PARIS

Homo-Ehe in Frankreich auf der Zielgeraden

Frankreichs Parlamentarier haben sich nichts geschenkt. Zehn Tage lang debattierten sie fast ununterbrochen, auch nachts und an den Wochenenden, über ein Gesetzesprojekt, das das Land so sehr aufwühlt, dass es andere Konflikte wie den Militäreinsatz französischer Soldaten in Mali in den Hintergrund drängt: die Einführung der „Ehe für alle“ mit dem Recht für gleichgeschlechtliche Paare auf Heirat und Adoption; in der Praxis betrifft das wohl in erster Linie die Adoption von Kindern des Partners aus einer vorhergehenden heterosexuellen Beziehung.

Am Samstagmorgen kurz vor sechs Uhr endeten die hitzigen Wortgefechte. „Die Franzosen sind mit einer Ankündigung aufgewacht: Die Gleichberechtigung im Land hat einen Fortschritt gemacht“, triumphierte Claude Bartolone, der sozialistische Präsident der Nationalversammlung. Am heutigen Dienstagnachmittag folgt die Abstimmung, deren Ausgang bereits klar scheint: Während die linke Mehrheit fast geschlossen für die Homo-Ehe votieren wird, will die konservative und rechte Opposition, abgesehen von einigen wenigen Ausnahmen, dagegenstimmen. Mitte März befasst sich noch der Senat als zweite Parlamentskammer mit dem Projekt, wo die Linke ebenfalls in der Überzahl ist. Sollte der Verfassungsrat kein Veto mehr einlegen, könnten sich theoretisch ab dem Sommer bereits die ersten homosexuellen Paare das Jawort geben.

Mit der Umsetzung seines Wahlversprechens einer „Ehe für alle“ hatte Präsident François Hollande ein Zeichen für ein offenes und liberales Frankreich setzen wollen. Doch schlug ihm eine überraschend scharfe Welle der Entrüstung entgegen. Bei einer Demonstration Mitte Januar mobilisierten die Gegner Hunderttausende Menschen. Am Wochenende blockierten sie erneut die Champs-Élysées in Paris. Doch Hollande wich von seinem Vorhaben nicht ab – das hätte seinen Kritikern recht gegeben, die ihm mangelnde Standfestigkeit und Autorität vorwerfen. Zumal eine Mehrheit der Franzosen in Umfragen die Homo-Ehe befürwortet.

Zurückhaltender sind sie bei der Frage der Adoption, da auch Experten uneins sind über mögliche negative Auswirkungen auf die Psyche von Kindern, die mit Eltern desselben Geschlechts aufwachsen. Die Möglichkeit künstlicher Befruchtung für lesbische Frauen lehnen sie überwiegend ab. Diese wird zunächst aus dem Gesetz ausgeklammert. Hollande will vorher den nationalen Ethikrat anhören.

Für die Opposition, die monatelang nur noch durch interne Führungsquerelen von sich reden gemacht hatte, bietet die Diskussion eine willkommene Gelegenheit, endlich wieder inhaltlich Position zu beziehen und die Regierung frontal anzugreifen. Mit 4999 Änderungsanträgen hatte sie die Debatte so lange wie möglich in die Länge gezogen. Der Vorsitzende der Parlamentariergruppe der bürgerlich-konservativen UMP, Christian Jacob, erklärte, er sei traurig über eine Aufweichung der Institution Ehe. „Der Kampf geht weiter“, sagte er mit Blick auf eine neue Demonstration am 24. März. Auch die Vertreter aller Religionen, allen voran die katholische Kirche, hatten ihre Gegnerschaft zur Homo-Ehe erklärt.

Premierminister Jean-Marc Ayrault sagte hingegen, das Gesetz werde nicht die Institution Ehe schwächen, sondern ausweiten und stärken. Die bürgerliche Rechte hält dagegen, eine Reform der seit 1999 möglichen eingetragenen Lebenspartnerschaft wäre besser gewesen als ein Gesetz, das die Franzosen spalte und den natürlichen Geschlechterunterschied auslösche. Sie forderte ein Referendum. Dem Vorwurf, die Regierung habe die Menschen und ihre Vorbehalte nicht ausreichend angehört, widersprach kürzlich allerdings eine Umfrage. Demnach sagen 72 Prozent der Franzosen, die Debatte dauere ihnen bereits zu lange.

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