Könnte Deutschland wieder zum kranken Mann Europas werden?

Jörg Krämer ist Chefvolkswirt der Commerzbank. Foto: Michael Deppisch

Jörg Krämer, 53, ist seit 2006 Chefvolkswirt der Commerzbank. Der Experte gehört zu den führenden Ökonomen Deutschlands. Im Gespräch mit dieser Redaktion erklärt er, inwiefern sich Deutschland auf seinen Lorbeeren ausgeruht hat und warum das durchaus zu Problemen führen kann.

Frage: Herr Krämer, es klingt beängstigend: In Bezug auf Deutschland sprechen Sie vom „Kranken-Mann-Zyklus“. Was meinen Sie damit?

Jörg Krämer: Deutschland ging es nach dem Platzen der Blase am Aktienmarkt im Jahr 2000 wirtschaftlich schlecht. Wir hatten mehr als vier Millionen Arbeitslose. Obwohl die Rezession in anderen Ländern vorbei war, ging das deutsche Bruttoinlandsprodukt noch zwei weitere quälende Jahre zurück. Damals galt Deutschland als der kranke Mann des Euro-Raums. Dann kam es zu politischen, zum Teil schmerzhaften Reformen unter Kanzler Gerhard Schröder. Diese Reformen schlugen mit der Zeit an. Spätestens vor zehn Jahren, als Deutschland nach der Finanzkrise anders als die meisten Länder wie Phönix aus der Asche stieg, war allen klar: Deutschland ist kein kranker Mann mehr. So wurde Deutschland vom kranken Mann zum ökonomischen Super-Star. Wir waren wettbewerbsfähig, die Wirtschaft brummte und wuchs schneller als die der anderen Euro-Länder.

Der glänzende Star hat graue Haare bekommen.

Krämer: Diese lange währende positive Wahrnehmung Deutschlands hat ihren Zenit überschritten. Wir könnten wieder in einen Kranken-Mann-Zyklus geraten.

Sind wir wieder auf dem Weg zum „kranken Mann Europas“, wie das britische Wirtschaftsmagazin Economist Deutschland einst genannt hat?

Krämer: In den vergangenen Jahren hat die Qualität Deutschlands als Produktionsstandort gelitten. Andere Länder in der EU haben die Rahmenbedingungen für ihre Unternehmen verbessert. Wir haben uns auf den Lorbeeren ausgeruht. Dadurch sind wir in den vergangenen zehn Jahren gegenüber den anderen EU-Ländern zurückgefallen – gemessen an Daten der Weltbank von einer Position im vorderen Drittel ins Mittelfeld. Diese Erosion der Wettbewerbsfähigkeit hat sich in Deutschland lange nicht in schlechten volkswirtschaftlichen Zahlen niedergeschlagen. Aber seit knapp zwei Jahren sinkt hierzulande die Industrieproduktion, während sie sich im Rest des Euro-Raums seitwärts entwickelt. Auch das Bruttoinlandsprodukt hat sich in Deutschland zuletzt schlechter entwickelt als im Rest des Euro-Raums.

Noch einmal: Ist Deutschland schon wieder der kranke Mann Europas?

Krämer: Noch nicht, aber leider bewegen wir uns wieder auf diesen Zustand zu.

Warum sind wir wirtschaftlich zurückgefallen? Was ist unter der Großen Koalition falsch gelaufen?

Krämer: Jahrelang haben es der Bund und die Länder versäumt, ausreichend in die Infrastruktur, also in Straßen und Schienenwege, zu investieren. Außerdem wurde der Ausbau der digitalen Infrastruktur zu zögerlich vorangetrieben. Das langsame Internet ist vor allem ein großes Problem für mittelständische Unternehmen in ländlichen Regionen. Wie sollen diese Firmen Produkte aus der Welt der Industrie 4.0 weltweit verkaufen, wenn sie zu Hause nicht einmal einen vernünftigen Internet-Anschluss haben? Hinzu kommt, dass unsere Firmen unter Stromkosten leiden, die doppelt so hoch sind wie im europäischen Durchschnitt. Zudem werden Firmengewinne in Deutschland im europäischen Vergleich überdurchschnittlich hoch besteuert.

Werden wir schlecht regiert?

Krämer: Im Verkehrsbereich ist vieles von der politischen Seite falsch gelaufen. Hier wurden Mittel zurückgefahren, und die Bauämter wurden vielerorts personell ausgedünnt. Hinzu kommt, dass der Staat nicht gegen ausufernde Genehmigungsverfahren vorgeht. Es dauert manchmal bis zu 20 Jahre, bis eine Umgehungsstraße fertig ist. All das beginnt sich zu rächen.

Die Große Koalition hat also versagt.

Krämer: Die schwarz-rote Koalition hat es versäumt, die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands zu erhalten und zu verbessern. Stattdessen hat sie sich darauf konzentriert, den Sozialstaat auszubauen und für mehr Umverteilung zu sorgen.

Deutschland steht vor gigantischen technologischen Herausforderungen. Schaffen wir das?

Krämer: Ich habe großes Vertrauen in unsere Unternehmen und ihre hoch qualifizierten und motivierten Arbeitnehmer. Diese Firmen brauchen keine staatlichen Subventionen. Sie brauchen auch keine Beamten, die ihnen sagen, was die Zukunftstechnologien sind. Was sie brauchen, sind vernünftige Rahmenbedingungen, also gute Straßen, ein schnelles Internet, rasche Genehmigungsverfahren, eine maßvolle Besteuerung und konkurrenzfähige Energiepreise. Den Rest machen die Unternehmer selbst.

Sie haben einen weiteren Befund aufgespürt. Demnach ist die Globalisierungsblase geplatzt.

Krämer: Das Platzen dieser Globalisierungsblase ähnelt dem Platzen der Aktienmarktblase vor 20 Jahren. Damals brachen die Aktienkurse ein, weil sich die Erwartungen an die wirtschaftliche Profitabilität des Internets als übertrieben herausstellten. Heute müssen Unternehmen und Anleger einsehen, dass sie viele Jahre lang übertriebene Erwartungen an eine unbegrenzt fortschreitende Globalisierung der Wirtschaft hatten.

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