Kinder können von der Entscheidung nur profitieren

Anja Kannegießer Foto: privat

Dient die sukzessive Adoption dem Kind? Sind homosexuelle Paare genauso kompetent als Eltern? Anja Kannegießer (40) ist Rechtspsychologin und Juristin. Für den Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen (BDP) wurde sie ans Bundesverfassungsgericht entsandt. Uns gibt sie eine Einschätzung.

Frage: Was ist Ihre Aufgabe als Psychologin?

Anja Kannegiesser: Ich biete keine Sprechstunde an mit klassischer Therapie. Vielmehr begutachte ich im familiären und im strafrechtlichen Bereich. Dort erstelle ich Stellungnahmen – wie zum Beispiel jetzt in Karlsruhe, wo ich als Sachverständige gehört wurde.

Das Bundesverfassungsgericht hält die sukzessive Adoption bei eingetragenen Lebenspartnerschaften für wünschenswert und rechtens. Dient das auch dem Wohl des Kindes?

Kannegiesser: Auf jeden Fall. Aus der Sicht des Kindes ist das ein richtiger und wichtiger Schritt. Von der sukzessiven Adoption kann ein Kind nur profitieren. Kinder in einer solchen Beziehung entwickeln sich nicht schlechter.

Fehlt Kindern nicht etwas, wenn sie mit zwei Vätern oder Müttern aufwachsen?

Kannegiesser: Das kann man pauschal nicht sagen. Denn Kinder nehmen Eltern gar nicht so stark in einer Geschlechterrolle wahr. Es sind viele andere Dinge, die für die Entwicklung eines jungen Menschen wichtig sind. Zum Beispiel die Beziehung der Eltern zueinander und die Beobachtung, wie viel Liebe und Verständnis sie füreinander aufbringen. Dann das Verhältnis der Eltern zu dem Kind. Und, drittens, die Verfügbarkeit von Ressourcen. Dabei geht es um die Frage, was ein Elternhaus dem Kind bieten kann, also sozial, wirtschaftlich und auch in der Bildung.

Homosexuelle Paare sind also genauso kompetent?

Kannegiesser: In Erziehungsfragen sehe ich bei diesen Partnerschaften kein Defizit.

Ein Beispiel: Zwei Frauen adoptieren einen Jungen. Mit welcher der beiden spielt er Fußball?

Kannegiesser: Na ja, es soll auch Frauen geben, die Fußball spielen. Im Übrigen wird der Junge im Umfeld sicherlich jemanden finden, der mit ihm Fußball spielt.

Sie sagen also: Ein Kind, das in einer homosexuellen Beziehung aufwächst, hat kein Defizit.

Kannegiesser: Nein, hat es nicht. Nach den vorliegenden Untersuchungen gibt es keinen Hinweis auf Mängel und Dinge, die ihm vorenthalten werden. Noch etwas: Diese Kinder sind in der Regel von anderen Kindern anerkannt, sie sind gut integriert.

Das Urteil erweitert Chancen von Menschen, die in einer eingetragenen Partnerschaft leben.

Kannegiesser: Ja, und das ist aus meiner Sicht nur zu begrüßen. Die meisten Sachverständigen, die in Karlsruhe ihr Votum abgaben, haben die Möglichkeit der Adoption und damit auch der sukzessiven Adoption befürwortet. Das war bei der Urteilsfindung sicherlich ein gewichtiges Argument.

Was wissen Sie über die sexuelle Entwicklung von Kindern, die in einer solchen Partnerschaft heranwachsen?

Kannegiesser: Sie unterscheiden sich in der Ausprägung ihrer eigenen, späteren Sexualität nicht. Da gibt es keine Auffälligkeiten, die mir bekannt wären. Das Einzige, was sie vielleicht unterscheidet, ist Toleranz. Diese Kinder entwickeln eine größere Toleranz. Zum Beispiel in dem Sinne, dass es mehr Mädchen gibt, die mit Autos spielen oder Jungen, die sich mit textilen Arbeiten befassen. Aber in der eigenen Orientierung sehe ich keine Unterschiede.

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