HAIFA

Junge Israelis zwischen Protest und Einberufungsbefehl

„Endlich kann ich den Urlaub in Gaza antreten, den sie mir so lange versprochen haben“, mit diesen Worten verkündet Tal Shachar seinen Freunden auf Facebook, dass er von der israelischen Armee einberufen wurde. Der 27-Jährige studiert Informatik an der Universität Haifa und ist nur einer von 16 000 Reservisten, welche die israelische Armee am Freitag im Zuge der Gaza-Krise rekrutierte und nun an der Grenze zur Palästinenser-Enklave zusammenzieht.

„Das Leben in Israel ist nur mit Zynismus zu ertragen. Sonst macht es dich verrückt“, hatte mir ein israelischer Freund schon vor einigen Wochen erklärt. Was er damit gemeint hat, wurde mir in den letzten Tagen bewusster denn je. „Vergiss nicht, mir ein Souvenir mitzubringen!“ antwortet ein Freund auf Tals Facebook-Meldung. Viele reagieren dagegen ängstlich. „Komm wohlbehalten zurück!“ schreiben ihm die meisten.

In Israel haben fast alle Männer und Frauen nach ihrem Schulabschluss den drei- beziehungsweise zweijährigen Militärdienst absolviert. Jährlich werden die Reservisten zu Trainings eingezogen. Man weiß, dass es wahrscheinlich ist, eines Tages rekrutiert zu werden. Auch wenn die Raketen der Hamas die Universitätsstadt Haifa im Norden Israels nicht erreichen, wirft auch hier der Konflikt seine Schatten. Tal Shachar dürfte nur einer von vielen israelischen Studenten sein, deren Plätze in Vorlesungen und Seminaren zu Wochenbeginn leer bleiben werden.

Während die Welt gebannt in den Süden des Landes schaut, blickt man in Haifa eher gen Norden. Denn dort, jenseits der Grenze zum Libanon, sitzt die radikal-islamische Hisbollah, welche die israelische Küstenstadt zuletzt 2006 massiv mit Raketen beschoss. Auch aus diesem Grund ist man an der Uni Haifa auf das Schlimmste vorbereitet. „Wir rechnen nicht mit einem Angriff der Hisbollah“, versuchte der Studiendekan, Professor Hanan Alexander, die ausländischen Studenten zu beruhigen. „Die sind gerade viel zu beschäftigt mit dem Konflikt in Syrien.“ Zu einer Evakuierung der gesamten Studentenschaft sei man allerdings jederzeit bereit. „Keine Sorge, ihre Dozenten evakuieren wir mit, der Stundenplan läuft weiter wie gewohnt“, so versucht Alexander die bedrückte Stimmung im Hörsaal aufzuheitern. Im Jahr 2006 war tatsächlich die gesamte Universität kurzerhand nach Jerusalem verlegt worden.

Dennoch herrscht eine angespannte Stimmung auf dem Campus. In Israel wohnt eine arabische Minderheit von rund 20 Prozent. Haifa gilt als eine der wenigen gemischten Städte des Landes, in der die beiden Volksgruppen zusammenleben. Harmonisch und beispielhaft sei das hier in Haifa, wurde mir oft versichert. Diese Harmonie – so sie denn jemals existierte – wurde jedoch durch die Vorfälle im Süden massiv gestört.

Am Donnerstagvormittag versammelte sich eine Gruppe arabischer Studenten auf dem Campusgelände um eine Gedenkminute für die Toten im Gazastreifen einzulegen - den getöteten Militärchef der Hamas, Ahmed Al-Dschabari, miteingeschlossen. Ein Schlag ins Gesicht der jüdischen Israelis: „Sie trauern um einen Terroristen, der israelische Zivilisten umbringen ließ. Das ist eine Schande!“ empörte sich ein jüdischer Kommilitone. In der Universitätsleitung gab man sich entspannter: „Das ist gelebte Demokratie auf unserem Campus“, erklärte Studiendekan Alexander. Er versicherte allerdings auch, dass man Sicherheitspersonal auf dem Campus bereitstelle, um Handgreiflichkeiten in den nächsten Tagen zu verhindern.

Die Reaktion der jüdischen Studenten ließ nicht auf sich warten. Große Israelflaggen tauchten auf dem Campus auf, wurden aus den Fenstern gehängt. Auf einer Straßenkreuzung in Campusnähe kam es zu einer spontanen Solidaritätskundgebung.

Die Stimmung auf dem Campus ist seither angespannt und bedrückt zugleich. Wer wird einberufen? Wird es tatsächlich einen Einmarsch in den Gazastreifen geben? Der Student Tal Shachar dürfte sich währenddessen schon auf dem Weg in Richtung Gaza befinden.

Violetta Hagen studiert derzeit an der Universität Haifa in Israel. Die 24-Jährige studiert regulär im Masterstudiengang „Friedensforschung und Internationale Politik“ an der Universität Tübingen. Die gebürtige Würzburgerin beschäftigt sich vor allem mit dem Nahen Osten und hat bereits ein halbes Jahr in Syrien gelebt.

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