Griechenland, die grausame Geliebte

Poseidon-Tempel an der Südspitze Attikas: Das antike Erbe sei den Griechen eine Last und eine Quelle des nationalen Minderwertigkeitskomplexes, meint Nikos Dimou.
Poseidon-Tempel an der Südspitze Attikas: Das antike Erbe sei den Griechen eine Last und eine Quelle des nationalen Minderwertigkeitskomplexes, meint Nikos Dimou. Foto: thinkstock

Die Schuldenkrise trübt das Verhältnis zwischen Deutschen und Griechen. Die beiden Völker hadern miteinander. Griechenland sei „eine grausame Geliebte“, schreibt Nikos Dimou in seinem Bestseller „Über das Unglück, ein Grieche zu sein“. Dimou, der in München Philosophie studierte, schreibt auch: „Schließ Griechenland ins Herz, und Du kriegst einen Infarkt.“

Frage: Herr Dimou, sind Sie unglücklich?

Nikos Dimou: Als Grieche, ja! Das ist ja die These dieses Buches. Ich bezeichne es als eine philosophisch-satirische Meditation über das Schicksal der Griechen. Die philosophische These des Buches ist, dass der Mensch sowieso unglücklich ist, weil er niemals alle seine Wünsche verwirklichen kann, vor allem nicht den wichtigsten Wunsch: die Unsterblichkeit. Aber ein Grieche ist unglücklicher als die meisten anderen Menschen, weil für ihn die Distanz zwischen Wunsch und Wirklichkeit besonders groß ist – denken Sie nur an die Spaltung zwischen der glorreichen Vergangenheit und der miserablen Gegenwart.

Womit wir bei der gegenwärtigen Misere Ihres Landes sind. „Ein Grieche lebt zweimal über seine Verhältnisse und verspricht das Dreifache von dem, was er halten kann.“ Das haben Sie vor 37 Jahren geschrieben. Die aktuelle Krise kann Sie eigentlich nicht überrascht haben.

Dimou: Nein, das hat sie auch nicht. Dieses Zitat stammt aus dem Kapitel „Die griechische Übertreibung“. Sie ist ein sehr wichtiges Merkmal des griechischen Charakters. Diese Übertreibung befindet sich im Kern jeder Tragödie oder Komödie, denn Komödie und Tragödie sind Formen der Übertreibung. Der tragische Held versucht etwas, was nicht machbar ist, und der komische Held übertreibt ebenso. Ein Grund der Krise ist diese Übertreibung: die Lust, alles zu haben, alles zu geben, alles zu genießen, ohne zu bedenken, dass nicht alles machbar ist. Der zweite Grund: die Griechen sind nicht rational. Sie denken mit dem Gefühl. Das macht es ihnen so schwer, diese Krise zu bewältigen.

Hat es mit der Krise zu tun, dass Ihr Buch erst jetzt, fast vier Jahrzehnte nach der ersten Veröffentlichung, in deutscher Sprache erscheint?

Dimou: Ja, so ist es. Ich bin sicher, dass man mich anklagen wird, von der Krise zu profitieren und das Ansehen der Griechen herabzusetzen. Aber ich glaube, dass es kein antigriechisches, sondern ein progriechisches Buch ist, entstanden aus Liebe zu Griechenland. Denn wirkliche Liebe bedeutet, nicht zu verherrlichen, sondern kritisch zu beobachten, um seinem Land zu helfen. Ich sehe das Buch jetzt als einen Botschafter, der den schwierigen und widersprüchlichen griechischen Charakter unseren Freunden oder Feinden erklären kann.

Das Buch ist in Griechenland ein Dauerbrenner, Hunderttausende Menschen haben es gelesen, aber es hat sicher nicht allen gefallen.

Dimou: Viele Griechen betrachten es als ein humoristisches Buch. Aber das ist eine Form der Abwehr. In Wirklichkeit ist das Buch nicht zum Lachen. Es ist ein satirisches Buch. Humor macht gute Laune. Aber Satire ist bitter. Für einen Griechen ist dieses Buch im Grunde eine Qual. Denn es ist keine lustige Sammlung von Aphorismen über das Zukurzkommen der Griechen, sondern ein bitteres Nachdenken über ihr tragisches Schicksal, gespalten zu sein zwischen Vergangenheit und Gegenwart, Norden und Süden, Osten und Westen.

Sie schreiben von der Last des antiken Erbes, von der „unmenschlichen Vollkommenheit“ der Vorfahren. Liegt dort eine der Wurzeln der heutigen Probleme?

Dimou: Jedenfalls liegt in dieser schwer erträglichen Last des antiken Erbes eine Quelle unseres nationalen Minderwertigkeitskomplexes. Eine andere Quelle ist der ebenfalls unbefriedigende Vergleich mit den „höher entwickelten“ Zeitgenossen, nämlich mit Europa. Wann immer ein Grieche von „Europa“ spricht, schließt er Griechenland automatisch aus. Aber wenn ein Ausländer von Europa spricht, ist es undenkbar für uns, dass er Griechenland nicht miteinschließt. Das erklärt einige der aktuellen Konflikte.

Wegen der Krise wandern jetzt mehr Griechen aus als je zuvor seit den 1960er Jahren, und diesmal sind es nicht ungebildete Arbeitskräfte, sondern Facharbeiter und Akademiker. Verliert Griechenland seine besten Talente?

Dimou: Ich fürchte ja. Es gibt viele junge Leute, die mit diesem System der Vetternwirtschaft und der Korruption nichts zu tun haben wollen. Leider emigrieren die meisten dieser guten Leute. Man muss ja fast ein Masochist sein, um in Griechenland zu bleiben und hier etwas bewegen zu wollen.

