Hoffnung auf Heimat

Rückkehr in Libyen: Muftah Yusuf Abdelwahed floh mit seiner Familie 2011 aus Tawergha. Jetzt wagt er einen Neuanfang zwischen den Ruinen. Ein Besuch.

Die erste Nacht zurück in Tawer-gha. Fast exakt sieben Jahre hatte Muftah Yusuf Abdelwahed genau auf diesen Augenblick gewartet. Und jetzt scheint sich die Nacht so endlos lang zu strecken wie die Zeit des Wartens davor. Im großen Wohnzimmer brennen in der Mitte ein halbes Dutzend Kerzen. Auf den Matratzen drumherum sitzt die achtköpfige Familie. Die Kinder fürchten sich. Hinter ihnen schlucken die rußgeschwärzten Wände das flackernde Licht. Selbst die Fenster wirken wie trostlose Löcher, so ganz ohne Rahmen und Glas. Ein Blick durch sie schweift über verlassene Häuser der Nachbarschaft, die gespenstische Konturen und Schatten im fahlen Mondlicht werfen. Nirgendwo ist auch nur ein Aufleuchten in einem Fenster oder aus einer Tür zu sehen. Nur Stille und das Dunkel der Nacht. Dann fängt die Mutter an, mit ihren Kindern zu singen. Es soll ein wenig Mut geben.

„Das war also die erste Nacht mit der ganzen Familie zurück in unserem Haus.“ Heute lacht Muftah Yusuf Abdelwahed (49) leise über jene Nacht im Juli 2018. Damals kam die Familie nur probeweise. Jetzt sind sie alle zurückgekehrt. Ruß ist immer noch an einigen Wänden. Kaum Möbel, eine Kommode, der Kühlschrank, sonst liegen nur Matratzen und Kissen in den kahlen Räumen. Immerhin, im Wohnzimmer konnte die Familie mühsam das meiste der Schwärze abwaschen. Neue Fenster sind eingebaut, das Dach repariert. Das Weiß der Plastikrahmen leuchtet frisch aus dem dunklen Grau hervor, das sich quer durch das Haus zieht. Im Vorhof stolzieren ein paar Hühner in einem eingezäunten Gehege.

Um nach Tawergha zurückzukehren, braucht es vor allem eines: Mut. Am 11. August 2011 flohen Muftah Yusuf Abdelwahed und seine Familie. Der Aufstand gegen Muammar al-Gaddafi und sein Regime brandete durch das ganze Land. Tawergha galt als eine Bastion des Regimes. Die Nachbarstadt Misrata als eine Hochburg der Revolution. Und von beiden Seiten gab es die blutrünstigste Propaganda über den jeweils anderen. Die Rebellen seien Kindermörder, die Menschen von Tawergha schon immer kriminelles Gesindel. Der Familienvater sah, wie sich die Spirale immer schneller drehte. Zwischen Misrata und Tawergha wurde heftig gekämpft. Muftah Yusuf Abdelwahed sah Tuareg-Söldner zur Front eilen, Soldaten der Regierungstruppen mit schwerem Gerät. Das Staatsfernsehen versprach ihren schnellen Sieg.

Stattdessen kamen die Kämpfe immer näher. Einschläge von Granaten und Raketen. „Die Alten und Kranken waren schon in Sicherheit“, berichtet Abdelwahed. Dann floh er mit seiner ganzen Familie, alle quetschten sich in seinen Kleinwagen. Tawergha verwandelte sich in eine menschenleere Trümmer- und Häuserwüste. Die 40 000 Einwohner sind bis heute wie vom Erdboden verschluckt.

Tawergha ist eine Geisterstadt. Rund 600 Menschen sind erst zurückgekehrt. In eine Stadt, in deren Häusern oftmals die Kämpfe ihre Spuren hinterlassen haben. Und ihre Hinterlassenschaften. Blindgänger und Sprengsätze sind eine Gefahr. Die Hilfsorganisation Handicap International (HI) sichert Haus für Haus. Ist wieder ein Gebäude freigegeben, sprayen die Bombenentschärfer und Minenräumer mit blauer Farbe das Logo der Organisation und einen Vermerk an die Wand. Doch für die Rückkehrer ist Tawergha eine einzige Herausforderung.

Strom- und Wasserversorgung, alles kommt nur in kleinen Schritten wieder in Gang. Immerhin, es gibt eine Einkaufsmöglichkeit und in einem Container einen Gesundheitsposten. Auch die Schule hat wieder geöffnet. Dort lernen die Kinder Lesen und Schreiben. Wenn das Schul-Team von HI kommt, erfahren die Kinder, wie ein Blindgänger aussieht. Dass man ihn nicht anfasst und einem Erwachsenen Bescheid gibt. Das jüngste Kind von Abdelwahed ist erst drei. Die Eltern machen sich Sorgen.

„Aber wir glauben alle an unsere Stadt“, sagt der 49-Jährige. Seine Frau unterrichtet als Lehrerin an der Schule. Vor dem Sturz des Gaddafi-Regimes arbeitete Abdelwahed in einer großen Hühnerfarm. Dort gackert kein Huhn mehr, so wie in den anderen Betrieben der Stadt Stille herrscht. Wenn denn überhaupt mehr übrig ist als nur eine Ruine. Das alte Regime hatte Großes mit Tawergha vor. Ein ganzes neues Stadtviertel für Zehntausende von Menschen wurde aus dem sandigen Boden gestampft. Es blieb unvollendet. Dass hier jemals Leben einkehren wird – selbst ein Lokalpatriot wie der 49-Jährige hält das nicht ernsthaft für möglich.

