MÜNCHEN

Justizministerin Merk will harte Strafen bei Doping

Doping im Blick: Bayerns Justizministerin Beate Merk und der Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes, Clemens Prokop. Foto: dpa

Bayerns Justizministerin Beate Merk (CSU) hat im Kampf gegen Doping einen engen Schulterschluss von Sportverbänden und Strafverfolgern gefordert: „Die Sportverbände müssen zur Kenntnis nehmen, dass sie die Probleme alleine nicht bewältigen können“, sagte die Ministerin auf einer Pressekonferenz in München am Dienstag.

So fehle es der Sportgerichtsbarkeit an Durchgriffsrechten, um nicht nur einzelne Täter zu sanktionieren, sondern auch Doping-Strukturen aufzudecken. Dafür notwendige Mittel wie Hausdurchsuchungen oder Telefonüberwachungen stehen nur der staatlichen Justiz zur Verfügung.

Allerdings fehlten den Strafverfolgern bisher die notwendigen Gesetze. Merk fordert seit längerem die Strafbarkeit von Besitz oder Handel von Dopingmitteln, eine Strafbarkeit von Doping unabhängig vom verwendeten Doping-Mittel, eine Kronzeugenregelung oder die Schaffung des Straftatbestandes „Sportbetrug“. Diese Maßnahmen seien auch im Interesse der fairen Sportler: „Denn der Sport zerstört sich selbst, wenn er Doping nicht effektiv bekämpft.“

„Wir brauchen hier den Staat“

Der Präsident des Deutschen Leichtathletikverbandes (DLV), Clemens Prokop, unterstützt Merks Vorstoß: „Wir brauchen hier den Staat.“ Nach der Veröffentlichung der Doping-Studie der Humboldt-Universität müssten in den Sportverbänden „auch die Zweifler den Handlungsdruck erkennen“. Prokop fordert zudem eine Verlängerung der Verjährungsfristen für Dopingfälle. Auch eine Löschung bestehender Rekordlisten regt der Funktionär an: „Damit utopische Rekorde nicht mehr Maßstab und Vorbild sind.“ Von den Verfassern der Studie forderte der DLV-Chef die Nennung der Namen mutmaßlicher Doper: „Wenn die nicht genannt werden, bleibt ein Generalverdacht gegen alle Sportler.“

Fraglich bleibt, warum die Veröffentlichung der Studie so lange dauerte. Giselher Spitzer von der Berliner Humboldt-Universität, der den Bericht mit verfasste, wundert sich: „Erst passiert zwei Jahre nichts, dann ist es vom einen auf den anderen Tag plötzlich möglich.“ Offiziell begründete das Bundesinstitut für Sportwissenschaft (Bisp), das dem Innenministerium untersteht, dies mit einer Datenschutzprüfung.

Mitwisserschaft betont

Dazu sagt der Bundesdatenschutzbeauftragte Peter Schaar: Er sehe nicht, dass sich durch die Prüfung „die Veröffentlichung verzögert haben könnte“. Das Bisp sei am 4. Juni mit der Bitte um Prüfung an ihn herangetreten und habe am 4. Juli Antwort erhalten. Die Veröffentlichung erfolgte aber erst am 5. August – auf Druck der Medien.

Die Wissenschaftler betonen in ihrer Studie die Mitwisserschaft von Sport- und Sportpolitik-Lenkern an vielen Stellen. So stelle sich die Frage, „wie ernsthaft Verantwortliche in der deutschen Sportlandschaft den Kampf gegen das Doping tatsächlich betrieben haben und mit welcher Ausdauer sie die (zum Teil sich selbst gesetzten) Grundsätze und Ziele in dieser Hinsicht verfolgt haben. Nach den Projektergebnissen zu urteilen, erscheint dies zweifelhaft.“ Sportmediziner wie der Freiburger Professor Joseph Keul betrieben der Studie zufolge weitreichende Dopingforschung. Keul habe „aufgrund der Zustimmung von allen maßgeblichen Organisationen und staatlichen Stellen“ davon ausgehen müssen, „dass seine anwendungsorientierte Dopingforschung sportpolitisch gewollt war“.