Sie kennen die Deutschen, Sie haben in München studiert. Was läuft verkehrt im deutsch-griechischen Verhältnis?

Dimou: Beide Völker, Deutsche und Griechen, zeigen in diesem Konflikt ihre schlechteste Seite. Beide haben in einigen Sachen recht. Aber dieses Recht wird in einer Weise geäußert, dass es zum Unrecht wird. Der Deutsche sagt mit erhobenem Zeigefinger: Der Grieche ist faul, geht mit 50 in Rente und macht zu viel Ferien. Wahr ist: es gab auch solche Griechen. Aber wer behauptet, dass die Mehrheit so gelebt hat, der übertreibt. Der Grieche reagiert genauso maßlos: Er empfindet jede Kritik als Zumutung. Sie trifft ihn ins Mark, weil er unsicher ist.

Wir erleben jetzt in Athen Straßenschlachten, Plünderungen und brennende Gebäude – sind das die Vorboten einer sozialen Explosion?

Dimou: Könnte sein. Aber die Wurzeln liegen tiefer. In den Jahren seit dem Ende der Obristendiktatur wurde in Griechenland von der Linken eine Art revolutionäre Kultur gepflegt, eine Kultur der Anomie, der Gesetzlosigkeit, die sich in der Gesellschaft sehr weit verbreitet hat. Das beginnt schon damit, dass man sich nicht an die Verkehrsregeln hält und glaubt, einfach Steuern hinterziehen zu dürfen. Die Ausschreitungen, die wir jetzt erleben, sind ein Auswuchs dieser Kultur der Anomie.

Von der Krise profitieren bisher vor allem linksextreme Parteien.

Dimou: Die linksextremen Parteien bekommen Zulauf, weil sie gegen das Spar- und Reformprogramm sind – übrigens auch gegen Europa. Wenn Sie diese Parteien fragen, wofür sie sind, bekommen Sie entweder einen puren Stalinismus serviert, der aus den 1930er Jahren stammt, oder eine anarchistische Ideologie oder Sie bekommen gar keine Antwort.

Haben Sie Hoffnung auf eine Erneuerung der politischen Kultur?

Dimou: Ach, ich bin nicht sicher. Ich habe viele gute Leute gesehen, die in die Politik gegangen sind und in kürzester Zeit völlig verdorben wurden. Sie haben eine Wahl, wenn Sie in Griechenland Politiker werden: entweder Sie spielen mit, und dann sind Sie einer von denen, oder Sie spielen nicht mit. Dann werden Sie vom System ausgespuckt.

Wie wird die griechische Tragödie enden?

Dimou: Ich bin kein Prophet. Wir sind in einer sehr schwierigen Lage, nicht nur finanziell. Das eigentliche Problem ist ein politisches. Die Regierung von Giorgos Papandreou hat alles falsch gemacht, was man falsch machen konnte. So eine klägliche politische Vorstellung habe ich noch nie erlebt. Ich sage das, obwohl ich ihn gewählt habe. Wenn Papandreou 2009 die richtigen Maßnahmen getroffen hätte, gäbe es gar keine Krise. Aber Papandreou war unfähig, die einfachsten Sachen zu Ende zu bringen. Dieser Mann war ein Unglück für Griechenland. Die nächste Wahl wird wahrscheinlich Antonis Samaras gewinnen, der die im Grunde einzige noch übrig gebliebene Volkspartei führt, die konservative Nea Dimokratia. Ich schätze ihn nicht besonders, aber er hat in den letzten Monaten endlich eingesehen, dass seine Politik der puren Verweigerung zu nichts führte. Ich hoffe, Samaras gelingt es, Griechenland auf einen Kurs der Mitte zu bringen

Kann Deutschland dabei helfen?

Dimou: Das ist sehr schwer. Denn Deutschland hat übertrieben auf die griechischen Sünden reagiert. Nicht nur in der Politik, die sich diskreter und diplomatischer hätte verhalten müssen, sondern auch in großen Teilen der Medien, mit Schlagzeilen wie „Schmeißt die Pleite-Griechen raus“.

Das kommt in Griechenland natürlich nicht gut an...

Dimou: Nein, denn wie gesagt: Die Griechen denken mit dem Gefühl. Sie suchen deshalb immer einen Sündenbock. Als ich ein kleines Kind war, waren das die Engländer. Dann waren die Amerikaner an allem schuld. Jetzt sind die Amerikaner vergessen, und die Deutschen sind das rote Tuch für die Griechen. Selbst wenn die Deutschen etwas sagen, was richtig ist, werden die Griechen es zurückweisen, nur weil es Deutsche gesagt haben. Vielleicht sollte man Frau Merkel empfehlen, das Gegenteil von dem zu sagen, was sie meint. Dann würden die Griechen wahrscheinlich das Richtige tun.

Nikos Dimou

In Griechenland hat das berühmteste Buch des Schriftstellers Nikos Dimou seit seiner ersten Veröffentlichung 1975 bereits 30 Auf- lagen erlebt – ein ewiger Bestseller. Nun erschien endlich auch die deutsche Übersetzung. (Nikos Dimou: „Über das Unglück, ein Grieche zu sein“. Aus dem Griechischen von Gerhard Blümlein. 80 Seiten, 7,95 Euro. ISBN 978-3-88897-765-7).

„Andere Völker haben Institutionen. Wir haben Luftspiegelungen.“ Vor dem Hintergrund des gegenwärtigen Kampfes der Griechen gegen die drohende Staatspleite bekommen Sentenzen wie diese des fast vier Jahrzehnte alten Buches eine ganz besondere Aktualität. „Die Griechen müssen sich neu erfinden, wenn sie in der heutigen Welt überleben wollen“, schreibt Dimou (77) im Nachwort zur deutschen Ausgabe. FOTO: privat

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