Gastbeitrag: Die Freiheit und das Heilige

Je suis Charlie Hebdo“? Ich mit Sicherheit nicht ! Zu sehr befremdet mich die massenhafte, undifferenzierte Identifikation mit der Satire-Zeitschrift von Stéphane Charbonnier, nachdem dieser zusammen mit seinen Redaktionskollegen brutal ermordet wurde. Die Trauer um das verlorene Leben dieser Menschen und mein Respekt vor ihrer treffenden satirischen Kritik, wo diese berechtigt war, erlauben es mir gerade nicht, mich undifferenziert pauschal zu identifizieren. Gerade weil Satire insbesondere darauf abzielt, unsere differenzierte Kritikfähigkeit zu schärfen und uns zum Widerspruch herausfordert, gerade deshalb gereicht es den Ermordeten eben nicht zur Ehre, dass sich jetzt die Massen plump und pauschal solidarisieren. Zur Ehre der Verstorbenen würde vielmehr eine kritische, differenzierte Würdigung ihres Werkes gereichen, die ich selbst mir im Einzelnen hier keineswegs anmaßen will. Trotzdem will ich versuchen zu erklären, warum eine differenzierte Betrachtung erforderlich ist, auch zur Ehrenrettung der ermordeten Karikaturisten.

Wir, die wir uns für aufgeklärte, gesellschaftskritische Zeitgenossen halten, wir alle tragen mit Schuld an dem tragischen Attentat von Paris. Warum? Weil wir lange zuvor versagt haben, es versäumt haben, die satirische Provokation angemessen zu würdigen, nämlich durch unseren Widerspruch, als dieser dringend erforderlich gewesen wäre: Als die Grenzen der Freiheit überschritten wurden, in dem Moment, als die Würde einer Weltreligion in ihrem heiligen Kern angegriffen wurde, da wäre unser Widerspruch die richtige Antwort gewesen.

Aber stattdessen haben wir durch unser Schweigen die Antwort anderen überlassen, denen, die keine andere Sprache haben als die der Gewalt. Mit unserem hinnehmenden Schweigen gegenüber Karikaturen, die den Propheten des Islam beleidigen, haben insbesondere diejenigen von uns, die für sich in Anspruch nehmen, aufgeklärte europäische Zeitgenossen und mündige Bürger zu sein, versagt, den verletzten Gefühlen der Muslime eine angemessene Stimme zu geben. Damit haben wir Mitschuld daran, dass in der muslimischen Welt Frustration und Empörung einen Nährboden für Wut und Hass gebildet haben.

Auch deshalb ist die undifferenzierte Identifikation mit den antireligiösen Provokationen von Karikaturisten und eine „Jetzt erst recht“-Mentalität die falsche Antwort, ebenso wie das ideologische Hochrüsten gegen muslimische Einwanderer.

Weil wir die ethischen Werte unserer abendländischen Kultur, die wesentlich mit denen des Christentums und des Islams übereinstimmen und aus diesen hervorgegangen sind, nicht in angemessener Form verteidigt haben, deshalb haben wir uns als unmündig erwiesen. Die europäische Aufklärung hat bei uns jämmerlich versagt, weil wir sie offensichtlich mehrheitlich nicht verstanden haben. Haben wir unsere abendländische Kultur bereits verloren, dass wir vergessen haben, dass man Gott nicht lästert, und Propheten nicht verunglimpft? Haben wir den Respekt vor dem Heiligen verloren? Gehört die christliche Ethik denn nicht mehr zum Fundament unserer abendländischen Kultur? Haben wir das demokratische Grundprinzip vergessen, dass die Freiheit des Einzelnen spätestens dort aufhört, wo er die Rechte der anderen verletzt? Wollen wir heute eine Gesellschaft, in der Muslime – die durchwegs alle ethischen Werte der Christen teilen – verachtet werden? Satirische Provokationen hat es auch unter den Nationalsozialisten gegeben. Karikaturen von Juden bereiteten damals den Pogromen den geistigen Boden. Haben wir daraus nichts gelernt?

Beleidigung der Religion, „eine Demokratie muss das aushalten“? Ich denke, nein. Die Aufklärung fordert, dass der Staat sich hinsichtlich der Religionszugehörigkeit seiner Bürger neutral verhält. Das bedeutet, insbesondere, dass er Bürger dieses Staates, die Juden, Christen oder Muslime sind, vor Verunglimpfung ihrer Religion schützt. Es bedeutet auch, dass eine säkulare Weltanschauung nicht über einer religiösen Weltanschauung steht, sei sie christlich oder islamisch.

Demokratie bedeutet, dass Muslime nicht weniger wert sind als Andersgläubige und Ungläubige, und umgekehrt. Nichts anderes sagt der Islam selbst. Der Glauben der Menschen wird im Islam nicht in diesem Leben bewertet, und die weltliche Verhaltensregel für Muslime gegenüber anderen nach dem Koran ist klar: „Euch euren Glauben, mir meinen Glauben“. Diese Formel bedeutet eben ein tolerantes Zusammenleben, so wie es zum Beispiel im Kalifat von Cordoba der Fall war. Dieses Beispiel ist mehr als eine Herausforderung für unser Europa heute und für das Konzept der rechtsstaatlichen Demokratie.

Eine multiethnische Demokratie von der Größe Europas kann nur mit klaren Regeln funktionieren; Regeln die auch der individuellen Freiheit dort Grenzen setzen, wo das allgemeine Interesse eines friedlichen Zusammenlebens gefährdet wird. Die Freude an der provokativen Überschreitung aller Grenzen, ohne Rücksicht auf Verluste, das ist ein 68er-Relikt aus dem letzten Jahrhundert, das sich unsere moderne Gesellschaft nicht mehr leisten kann.

An die Adresse der Terroristen, die den Namen des Islams missbrauchen – sei es in Syrien und im Irak oder sonst auf der Welt – gilt es klarzustellen: Terrorismus, Folter und Vergewaltigung widersprechen den Grundsätzen des Islams im Allgemeinen und der Schariah – den islamisch-ethischen Leitlinien – insbesondere. Deshalb kann kein islamischer Staat und auch kein Kalifat auf derartiger Basis errichtet werden. Die Muslime werden sich dagegen erheben, und keinen Missbrauch der heiligen Religion des Islam für terroristische Zwecke tolerieren. Dass Drahtzieher des Terrorismus für sich in Anspruch nehmen, in der Nachfolge des heiligen Propheten zu stehen, ist ein schlechter Witz; und alle Karikaturen, die dies zum Ausdruck bringen, sind – im Gegensatz zu den Mohammed-Karikaturen – Ausdruck berechtigter demokratischer Kritik.

Unsere konsequente Trauer sollte daher allen Menschen gelten, die bisher unter extremistischem Terror gelitten haben oder dadurch ihr Leben verloren haben. Dabei verdient jedes einzelne Opfer in Syrien und Irak und jeder Flüchtling, der sein Leben auf der Flucht nach Europa verloren hat, unser Mitgefühl, nicht weniger als die Opfer des Attentats von Paris.

Martin Rainer

Der Islamexperte Dr. Martin Rainer ist im Steigerwald aufgewachsen. Er studierte Mathematik, Arabisch, Farsi und Islamwissenschaft. Mit seinem ENAMEC Beratungsinstitut vermittelt er seit 15 Jahren Hintergrundwissen zum Islam und zu den Ländern des Nahen und Mittleren Ostens. Zuletzt war er als Professor für Mathematik in Ankara tätig. Heute lebt er mit seiner Familie in Zell am Main bei Würzburg. FOTO: Rainer

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