WÜRZBURG

Inklusion nur eine leere Hülle?

Leben mit Behinderung: Peter Radtke, Mitglied im Deutschen Ethikrat. Foto: Julia Knetzger

Er ist weder Nachplapperer noch Lobhudler. Wahre Worte zieht er schönen vor. Der Münchner Peter Radtke, Mitglied im Deutschen Ethikrat, hat sich das Thema Behinderung auf die Fahne geschrieben. Er weiß, dass es nicht einfach ist, über die Einbindung von blinden, lahmen oder tauben Menschen in die Gesellschaft zu sprechen, und dass er sich damit nicht nur Freunde macht. Aber als Betroffener hat er einen Blick auf die Dinge, wie sie Politikern und Pädagogen ohne Behinderung fehlt. Daher macht er den Mund auf.

Radtke lebt von Geburt an mit einer Behinderung, die im Volksmund Glasknochenkrankheit genannt wird. Der lateinische Begriff „Osteogenesis imperfecta“ deutet darauf hin, dass beim Knochenbau etwas schiefgegangen sein muss. Radtkes Knochen sind empfindlich. Eine falsche Bewegung, schon können sie brechen.

Als Radtke noch ein Baby war, wunderten sich alle darüber, dass ihn beruhigendes Schaukeln und Schütteln noch mehr zum Wimmern brachten. Und als er 1949 eingeschult werden sollte, wollte ihn keine Regelschule aufnehmen, aus Angst, ihm könnte etwas zustoßen.

Radtkes Leben ist anders verlaufen als das anderer Kinder. Doch seine Behinderung war für ihn kein Grund, unglücklich zu sein. Warum auch? Für ihn war sie vollkommen normal. Und sein Rollstuhl? Während andere das Gefährt mit Hilflosigkeit in Verbindung bringen, ist es für ihn Sinnbild für Bewegung, sagt er. Laufen kann er ja nicht.

Radtke ist jetzt 69. Seine Behinderung sieht er nicht als Last, sagt er, sondern als Gabe. Dass er mit dieser Gabe etwas anfangen kann, was anderen Menschen hilft, wurde ihm im Laufe der Zeit bewusst. Er baute die Behindertenarbeit in der Münchner Volkshochschule auf, verfasste unzählige Schriften zum Thema Behinderung und wurde Mitglied im Deutschen Ethikrat. Er hielt Vorträge und Seminare – und wurde mit dem Thema der Inklusion konfrontiert.

Dass seine Meinung über das viel gepriesene Thema nicht von jedem gern gehört wird, ist ihm klar. Unverhohlen fragt er sich: Ist Inklusion nur ein neues hübsches Wort für den Begriff der Integration? Eine Floskel, die nach Aufbruch klingt, aber doch nicht mehr als eine leere Hülle ist?

Im Gegensatz zu Inklusion bedeutet Integration für ihn: „Es gibt Sieger und Besiegte. Und der Sieger steht immer auf der Seite der Mehrheit.“ Inklusion jedoch fordere die Abkehr von einer egozentrischen Sichtweise. In einer Gesellschaft der Inklusion gehören alle dazu, ganz gleich, welche Schwächen und Behinderungen sie haben.

Am eigenen Leib hat er das Thema Inklusion auch schon erfahren. Spontan fällt ihm da das Theater ein. Denn Schauspieler ist er ja obendrein. Ein Mensch mit einer Behinderung verändere die ganze Theaterproduktion, sagt er. Die Proben laufen anders ab. Die Zuschauer nehmen das Stück anders wahr. Und: „Meine Schauspielkollegen hängen genauso von mir ab wie ich von ihnen.“

Dass ihn ein Regisseur nur vorführen will, um die Sensationsgier der Zuschauer zu befriedigen, glaubt er nicht. Dennoch ist es ihm wichtig, dass nicht nur sein Körper wahrgenommen wird, sondern auch sein Geist. Das ist der Grund, warum er nur größere Rollen annimmt.

Umgekehrt geht es ihm aber auch: „Viele sehen in mir den Intelligenten, das Mitglied im Ethikrat. Aber obwohl ich behindert bin, wird meine körperliche Deformation geleugnet – ganz nach dem Motto: ,Aber eigentlich ist er ja nicht behindert.'“ Einmal, so erzählt er, hat ihn eine Journalistin über eine gewisse Zeit begleitet. Als sie ihn zu Hause besuchte, empfing er sie im Bademantel. Mit der Körperlichkeit, so erzählt er, hatte sie überhaupt nicht gerechnet.

Inklusion ist für Radtke noch keine Realität, sondern ein Traum. Das heißt noch lange nicht, dass er nicht wahr werden könnte. Wer einen Traum hat, der soll wagen, ihn auch zu träumen. Das ist die Botschaft, die bei seinen Worten mitschwingt.

Integration und Inklusion

Integration: Als Ansatz in der Pädagogik ist Integration ein Konzept, bei dem Kinder mit Behinderung in den Schulunterricht eingegliedert werden sollen. Nach dem Verständnis der Integration gibt es in der Gesellschaft Gruppen (Behinderte und Nicht-Behinderte), die zusammengebracht werden sollen, so auch im Unterricht. Inklusion: Die Inklusion geht noch einen Schritt weiter. Sie macht von Anfang an keine Unterscheidung zwischen Behinderten und Nicht-Behinderten. Im Konzept der Inklusion sollen Behinderte als selbstverständlicher Teil des Ganzen verstanden werden. In einer inklusiven Gesellschaft dürfen alle ihre Kompetenzen und Fähigkeiten einbringen. Dasselbe gilt auch für die Schule: Am Unterricht sollen alle Kinder gemeinsam teilnehmen dürfen. In Deutschland diskutieren Experten die Frage, ob sich damit die Schulstruktur deutlich verändern muss.

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