gegen deutsche Journalisten gehe er dagegen mit aller Härte vor, lautete der Vorwurf. Die Bundesregierung distanzierte sich überdeutlich von Ranges Vorgehen – allen voran Maas. Niemand wollte die Verantwortung für die heiklen Ermittlungen übernehmen, die Kritiker als Angriff auf die Pressefreiheit sehen. So zeigten alle mit dem Finger auf den Generalbundesanwalt. Den Justizminister erreicht Ranges Botschaft im Urlaub. Maas wollte sich eigentlich zwei Wochen in Deutschland erholen. Doch Entspannung geht anders. Maas eilt zurück nach Berlin.

Was wird aus den Ermittlungen?

Über Stunden berät er sich mit seinem direkten Umfeld. Wie umgehen mit einer solchen öffentlichen Provokation? Mitarbeiter im Urlaub werden ans Telefon geholt, Vorgänge rekonstruiert. Stunden vergehen, in denen nichts nach draußen dringt. Gegen 18.20 Uhr bricht Maas das Schweigen. Vor laufender Kamera erklärt er, Range habe die Dinge unzutreffend dargestellt. Die Äußerungen und das Vorgehen von Range seien nicht nachvollziehbar und vermittelten der Öffentlichkeit einen falschen Eindruck, rügt Maas. Das Vertrauen sei „nachhaltig gestört“. Range werde vorzeitig in den Ruhestand versetzt. Einen Vorschlag für einen Nachfolger präsentiert Maas auch: Der Münchner Generalstaatsanwalt Peter Frank soll Ranges Posten übernehmen.

Ranges Amtszeit wäre im Februar ohnehin zu Ende gegangen. Und wie geht es mit den Ermittlungen gegen die Blogger weiter? Daran wird sich wohl niemand mehr die Finger verbrennen wollen. Gut möglich ist deshalb, dass auch sie bald der Vergangenheit angehören – ähnlich wie Harald Range.

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