Henkel und die Ehrenmänner

Spitzenkandidaten der AfD für Europa: Bernd Lucke (links) und Hans-Olaf Henkel.
Spitzenkandidaten der AfD für Europa: Bernd Lucke (links) und Hans-Olaf Henkel. Foto: Dpa

Der Star sitzt in Reihe sieben – bescheiden im Gästeblock: Hans-Olaf Henkel. Kaum jemand bemerkt ihn zum Auftakt des Parteitags der Alternative für Deutschland (AfD) in der Aschaffenburger Frankenstolz-Arena. Als ihn Parteichef Bernd Lucke später in seiner Rede als neues Mitglied willkommen heißt, brandet minutenlanger Beifall auf. Der 73-Jährige, von Lucke als „der genaue Gegensatz zum Typus des Karriere-Politikers“ gepriesen, genießt den Ansturm der Kameras. Eine Szenerie, die sich wiederholt, nachdem die Delegierten den ehemaligen Präsidenten des Verbandes der Deutschen Industrie (BDI) mit großer Mehrheit auf Platz zwei der Kandidatenliste für die Europawahl gewählt haben.

Zuvor erfüllt Henkel seine parteiinterne Mission. In seiner kurzen Bewerbungsrede geißelt er nicht nur den aktuellen „verhängnisvollen Europa-Kurs“ der Bundesregierung, er würdigt die Partei, der er vor wenigen Tagen beigetreten ist, als eine, „die von Leuten geführt wird, die etwas von der Sache verstehen“. Ganz wichtig ist ihm dabei ein „Hinweis an die Presse“. Er habe die AfD schon länger beobachtet, aber „nicht einen einzigen Verrückten, Neonazi oder Spinner gesehen“, sagt Henkel. Die AfD-Verantwortlichen seien „Ehrenmänner und Ehrenfrauen“. Natürlich gibt's auch dafür von den 330 Delegierten und 150 Gästen reichlich Applaus.

Eine Debatte um vermeintlichen oder tatsächlichen Rechtspopulismus, die möchte die Parteiführung um Bernd Lucke in Aschaffenburg unbedingt vermeiden. Seriosität wollen sie demonstrieren, nachdem es zuletzt immer wieder Schlagzeilen wegen chaotischer Landesparteitage gab. Luckes Plan geht weitgehend auf. Hier ein bisschen Widerstand gegen seine Personalvorschläge zur Versammlungsleitung, dort ein paar Geschäftsordnungsanträge zum eh schon reichlich umständlichen Wahlverfahren, alles in allem aber hält der 51-jährige Wirtschaftsprofessor das Heft in der Hand. Bei der Wahl zum AfD-Spitzenkandidaten für Europa kommt Lucke auf über 85 Prozent.

Inhaltlich punktet er mit einer Rede, die er in weiten Teilen auch auf einem CSU-Parteitag hätte halten können. Kein Griechenland-Bashing, keine Maximalforderungen wie ein Zurück zur D-Mark oder ein Austritt gar aus der EU. Im Gegenteil: Die AfD bejahe die europäische Einigung „aus vollem Herzen“, sagt Lucke. Nur leider entfernten sich die europäischen Institutionen immer mehr von den Grundsätzen der Gründerväter, so da wären Demokratie, Subsidiarität und Solidarität. Dagegen wolle man angehen. Die Forderung nach „mehr Europa“ sei nicht die richtige Antwort. Die EU solle sich um die „Interessen der Sparer, der Steuerzahler und der arbeitslosen Jugendlichen“ kümmern, nicht um Glühbirnen, die Leistung von Staubsaugern oder den Wasserverbrauch der Klospülung.

Den „Altparteien“ fehle der Mut, offen über die Vorteile und Nachteile der EU auch für das eigene Land zu reden, so der Parteichef. „Mut zu D EU tschland“ lautet deshalb der Wahlkampfslogan der AfD, wobei die Buchstaben „EU“ mit dem Sternenkranz der Europafahne umrahmt werden. Lucke ist ein starker Redner, er kann Spott, er kann auch Feingeist. Alles nur Tarnung? Jedenfalls zieht der Parteichef eine klare Linie, als er nach der Zusammenarbeit mit anderen im Europa-Parlament gefragt wird. Rechtspopulisten wie Le Pen und Wilders kämen nicht in Frage, auch nicht die britische UKIP. Deren „Tonfall“ in Sachen Zuwanderung gefalle ihm nicht.

Unweit der Arena haben sich derweil 100 Leute einer Demo des Aschaffenburger „Bündnisses gegen Rechtspopulismus“ angeschlossen. Die AfD sei eine „Klientelpartei für die Reichen“, so Sprecher Steffen Kahr (Obernburg). Sie wolle die Menschen in Europa gegeneinander ausspielen. Dagegen setze man auf ein „solidarisches und grenzüberschreitendes Europa von unten“. Die Kundgebung verläuft friedlich. Nur einen 22-Jährigen nimmt die Polizei kurzzeitig fest. Er werde verdächtigt, so ein Sprecher, in der Nacht zuvor den AfD-Tagungsort mit Parolen („Haut ab“) und Farbbeuteln beschmiert zu haben.

„Rechtspopulismus, was ist das?“ In der Halle reagieren Delegierte wie die Unterfränkinnen Silke Resch und Susan Lequis auf solche Nachfragen eher genervt. „Gäbe es da was, wäre ich kein Mitglied der AfD geworden“, sagt Lequis. „Ich bin ein liberaler Mensch“, ergänzt Resch. Die Wirtschaftskompetenz von Leuten wie Lucke und jetzt Henkel bewege sie zum Mitmachen.

Unterdessen stellt sich Torsten Heinrich dem Wahlmarathon. Der 31-jährige Würzburger bewirbt sich als bayerischer Spitzenkandidat für Platz drei der AfD-Europaliste, gleich hinter Henkel. Die Konkurrenz ist groß. Acht Kandidaten stellen sich vor. Heinrich beklagt in seiner Rede den im Vergleich zu Malta zu geringen Einfluss deutscher Stimmen in Europa, er kritisiert eine Flüchtlingspolitik, die Menschen in Afrika „falsche Hoffnungen“ mache. Bei zwei elektronischen und einer schriftlichen Abstimmung unterliegt er dem baden-württembergischen AfD-Mann Bernd Kölmel (54) knapp. Für die nächsten Plätze sieht Heinrich keine realistische Chance. Frauen wie Beatrix von Storch (vier) und Ulrike Trebesius (sechs) sowie AfD-Urgestein Joachim Starbatty (fünf) sollen schließlich prominent platziert sein. Ob er für Platz sieben noch einmal antritt, will sich der 31-Jährige überlegen. Er hat jetzt Zeit. Denn um 21 Uhr wird die Versammlung abgebrochen, die Arena muss für eine Sportveranstaltung am Sonntag umgebaut werden. Der AfD-Parteitag geht nächsten Samstag weiter – voraussichtlich in Berlin.

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