Rom

Gefährliches Spiel mit dem Neofaschismus

Der italienische Innenminister Matteo Salvini (Mitte) blieb den Gedenkfeiern zur Befreiung Italiens vom Faschismus fern und weihte stattdessen lieber eine Polizeistation ein. Foto: Francesco Militello Mirto, dpa

Die Szene ist gespenstisch und sollte es wohl auch sein. Es ist Nacht, eine Stimme brüllt „Camerata Sergio Ramelli“. Hunderte Männer strecken wie ferngesteuert gleichzeitig ihren rechten Arm nach oben und brüllen gemeinsam „presente!“, anwesend. Ihre Stimmen hallen durch die Nacht. Dreimal wiederholen sie das Ritual. Ein Teilnehmer hält eine italienische Flagge in der Hand. Dann drehen sich die Männer um und bewegen sich langsam davon, als sei nichts gewesen. Sergio Ramelli war ein italienischer Neofaschist, der 1975 von Linksextremisten in Mailand tödlich verletzt wurde und Tage später starb. In Andenken an ihren „Kameraden“ versammelten sich vergangenen Dienstag Mailänder Neofaschisten zu ihrer Zeremonie. Die Staatsanwaltschaft ermittelt.

In Italien handelt es sich bei den Aufmärschen nicht mehr um ein außerordentliches Ereignis. Anders als in Deutschland ist der Faschismus in Italien seit jeher weniger tabuisiert und analysiert. In Rom beispielsweise sind oft Hakenkreuz-Schmierereien oder antisemitische Parolen auf Hauswänden zu sehen. In den letzten Wochen ist allerdings eine Häufung von Versammlungen und Machtdemonstrationen der Ultrarechten im Land auszumachen. Politischen Beobachtern zufolge begünstigt das von der rechten Lega geprägte politische Klima im Land eine Renaissance des Neofaschismus in Italien.

Sprechchöre und faschistische Grüße im Zentrum von Mailand

Nur eine knappe Woche zuvor leisteten sich als Fußballfans verkappte Nostalgiker eine schwere Provokation. Am Vorabend des 25. April, der in Italien als Jahrestag der Befreiung von der Naziherrschaft gefeiert wird, stellten sich etwa 60 italienische Neonazis mit einem Spruchband in unmittelbarer Nähe der Mailänder Piazzale Loreto auf, wo die Leiche des faschistischen Diktators Benito Mussolini 1945 von Partisanen mit den Füßen nach oben aufgehängt worden war. Die für rechtsradikale Aktionen bekannten Ultras von Lazio Rom, die für ein Pokalspiel nach Mailand gereist waren, hielten zusammen mit Fans von Inter Mailand ein Spruchband in den Händen mit der Aufschrift „Onore a Benito Mussolini“ (Ehre für Benito Mussolini). Auch damals folgten Sprechchöre und faschistische Grüße, am Nachmittag Mitten im Zentrum von Mailand.

Am folgenden Tag schrieb der Mailänder Corriere della Sera, der ein Foto der Aktion auf seiner Titelseite brachte: „Es ist der Zusammenhang, in den sich diese Aktion einfügt, die Sorgen bereitet.“ Der Nazi-Aufmarsch sei nach „zahlreichen Versuchen der Legitimation des Faschismus“ geschehen, die vor einiger Zeit noch undenkbar waren, aber inzwischen sogar „toleriert und als ,normal' angesehen“ würden. Die linke Tageszeitung Repubblica machte direkt Innenminister Matteo Salvini und dessen rechte Lega als Wegbereiter aus. „Salvinis Populismus des Hasses bietet diesen neofaschistischen Gruppen eine Bühne“, schrieb das Blatt. Es sei derzeit „ein besonders günstiger Moment“ für die Extremisten. Die Staatsanwaltschaft Mailand ermittelt, gegen neun Tifosi wurde ein Stadionverbot verhängt.

Aufregung am Jahrestag des Todes von Mussolini

Der Innenminister selbst sorgte dann am 25. April, dem „Tag der Befreiung“ für Diskussionen, weil er anstatt eine Gedenkveranstaltung zu besuchen ein neues Polizeirevier in dem früher als Mafiahochburg berüchtigten sizilianischen Dorf Corleone einweihte. Das „Derby zwischen Antifaschisten und Faschisten“ langweile ihn, behauptete Salvini. Italienische Neonazigruppen wie Casa Pound oder Forza Nuova lobten diese Haltung. In mehreren Orten Italiens beschmierten Neonazis am 25. April Wände mit Hakenkreuzen und faschistischen Parolen. In Erinnerung sind auch die kürzlich erfolgten Versuche von Casa Pound, eine Revolte von Einwohnern des römischen Problemviertels Torre Maura gegen die Präsenz von Sinti und Roma politisch zu befeuern.

Schließlich gab es auch am Jahrestag des Todes von Mussolini am 28. April Aufregung. Wie jedes Jahr feierten auch diesmal Hunderte Nostalgiker den faschistischen Diktator in seinem Heimatort Predappio in der Emilia-Romagna. Weniger das bekannte Ritual mit römischen Grüßen und Gedenkveranstaltung in der Mussolini-Krypta sorgten diesmal für Aufsehen. Es war die Berichterstattung des staatlichen Fernsehsenders Rai, die die Frage aufwarf, wie weit die Legitimation des Faschismus in der heutigen italienischen Gesellschaft bereits fortgeschritten ist. In dem Bericht waren Neonazis, Fahnen auf Halbmast sowie Nostalgiker zu sehen, die unwidersprochen ihrer Sehnsucht nach den alten Zeiten Ausdruck geben konnten. „Alles funktionierte, wir lebten unsere Träume“, behauptet eine Seniorin in dem Beitrag. Man hört solche Sätze häufiger in Italien.

Schlagworte

  • Julius Müller-Meiningen
  • Antifaschisten
  • Antisemitismus
  • Benito Mussolini
  • Diktatoren
  • Faschismus
  • Faschisten
  • Inter Mailand
  • Lazio Rom
  • Linksextremisten
  • Matteo Salvini
  • Neonazis
  • Rechte Szene
  • Senioren
  • Stadionverbot
Lädt

Schlagwort zu
„Meine Themen“

hinzufügen

Sie haben bereits
/ 15 Themen gewählt

bearbeiten

Sie folgen diesem Thema bereits

entfernen

Um "Meine Themen" nutzen zu können müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen

zustimmen
0 0
Kommentar schreiben

Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!