Nicht nur die Studie wird heftig diskutiert, sondern auch die Recherchen der „Main-Post“ und „Märkischen Oderzeitung“ zum gleichen Thema. Die Aktenfunde im Bundesarchiv in Koblenz überzeugten beispielsweise den Ulmer Professor Jürgen Steinacker mehr als der veröffentliche Bericht der Berliner Forscher. Steinacker ist einer der renommiertesten Sportmediziner der Republik und Berater der Welt-Anti-Doping-Agentur WADA.

Im Interview mit der „Augsburger Allgemeinen“ sagte er: Im Gegensatz zur DDR seien im Westen die Ressourcen gar nicht zur Verfügung gestanden, breit angelegtes Doping zu finanzieren. „Es gab allerdings Inseln, die systematisch und intensiv daran gearbeitet haben.“ Das sei ganz klar und würde auch durch Dokumente bestätigt, „speziell durch jenes, dass die ,Main-Post‘ vor kurzem ausgegraben hat“. Die Unterlagen aus dem Jahr 1971 beweisen für Steinacker, dass es in Freiburg staatlich geförderte Anabolika-Forschungen in Verantwortung der beiden damals führenden deutschen Sportmediziner Herbert Reindell und Joseph Keul gegeben hat.

Sportmediziner wehren sich

Dagegen wehren sich Funktionäre der Sportmediziner, deren Sparte in der Studie eine unrühmliche Rolle spielt. Sie sei „bekannt, an einigen Stellen banal und habe mit Doping teilweise nichts zu tun“, sagte Präsident Klaus-Michael Braumann von der Deutschen Gesellschaft für Sportmedizin und Prävention (DGSP) der Tageszeitung „Westfalenpost“. „Was dort vorgelegt wurde, ist möglicherweise journalistisch eine spannende Geschichte, genügt aber nur bedingt den Kriterien guter wissenschaftlicher Praxis.“ Hier den Anspruch einer „wissenschaftlichen Studie“ zu formulieren, habe eine „gewisse Chuzpe“, sagt Braumann.

Indessen attackiert die frühere Spitzensportlerin Heidi Schüller (63) den Präsidenten des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB)Thomas Bach, der die Studie initiiert hatte. Er „muss mehr gewusst haben, als er jetzt zugibt. Er kann doch auch lesen“, sagte Schüller. „Aber wenn man IOC-Präsident werden will, dann schweigt man besser.“ Auch ihm sei die (nach dem Weltklasse-Ruderer Michael Kolbe benannte) Kolbe-Spritze angeboten worden, sagt der ehemalige 800-Meter-Läufer Willi Wülbeck. Er habe abgelehnt. Edwin Klein, 1972 und 1976 bei Olympia im Hammerwurffinale, sagte im ZDF: Professor Joseph Keul habe ihm ausrichten lassen: „Gegen die Einnahme von Antibiotika sei nichts einzuwenden.“

Hochsprung-Olympiasiegerin Ulrike Nasse-Meyfarth versichert: Sie habe nie „so was genommen“, aber „natürlich wurde damals schon getuschelt“. In den Jahren um die Olympischen Spiele 1976 in Montreal (in der Studie als „Anabolika-Spiele“ gebrandmarkt) war Thomas Bach Weltklassefechter aus der Tauberbischofsheimer Goldschmiede von Emil Beck. Er sagt: „In Fechterkreisen war Doping kein Thema.“

Rückblick

Schlagworte

  • Anabolika
  • Beate Merk
  • Bundesarchiv
  • CSU
  • Deutscher Leichtathletikverband
  • Doping
  • Doping-Affäre 2013
  • Dopingbekämpfung
  • Justizminister
  • Peter Schaar
  • Sportmediziner
  • Thomas Bach
  • Václav Klaus
  • World Anti-Doping Agency
  • ZDF
Lädt

Schlagwort zu
„Meine Themen“

hinzufügen

Sie haben bereits
/ 15 Themen gewählt

bearbeiten

Sie folgen diesem Thema bereits

entfernen

Um "Meine Themen" nutzen zu können müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen

zustimmen
0 0
Kommentar schreiben

Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!