BERLIN

Goodbye, Deutschland!

Deutschland ist nicht nur ein Einwanderungsland, sondern auch ein Auswanderungsland. Alleine in den Jahren 2009 bis 2013 haben 710 000 Bundesbürger ihr berufliches oder privates Glück in Staaten wie der Schweiz oder den USA gesucht. Da gleichzeitig nur 580 000 Auswanderer in ihre Heimat zurückgekehrt sind, verliert Deutschland unterm Strich jedes Jahr mehr als 25 000 Menschen mit deutschem Pass – darunter überdurchschnittlich viele Akademiker und Führungskräfte. Insgesamt leben inzwischen etwa vier Millionen Deutsche nicht mehr in der Bundesrepublik.

Sieben von zehn Auswanderern zählen die Autoren einer neuen Studie der deutschen Stiftungen, der Universität Duisburg-Essen und des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung dabei zu den Hochqualifizierten. Die Glücklosen, Gescheiterten und Gestrandeten, die in einschlägigen Fernsehsendungen als Auswanderer mit viel Pioniergeist und noch mehr Naivität porträtiert werden, sind allenfalls die Ausnahmen, die diese Regel bestätigen. Der statistische Durchschnittsauswanderer eröffnet keine Kneipe auf Mallorca und keinen Hundesalon auf Teneriffa, sondern geht als Assistenzarzt in die Schweiz oder als Informatiker nach Kalifornien. Er ist deutlich jünger und deutlich besser ausgebildet als die Menschen in Deutschland – und er kommt in der Regel aus einem überdurchschnittlich gut gebildeten Elternhaus.

Schweiz als attraktivstes Ziel

Das attraktivste Ziel für Deutsche, die es in die Ferne zieht, ist gegenwärtig die Schweiz, in die in den vergangenen zehn Jahren mehr als 200 000 Bundesbürger ausgewandert sind. Dahinter folgen die USA, Österreich, Polen, Großbritannien, Spanien und Frankreich. Die skandinavischen Staaten, die angeblich im großen Stil Ärzte und Krankenschwestern aus Deutschland rekrutieren, finden sich dagegen nicht unter den Top Ten.

Dieser Effekt werde überschätzt, betont der Sozialwissenschaftler Marcel Erlinghagen von der Universität Duisburg-Essen, der trotz der hohen Auswandererzahlen sagt: „Das ist kein dauerhafter Abfluss von Humankapital.“ In den meisten Fällen habe die Abwanderung „eher temporären Charakter“. 41 Prozent der Auswanderer sind sich bereits bei der Ausreise sicher, dass sie wieder nach Deutschland zurückkehren werden. Nur ein Drittel will der alten Heimat dauerhaft den Rücken kehren.

Für die Studie, die Erste dieser Art, haben Erlinghagen und seine Kollegen 1700 Auswanderer und Rückkehrer befragt und dabei keineswegs nur berufliche Motive herausgefiltert. „Eine gewisse Neugier und Abenteuerlust gehört schon auch dazu“, sagt der Soziologe Norbert F. Schneider vom Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung, gebürtiger Oberfranke.

Sowohl bei den Auswanderern als auch bei den Rückkehrern nennen 40 Prozent der Befragten auch ihre persönliche Unzufriedenheit mit den Verhältnissen im jeweiligen Land als Grund für ihre Entscheidung, es woanders noch einmal neu zu versuchen. Ein höheres Einkommen erhoffen sich 46 Prozent im Ausland – und bekommen es in der Regel auch. Vor allem für Akademiker ist ein Auslandsaufenthalt häufig ein echter Karrierebeschleuniger.

Besonders mobil sind offenbar Deutsche mit Migrationshintergrund: Sie wandern überdurchschnittlich häufig aus – allerdings eher selten in die Länder, aus denen ihre Eltern oder Großeltern stammen. Die eigene Migrationsgeschichte, vermuten die Autoren der Studie, führe bei diesen Befragten zu einer allgemein höheren Migrationsneigung.

Kein Schaden für Volkswirtschaft

Ein weiteres Phänomen, mit dem Erlinghagen nicht gerechnet hat, als er mit der Arbeit an der Studie begann: Zwei Drittel der Auswanderer wandern nicht nur einmal in ihrem Leben aus, sondern haben zuvor schon mindestens einmal in einem anderen Staat als Deutschland gelebt. „Pendelmobilität“ nennen die Forscher das.

Dass die Auswanderer der deutschen Volkswirtschaft schaden, ist offenbar ein Vorurteil. Die meisten von ihnen kehrten über kurz oder lang mit neuen Erfahrungen, neuen Fähigkeiten und neuen Netzwerken zurück, sagt Cornelia Schu vom Sachverständigenrat der deutschen Stiftungen. Allerdings könne es angesichts des anhaltenden Fachkräftemangels in einigen Branchen in Deutschland durchaus Sinn machen, noch gezielter als bisher um Rückkehrer aus dem Ausland zu werben.

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