Seine Familie lebt seit Generationen in der Stadt. Sein Haus hat eine traurige Geschichte. Sein Bruder fiel 1986 im Grenzkrieg im Tschad. „Er war gerade 20 Jahre alt“, sagt Abdelwahed. Die Regierung schenkte der Familie damals ein Haus: das Haus von Muftah Yusuf Abdelwahed. „Jeder Stein erinnert mich an meinen Bruder“, sagt der 49-Jährige heute. Schon allein deshalb wäre es ihm nicht in den Sinn gekommen, Tawergha als Heimat aufzugeben.

Seiner Familie gab Tripolis wenig Gefühl für Heimat. „Wir haben alle zusammen erst in einem Zimmer, dann in einer Zwei-Zimmer-Wohnung gelebt. Meine Frau musste ihren Schmuck verkaufen. Aber ich will nicht klagen, anderen ging und geht es in den Unterkünften viel schlechter“, sagt der 49-Jährige. In Tripolis half er jungen Binnenvertriebenen als eine Art Sozialarbeiter einer islamischen Wohlfahrtsorganisation, für die er heute noch arbeitet. In Tripolis suchte er das Gespräch mit den Revolutionären in Misrata. „Wir müssen miteinander auskommen und zusammen an einer Zukunft bauen. Sonst kommen wir im ganzen Land nicht weiter“, sagt er. Die Jahre in Tripolis waren hart.

„Aber wir haben es geschafft“, sagt er. Muftah Yusuf Abdelwahed ist kein Mann, der sich von Wut leiten lässt. Ein Riese von einem Mann, mit mächtigen Händen und einem dunklen, freundlichen Gesicht. Seine Hautfarbe hat es ihm manchmal nicht leicht gemacht, „bei einigen inTripolis“. Aber auch das hat er hingenommen. Nur bei einem, da ballt er noch immer kurz die Faust. „Dass unsere Kinder ungerecht behandelt wurden, dafür gibt es keine Entschuldigung.“ Seine älteste Tochter sei immer ungerecht benotet worden. „Wie oft hat sie deswegen geweint. Sie konnte lernen, so viel sie wollte, alles perfekt wissen. Die Note blieb immer schlecht“, berichtet der Vater. „Lass dich nicht verunsichern, glaub an dich. Hauptsache, du schaffst die Schule“, sagten die Eltern dann ihrer Tochter.

„Jetzt sind wir wieder zu Hause. Haben Platz und eine Zukunft“, ist der 49-Jährige sicher. „Die Baumaterial-Händler von Misrata helfen uns. Sie sind fair“, sagt er. Doch für so manche andere in Tawergha ist die 35-minütige Fahrt nach Misrata immer noch ein Abenteuer, das man nur wagen sollte, wenn es nicht anders geht. Muftah Yusuf Abdelwahed macht sich heute trotzdem wieder auf den Weg in die Nachbarstadt. Es geht um Baumaterial für sich und Freunde. Von Behörden hatte der 49-Jährige eine Förderung zum Wiederaufbau bekommen, doch die ist schon lange aufgebraucht. „Wir müssen schon genau rechnen“, sagt das Familienoberhaupt.

Dann schaukelt sein kleiner schwarzer Toyota über die unbefestigte Straße an den leeren Häusern der Nachbarschaft und ausgebrannten Autos vorbei Richtung Checkpoint. Nicht weit hinter den Blocks, die er dann passiert, ist gerade ein Minenräumungsteam von Handicap International im Einsatz. Sammelt Teile von Grad-Raketen und Artilllerie-Granaten ein. Tag für Tag finden sie Blindgänger im sandigen Boten. „Einmal sind wir dabei sogar auf deutsche Minen aus dem Zweiten Weltkrieg gestoßen“, sagt der Chef des Teams, Simon Elmont.

Muftah Yusuf Abdelwahed hofft, dass nicht schon bald neue Sprengsätze und Blindgänger dazukommen. Denn in Libyen sind die Zeiten wieder unruhig geworden. Seit einigen Wochen branden erneut Kämpfe um die Hauptstadt auf. General Khalifa Haftar hofft auf einen militärischen Sieg. Die Miliz von Misrata steht in Opposition zu ihm. Der Krieg kann schnell wieder zurückkehren. Das weiß der 49-Jährige, der seinen schwarzen Toyota durch Ruinen steuert und sich nur eines wünscht: dass er seinen Kindern endlich wieder eine sichere Heimat geben kann.

Till Mayer ist Redakteur dieser Zeitung in der Redaktion in Lichtenfels. Er setzt sich mit den Langzeitfolgen von Kriegen auseinander. Seine neue Wanderausstellung „Erschüttert“ (www. erschuettert.org) zeigt die Folgen der Bombardierungen von Zivilisten. Für sein humanitäres Engagement wurde Till Mayer mehrfach ausgezeichnet. Sein Buch „Dunkle Reisen“ erschien jüngst im Erich-Weiß-Verlag.

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