Kommentar: Mit etwas Glück können die Grünen Kanzlerpartei

Die Grünen fürchten sich nicht mehr vor der Macht. Sie haben keine Angst davor, sich in der Regierung die Hände an der rauen Wirklichkeit schmutzig zu machen. Für eine Partei, die aus der Antihaltung zum System geboren wurde, ist dieser offene Wille zur Macht verblüffend. Anti-Atomkraft, Anti-Kapitalismus, Anti-Militarismus – das sind ihre Wurzeln.

Die neuen Grünen wollen bewusst Establishment sein, nicht mehr nur dagegen, sondern staatstragend. Die wiedergewählten Vorsitzenden Annalena Baerbock und Robert Habeck haben es offen eingefordert. „Wir müssen nicht nur Ziele formulieren, wir müssen sie auch umsetzen, im Hier und Heute“, rief Baerbock den Mitgliedern auf dem Parteitag in Bielefeld zu.

Ausgerechnet in Bielefeld. Genau vor 20 Jahren haben die Grünen in der Stadt in Ostwestfalen über den Kosovo-Einsatz der Bundeswehr gestritten. Den damaligen Außenminister Joschka Fischer traf ein Farbbeutel am Kopf, draußen demonstrierten die einstigen Geburtshelfer aus der Friedensbewegung gegen ihre Grünen.

Begeisterte Eintracht unter den Delegierten

Zwei Jahrzehnte später herrscht begeisterte Eintracht. Die Delegierten bescherten Baerbock mit 97 Prozent das beste Ergebnis, das je ein Vorsitzender bekommen hat. Habeck kam auf 90 Prozent, was ebenfalls ein starkes Resultat ist. Habeck gratulierte seiner Co-Vorsitzenden als Erstes. Sie hatte Tränen des Glücks in den Augen. Die Grünen verfügen über drei Vorteile, die sie derzeit den anderen Parteien überlegen machen.

Vorteil 1: Beide Parteichefs haben das Zeug zum Kanzler. SPD und CDU sind sich nicht sicher, ob sie überhaupt einen geeigneten Kandidaten oder eine geeignete Kandidatin haben. Gelingt es Habeck und Baerbock, ihr enges Verhältnis zu bewahren, können die Grünen im Wahlkampf mit zwei Sympathieträgern punkten. Treibt die K-Frage aber einen Keil zwischen sie und kommt es zu einem hässlichen Machtkampf, kann sich der Vorteil in einen Nachteil verwandeln.

Neue Mitglieder jenseits der klassischen Klientel

Vorteil 2: Die Partei wächst. Allein in diesem Jahr sind bis Oktober 18 000 Mitglieder eingetreten. CDU und SPD schrumpfen hingegen. Die Grünen kratzen an der 100 000er-Marke. Vor vier Jahren hatten sie nur rund 60 000 Mitglieder. Die Neueintritte machen die Partei jünger und weiblicher. Selbst im Osten Deutschlands – jahrelang ein weißer Fleck auf der Grünen-Landkarte, gewinnt die Partei Mitglieder. Der Kampf gegen die Erderwärmung ist in vielen Milieus vermittelbar, die nicht zur klassischen Klientel gehören. Gleiches gilt für den Kampf gegen die AfD.

Vorteil 3: Die Grünen bemühen sich um neue Verbündete in der Gesellschaft. Dazu zählen die Gewerkschaften. Sichtbarstes Zeichen dafür ist der Beschluss, den Mindestlohn auf zwölf Euro brutto je Stunde zu erhöhen. Diese bewusste Öffnung ist für die Gewerkschaften eine Chance, im Parteiensystem die Schwäche der SPD und der Linken durch eine andere Partei auszugleichen. Damit die Zusammenarbeit ein Erfolg werden kann, müssen die Grünen aber noch den Habitus der Partei der Café Latte schlürfenden Großstädter ablegen.

Der Parteitag in Bielefeld wurde zur Kampfansage an die politischen Konkurrenten. Die Grünen trugen sie aber nicht verbissen, sondern mit einem Lächeln vor. Die SPD laboriert derweil weiter an sich selbst, die CDU verstrickt sich in einen griesgrämigen Machtkampf. Ein guter Wahlkampf könnte die Grünen bis auf 25 Prozent führen. Bei anhaltender Schwäche von CDU und CSU kann die einstige Anti-Partei dann mit Glück sogar Kanzlerpartei sein.

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