LONDON

Kommentar: Prinz Andrews Schritt kommt viel zu spät

Prinz Andrew hat seine öffentlichen Ämter niedergelegt und in Aussicht gestellt, im Missbrauchsfall um den toten US-Geschäftsmann Jeffrey Epstein bei den Ermittlungsbehörden in den USA auszusagen. Dieser Schritt des Prinzen war unausweichlich und doch kommt er viel zu spät.

Die Fakten liegen seit langem auf dem Tisch, die Anschuldigungen sind ebenfalls altbekannt. Es ist ein Skandal, dass der Druck auf den Prinzen erst durch das fassungslos machende BBC-Interview vom Wochenende so massiv wurde, dass er Konsequenzen ziehen musste, die ohnehin nur ein Anfang sein können. In dem Interview äußerte er kein Wort des Bedauerns, der Reue, der Empathie für die minderjährigen Mädchen und jungen Frauen, die Epstein sexuell missbraucht und zur Prostitution angestiftet haben soll. Von dem Missbrauch will Prinz Andrew weiterhin nichts gewusst haben. Für den Prinzen geht es jetzt vor allem um Schadensbegrenzung.

Nun plötzlich will Andrew „tiefes Mitgefühl“ mit den Opfern verspüren? Plötzlich will er seine Verbindung mit dem verurteilten Sexualstraftäter Epstein, der sich im August in einem New Yorker Gefängnis das Leben genommen hat, bereuen? Das ist wenig glaubhaft. Vielmehr hat er seine wahre Natur bereits entlarvt.

Das System, das die Privilegierten schützt, wandelt sich nur langsam

Arrogant und abgehoben präsentierte er sich, offenbarte das typische Selbstverständnis des britischen Establishments, in dem viele einflussreiche Männer noch immer denken, ihnen gehöre die Welt. Dieses System, das die Privilegierten schützt und die Reichen und Mächtigen bevorteilt, wandelt sich leider nur langsam. Aber zumindest Hoffnung auf einen Umbruch besteht – ausgelöst durch die Enthüllung mehrerer Missbrauchsfälle und Pädophilenskandale in den vergangenen Jahren, die die Insel erschütterten. Betroffen waren so ziemlich alle Bereiche, auf die die Briten besonders stolz sind: die Unterhaltungsbranche genauso wie die BBC, das Parlament und die Politszene, das Rechtssystem und die Musikindustrie.

Prinz Andrews Name fiel in diesem Zusammenhang schon damals. Trotzdem musste er keine polizeilichen Ermittlungen fürchten, und auch die Medien gingen vergleichsweise schonend mit ihm um. Vor allem, weil die royale Jubelpresse es sich mit der Königsfamilie generell nicht verscherzen wollte, auf deren glamouröse Bilder TV-Sender sowie die bunten Blätter angewiesen sind, um das nach Klatsch gierende Publikum zu bedienen. Zu viel Kritik und kontrollierender Journalismus des völlig intransparenten Königshauses können da schnell zum Ausschluss aus dem Zirkel der Hofberichterstatter führen.

Die Queen hat viel zu lange mit einer Entscheidung gezögert

Dabei wäre es angebracht, weitaus öfter und genauer hinter die schweren Vorhänge des Palasts zu blicken. Auch dass insbesondere Königin Elizabeth II. beinahe als unantastbares Heiligtum gilt, das nicht nur in Großbritannien verehrt wird, darf man als ungesund bezeichnen. Sie müsste nun ebenfalls in den Fokus der Kritik rücken, hielt sie doch seit Jahren und vor allem in den vergangenen Wochen demonstrativ zu ihrem angeblichen Lieblingssohn. Symbolisch etwa fuhr die Queen gemeinsam mit ihm im Auto zur Kirche. Und es war sie, die viel zu lange mit der überfälligen Entscheidung bezüglich ihres Sohnes zögerte.

Die 93-Jährige ist die Chefin der Firma Windsor. Und sollte durch ihre Rolle als Beschützerin von Andrew in dem Skandal, der die Monarchie jetzt schon schwer beschädigt hat und noch auf lange Zeit beschäftigen wird, ebenfalls in die Verantwortung genommen werden.

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