BERLIN

Für Demenzkranke ist die Klinik gefährlich

Patientenschützer für «Demenzbegleiter» in Krankenhäusern
Die Situation von Menschen mit Demenz rückt auch angesichts der alternden Gesellschaft stärker in den Blick. Foto: Daniel Naupold, dpa

Ein Aufenthalt in einer Klinik kann demenzkranke Menschen völlig aus der Bahn werfen. Häufig ist ihr Zustand nach der Zeit im Krankenhaus schlechter als davor. Etliche Studien haben sich mit dem Thema beschäftigt und nachgewiesen, dass die ungewohnte Umgebung in vielen Fällen zu Verwirrtheitszuständen führen kann. Ein großer Teil der Betroffenen erholt sich davon nicht mehr, muss anschließend in Senioren- oder Pflegeheime aufgenommen werden.

Menschen mit Demenzerkrankungen können sich meist nicht auf ein neues Umfeld einstellen. Sie verstehen nicht, wo sie sich befinden und was mit ihnen geschieht. So kommt es zu einer Abwehr- oder Verweigerungshaltung, einem Gefühl der Hilflosigkeit und starker innerer Unruhe. Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach begrüßt Forderungen von Patientenschützern, in Krankenhäusern spezielle Begleiter für Menschen mit Demenzerkrankungen einzuführen.

Die Zahl Betroffener steigt

„Die Zahl der Demenzkranken wird in den kommenden 20 Jahren massiv zunehmen. Wir müssen davon ausgehen, dass jeder dritte Bürger über 65 Jahre an Demenz oder einer Vorstufe dazu leidet“, sagte Lauterbach gegenüber dieser Redaktion. Der Mediziner hat nach eigenen Angaben selbst intensiv geforscht und festgestellt, dass sich durch Krankenhausaufenthalte bei vielen älteren Patienten die Demenzerkrankung verschlimmert. „Gerade Narkosen beschleunigen häufig die Demenz“, sagte er. Am Ende verließen die Patienten die Klinik oft weit kränker als zuvor. Seine Forderung: „Bei älteren Menschen darf es absolut keine überflüssigen Narkosen mehr geben.“

Die Deutsche Stiftung Patientenschutz hatte gefordert, mobile Teams in Krankenhäusern einzusetzen, die sich besonders um Menschen mit Demenz kümmern. Es brauche endlich spezielle „Demenzbegleiter“, die solche Patienten auf allen Stationen betreuen, sagte der Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz, Eugen Brysch. Das würde auch Pflegekräfte und Mediziner entlasten. Demnach sei das Krankenhaus für Betroffene „ein gefährlicher Ort“.

Demenz wird oft nicht erkannt

Laut Brysch werde Demenz in den Kliniken oft nicht erkannt oder berücksichtigt. Zudem förderten die fremde Umgebung, fehlende Bezugspersonen, mangelnde Kommunikation und Hektik Angstzustände. Speziell geschulte Begleiter für Demenzkranke könnten erwiesenermaßen die Situation der Betroffenen verbessern. Doch diese Kräfte kosteten zusätzliches Geld. Deshalb sei Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) gefordert, eine gesetzliche Grundlage zur Finanzierung zu schaffen, sagte Brysch.

Der Patientenschützer verwies auf eine steigende Zahl von Menschen mit Demenz. Aktuell seien es 1,7 Millionen in Deutschland, jedes Jahr erkrankten rund 300 000 neu. „Diese Patienten spielen in Krankenhäusern eine immer größere Rolle.“ Etwa 85 Prozent der Betroffenen würden kurz vor oder nach einer Demenz-Diagnose wegen einer Erkrankung stationär behandelt.

Ministerium erarbeitet Strategie

Der SPD-Politiker Karl Lauterbach nannte die Forderungen Bryschs „hoch sinnvoll und richtig“. Der SPD-Politiker: „Dadurch würden die negativen Auswirkungen von Krankenhausaufenthalten gemildert und das Behandlungsergebnis verbessert. Wir sollten gesetzlich verankern, dass Krankenhäuser ab einer bestimmten Größe Demenzbegleiter einsetzen.“

Auch der CSU-Gesundheitsexperte Georg Nüßlein spricht sich für eine bessere Versorgung demenzkranker Menschen aus. Dieser Redaktion sagte er: „Ich halte bei der Fortentwicklung unserer Krankenhäuser die Verzahnung des stationären und ambulanten Sektors und die Honorierung der Grundversorgung für zentral.“ Für die Vorschläge der Patientenschützer zeigt sich der CSU-Politiker offen: „Was die Demenz angeht, sollten wir durchaus Konzepte prüfen, die bezahlbar die Behandlung von Alzheimerpatienten verbessern.“

Eine Sprecherin von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn sagte auf Anfrage, die „demenzsensible Versorgung im Krankenhaus“ sei ein wichtiges Anliegen. Die Bundesregierung erarbeite derzeit eine nationale Demenzstrategie.

Krank und dement

2016 wurden 8,56 Millionen Patienten über 65 Jahre stationär in allgemeinen Fachabteilungen behandelt. Das sind 44,7 Prozent aller Behandelten. Tendenz steigend. Oft werden Demenzerkrankungen erst während des Klinikaufenthaltes bemerkt. Eine Ende 2018 im „Ärzteblatt“ veröffentlichte repräsentative Studie zu Krankenhäusern in Bayern und Baden-Württemberg zeigt das Problem: 40 Prozent der über 65 Jahre alten Patienten wiesen kognitive Beeinträchtigungen auf, mehr als 18 Prozent waren an Demenz erkrankt. Nur bei 36,7 Prozent der Patienten mit Demenz enthielt die Krankenakte entsprechende Hinweise. (kna)

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