AUGSBURG

Kriminologe im Interview: Ist unser Land wirklich gefährlicher geworden?

Die meisten Menschen fühlen sich sicher auf der Straße, sagt Kriminologe Johannes Luff. Foto: privat

Nach der Tat in Augsburg fragen sich viele Menschen, ob man nachts noch auf die Straße gehen kann. Der Kriminologe Johannes Luff – er ist Leiter der Kriminologischen Forschungsgruppe der Bayerischen Polizei – spricht über diese gefühlte Unsicherheit und erklärt, warum Jugendliche zu Gewalttätern werden.

Frage: Oft hört man den Satz: „Ich traue mich nicht mehr auf die Straße.“ Können Sie das nachvollziehen?

Johannes Luff: Einige wenige Straftaten, die besonders großes Aufsehen erregen, verändern das Sicherheitsempfinden der Menschen heute viel stärker als früher. Denn es wird ja nicht mehr nur in der Zeitung darüber geschrieben, sondern auch in Sozialen Netzwerken. Dort kommen zu den reinen Fakten häufig Falschbehauptungen, Gerüchte, Emotionen und Wut. Das ergibt eine Stimmung, die dann in den Köpfen herumgeistert und die Angst macht.

Wenn wir auf die Statistik schauen: Ist Deutschland unsicherer geworden oder nicht?

Luff: Nein. Aber insgesamt ist das Gefühl der Unsicherheit in den vergangenen Jahren leicht angestiegen. 2012 haben sich rund 17,3 Prozent der Deutschen im öffentlichen Raum sehr unsicher oder eher unsicher gefühlt. Im Jahr 2017 waren es 21,5 Prozent. Das heißt aber auch, dass sich fast 80 Prozent der Bürger sicher fühlen.

Der Hauptverdächtige in Augsburg ist 17. Sinkt die Hemmschwelle zur Gewalt bei Jugendlichen?

Luff: Mit Fakten ist das nicht zu belegen. Gewaltstraftaten von Jugendlichen sind in den letzten zehn Jahren sogar zurückgegangen. Was jetzt passiert ist, war ja keine zielgerichtete Gewaltstraftat, sondern eine nicht erwartbare kurze Eskalation, ein Überkochen, wie es für Taten von Jugendlichen typisch ist.

Woher kommt die Aggression?

Luff: Ein Teil des Problems ist die Kommunikation in der Smartphone-Generation, die immer seltener direkt stattfindet. In Sozialen Netzwerken fallen Hemmungen im Umgang miteinander. Gleichzeitig nehmen viele als bare Münze, was da so verbreitet wird. Und manche lassen sich dadurch sogar zu Gewalt anstacheln.

Warum trifft diese Aggression dann jemanden, mit dem die Täter gar nichts zu tun haben?

Luff: Jede Tat hat in der Regel einen Auslöser. Das können schon Nichtigkeiten sein, ein falsches Wort oder ein vermeintlich falscher Blick, eine versehentliche Rempelei. Auch Alkohol ist ein sehr häufiger Auslöser für Gewalt. Unsere Studien belegen ganz klar: Körperliche Auseinandersetzungen im öffentlichen Raum, nachts, durch Jugendliche, ereignen sich ganz überwiegend dann, wenn Alkohol im Spiel ist.

Aber nicht jeder Betrunkene wird gewalttätig.

Luff: Natürlich nicht. Es gibt auch tiefer liegende Ursachen. Ein Beispiel: Wir leben in einer Welt, in der es sehr oft darum geht, sich als Individuum durchzusetzen. Eine komplizierte Welt, die manche Menschen überfordert. Erst recht, wenn sie schlechte persönliche Perspektiven haben. Dann kommt Frustration auf. Und Frust ist der Nährboden für Aggression.

Der Hauptverdächtige von Augsburg ist hier geboren, hat einen deutschen, einen türkischen und einen libanesischen Pass. Jugendliche mit Migrationshintergrund werden verhältnismäßig oft straffällig . . .

Luff: Das hat jedenfalls nichts mit dem Pass oder der Hautfarbe zu tun, sondern vor allem mit den Lebensumständen. Menschen, die keine oder eine schlechte Schulausbildung haben, die kaum eine wirtschaftliche Perspektive sehen, neigen besonders zu Gewalt. Da wären wir wieder beim Thema Frust und Aggression. Wer dann auch noch als Kind im eigenen Umfeld und in der Familie erlebt, dass Gewalt ein normales Mittel ist, um Konflikte auszutragen, neigt dazu, später auch selbst zuzuschlagen. Ein weiteres Problem: Wenn viele Menschen auf engem Raum zusammenleben müssen und sich zu Hause nicht zurückziehen können, gehen Jugendliche eben auf die Straße, schließen sich Gruppen an, in denen sie dann versuchen, sich besonders zu profilieren.

Einige der Verdächtigen aus Augsburg waren wegen kleinerer Delikte bereits polizeibekannt. Wie oft eskalieren solche kriminellen Karrieren?

Luff: Zum Glück ist das die Ausnahme. Viele männliche Jugendliche begehen irgendwann im Leben eine Straftat, die oft unbemerkt bleibt. Ladendiebstahl, Sachbeschädigung oder so etwas. Das ist jugendtypisch, das war schon immer so. Bei den meisten hört das schlagartig auf, wenn sie eine Partnerin finden, einen Job haben, vielleicht sogar Vater werden. Nur bei einem kleinen Teil, etwa zehn Prozent, wird daraus eine kriminelle Karriere.

Welche Rolle spielt das Thema Integration bei der Frage, ob jemand auf die schiefe Bahn gerät?

Luff: Das ist durchaus ein entscheidender Faktor. Integration ist dann gelungen, wenn Kinder die deutsche Sprache beherrschen, in der Schule gut mitkommen, einen Beruf erlernen und selbst für sich sorgen können. Dann sind sie Teil dieser Gesellschaft, dann verringert sich die Gefahr, dass Frust entsteht, aus dem Gewalt wird. Integration bedeutet aber eben auch, dass Menschen, die aus anderen Ländern hierher kommen, nicht nur unter sich bleiben. Es reicht nicht, dass eine Stadt oder ein Land und seine Bürger bereit sind, Menschen aufzunehmen. Sondern diese Menschen müssen auch ihren Teil beitragen.

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